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| 21:46 Uhr

RUNDSCHAU fragte Lausitzer zum Start ins neue Jahr
Was macht uns glücklich?

 Vier Blätter sollen Glück bringen. Aber was ist Glück?  Da hat jeder seine ganz eigenen Vorstellungen.
Vier Blätter sollen Glück bringen. Aber was ist Glück? Da hat jeder seine ganz eigenen Vorstellungen. FOTO: Andrea Warnecke
Cottbus. Persönlichkeiten aus der Region haben der RUNDSCHAU verraten, was für ein glückliches Leben wichtig ist. Neben einem Spitzensportler, kommen Autoren und Therapeuten zu Wort. Sie geben einen persönlichen Einblick in ihre Biografie und sprechen offen über Krisen und Höhen in ihrem Leben. Von Christina Wessel

Karin Donath aus Cottbus kennt die großen Krisen, mit denen Menschen im Lauf eines Lebens konfrontiert werden. Seit 1998 berät sie Klienten in schwierigen Zeiten. Sie weiß, wovon sie spricht. In den 90er Jahren – vor Eröffnung ihrer Praxis – durchlebte sie selbst eine schwere Krise. Nach der Wende stand sie vor einem Scherbenhaufen. Ihre Ehe war gescheitert, das Selbstbewusstsein im Keller. Außerdem plagten sie von Kindheit an extreme körperliche Beschwerden. Geholfen hat am Ende das Unerwartete. „Ich habe aufgehört, mich in den Problemen zu verbeißen und bin ihnen stattdessen offen begegnet.“ Plötzlich gab es mehr Möglichkeiten als Hindernisse. Die Probleme waren nicht weg. Aber ihre Haltung gegenüber den Schwierigkeiten, mit denen sie sich konfrontiert sah, hatte sich grundlegend geändert. „Ich habe verstanden, dass alle Probleme eher ein Ausdruck meiner eigenen Unfähigkeit waren, damit umzugehen“, sagt Donath rückblickend. Sie geht sogar noch einen Schritt weiter, wenn sie sagt: „Aus menschlicher Sicht ist kein Problem unlösbar. Es geht vielmehr darum, die Herausforderung anzunehmen und sich den Konflikten zu stellen.“ Sie habe gelernt, dass es wichtig ist, in der Ruhe zu handeln. Ein Zustand, der sich über das aufmerksame Wahrnehmen der Umwelt erreichen lasse. Die Sinne ermöglichen uns dabei die Konzentration auf das Wesentliche des Moments: den Wind, die Sonne, dem Atem. Denn erst aus der inneren Ruhe heraus lassen sich die großen Probleme lösen. Sehr oft beobachtet sie in ihrer Cottbuser Praxis, dass sich Menschen in den Konflikten der Vergangenheit verbissen haben. „Es kommt aber darauf an, sich selbst und den anderen zu verzeihen. Die alte Wut muss losgelassen werden. Erst dann ist ein Neubeginn möglich.“ Der Schmerz, die unangenehmen Gefühle seien letztlich auch Teil des Glücks, sagt Donath abschließend. Einen Wunsch habe sie allerdings schon für das Jahr 2019. „Die wichtigste Grundlage für unser Glück ist die Gesundheit.“

Gesundheit und Glück

 Zwischen Erfolg und Erschütterung: Bahnradprofi Maximilian Levy hat im Lauf seiner Karriere viel erreicht. Damit einher gingen aber auch viele Entbehrungen und körperliche Blessuren.
Zwischen Erfolg und Erschütterung: Bahnradprofi Maximilian Levy hat im Lauf seiner Karriere viel erreicht. Damit einher gingen aber auch viele Entbehrungen und körperliche Blessuren. FOTO: Frank Hammerschmidt

Eine Erkenntnis, die Bahnrad-Profi Maximilian Levy am eigenen Körper machte. Im Lauf seiner zehnjährigen Karriere im Spitzensport hat er sich mehrmals das Schlüsselbein gebrochen. Einmal entzündete sich die OP-Wunde so gravierend, dass Teile des Knochens neu aufgebaut werden mussten. Die Ärzte entnahmen dazu Teile des Beckenknochens. Schlimmer noch: Als seine Team-Kollegin Kristina Vogel auf der Bahn in Cottbus stürzte, zählte Levy zu den Ersthelfern. Seine Weggefährtin sitzt seitdem im Rollstuhl. „Diese Erfahrung hat mir gezeigt, dass es wichtig ist, die Erfüllung seiner Träume nicht auf die lange Bank zu schieben“, sagt der 31-Jährige. Nach dem traumatischen Vorfall im Juni 2018 hat er beschlossen, die großen Entscheidungen schnell in die Tat umzusetzen. Levy verrät nur so viel: „Das sind sehr persönliche Dinge, die ich jetzt geregelt habe.“ Ansonsten hält es der Radprofi wie viele Philosophen der Vergangenheit, wenn er sagt: „Die Tatsache, dass nichts passiert, ist für mich auch Glück“. In einem Punkt sind sich die Philosophen nämlich einig: Das hartnäckige Fragen und Suchen nach dem Glück ist scheinbar eine Obsession der Unglücklichen. „Frage dich, ob du glücklich bist, und du hörst auf, es zu sein“, postulierte bereits der englische Philosoph John Stuart Mill. Für Levy liegt die Zufriedenheit im Kleinen: im direkten Kontakt zu Freunden und zum sozialen Umfeld. „Was nützt uns das Gespräch am Telefon, wenn wir uns doch von Mensch zu Mensch sprechen können“? Überhaupt liege das Glück viel näher als wir es erwarten. Zumeist ist damit die Familie gemeint. So begreift es auch Spitzensportler Levy: „Ich habe zwei Kinder und wenn ich sie lachen sehe, dann ist das für mich Glück“. Ein Grund, warum er keine großen Wünsche für 2019 hegt. Allein eine Sache fällt ihm dann doch ein. Er wird 2019 zum dritten Mal Vater und ein Vorhaben hat er sich dazu notiert: „Ich möchte mehr Zeit zuhause verbringen“.

Arbeit und Glück

 Geld und Spiele: Michael Linke erklärt den Menschen die Grundlagen der Finanzwirtschaft auf eine spielerische Weise.
Geld und Spiele: Michael Linke erklärt den Menschen die Grundlagen der Finanzwirtschaft auf eine spielerische Weise. FOTO: LR / Daniel Schauff

Heute forschen nicht mehr nur Philosophen nach den Ingredienzien des Glücks. Soziologen wollen auch herausfinden, wo die glücklichsten Menschen leben. Der Niederländer Ruut Veenhoven hat die weltgrößte Glücksdatenbank gegründet, in der internationale Publikationen zum Thema analysiert werden. Unter den Bewohnern von 97 Ländern sind demnach die Dänen am glücklichsten, es folgen die Schweizer und Isländer. Die Deutschen liegen bei diesem Ranking im Mittelfeld. Gründe für dieses Ergebnis sieht Veenhoven in der langen demokratischen Tradition der skandinavischen Länder mit einer zuverlässigen Regierung, der Mitbestimmung der Bürger und dem materiellen Wohlstand. Was passiert, wenn ein materieller Grundpfeiler für ein zufriedenes Leben wegbricht, weiß Karola Berndt. Als Gewerkschaftssekretärin der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Industrie (IG BCE) hat sie in der Lausitz viele Schicksale nach der Wende begleitet. Jetzt, ein Jahr vor ihrem Ruhestand, wünscht sie sich für die Arbeitnehmer in der Region vor allen Dingen Perspektiven. „In den 90er Jahren musste ich erleben, wie gestandene Männer vor mir saßen und weinten.“ Sie hatten ihr Leben lang im Bagger, an der Schaltwarte oder in der Lok gearbeitet und wussten plötzlich nicht mehr, was sie mit ihrer Zeit anfangen sollten. Das Glück, so hat es Berndt in den Jahren des Engagements erfahren, darf nicht allein vom Beruf abhängen. Wichtig sei auch eine deutliche Trennung von Arbeit und Privatleben sowie eine Aufgabe, die weniger mit dem Job als mit der Gemeinschaft zu tun hat, zum Beispiel ein Ehrenamt.

Im besten Fall beinhalte auch die Erwerbstätigkeit für Menschen eine sinnstiftende Komponente. Aus zahlreichen Gesprächen mit Arbeitnehmern weiß Berndt: „Zufriedenheit im Job erleben Mitarbeiter dann, wenn sie Gerechtigkeit und Wertschätzung in ihrer Tätigkeit erfahren“. Das kann sich auch in Kleinigkeiten ausdrücken. So berichtete ihr ein Arbeitnehmer mit großer Freude, dass der Chef nach 20 Jahren endlich wieder ein Weihnachtsessen für die Angestellten seiner Firma organisiert habe. Was passiert, wenn die Arbeit krank macht, musste Berndt in ihrer unmittelbaren Umgebung erleben. „Mein Mann ist an seiner Arbeit verzweifelt und krank geworden. Erst durch das Engagement für die Gemeinschaft hat er ins Leben zurückgefunden.“ Ein Aspekt, der für die Gewerkschaftssekretärin selbst sehr wichtig ist. „Ich habe mit als Elternsprecherin und in der Jugendarbeit eingebracht. Zuletzt konnte ich eine Ausbildung als Mediator abschließen.“

Finanzen und Glück

Forscher haben festgestellt, dass Geld tatsächlich glücklich macht. Aber nur, wenn man arm ist. Sobald die wichtigsten Bedürfnisse befriedigt sind, flacht die Glückskurve ab, je mehr man verdient. Das dürfte mit einer Eigenschaft des Menschen zu tun haben, die bei der Suche nach dem Glück hinderlich ist. Es handelt sich dabei um die Neigung, sich ständig zu vergleichen. Ein Verhalten, vor dessen schädlicher Wirkung schon der dänische Philosoph Søren Kierkegaard warnte: „Das Vergleichen ist das Ende des Glücks und der Anfang der Unzufriedenheit“. Ein Verhalten, das mit großer Sicherheit zu einem guten Gefühl führt, hat mit Körperkontakt zu tun. Besonders intensiv wirken nämlich Berührungen auf das Glückszentrum ein: Wenn sie länger als 20 Sekunden dauern, werden das Bindungshormon Oxytocin und körpereigene Endorphine ausgeschüttet. Wer einen 500-Euro-Schein genauso lange berührt, erlebt dies nicht. Michael Linke hat sein Glück trotzdem in der Finanzbranche gefunden. Sein Weg in ein zufriedenes Leben nahm seinen Anfang im Leid. „Das war eine Zeit in meiner Biografie, in der ich sehr unglücklich war.“ Linke arbeitete für ein Logistik-Unternehmen, hatte sich gerade von seiner Freundin getrennt und beim Sport eine schwere Verletzung erlitten. „Ich wollte einen Neuanfang, wusste aber erstmal nicht weiter“, erinnert sich der 31-Jährige an diese schwere Zeit in seinem Leben. Durch einen Freund kam er mit der Welt der Finanzen in Kontakt. Ein Terrain, das er sich langsam erobern musste. Mittlerweile hat er seinen Platz im Leben gefunden. „Mir hat geholfen, dass ich meine Komfortzone verlassen habe, dass ich den Mut für Veränderung gefunden habe“, sagt Linke heute. Wenn er mit seinen Kunden spricht, dann hat er das Gefühl, ihnen zu helfen. Ein Aspekt, der noch immer Freude macht. „Geld ist für die meisten Menschen existenziell wichtig. Ihnen zu erklären, wie sie den Umgang mit ihren Finanzen optimieren, macht mir Spaß.“ Eine Freude, die ihren Ausdruck auch in Form eines Spiels gefunden hat. Zusammen mit einem Kollegen hat Linke das Brettspiel „Kompass“ erfunden, in dem es um strategische Geldanlagen geht. Dabei werden auch wichtige Begriffe der Finanzwelt für den Laien erklärt und veranschaulicht.

 Kunst der Kommunikation: Für Familientherapeut Rigo Piotrowski zeichnet sich eine gute Beziehung durch gelungene Gespräche aus.
Kunst der Kommunikation: Für Familientherapeut Rigo Piotrowski zeichnet sich eine gute Beziehung durch gelungene Gespräche aus. FOTO: LR / Daniel Friedrich

Partnerschaft und Glück

So unterschiedlich die Lebensläufe und Erfahrungen der Fachexperten aus der Region sind, eines eint die meisten: Sie alle haben aus einer schwierigen Situation heraus eine Veränderung begonnen, die zu einem zufriedeneren Leben führte. Vielleicht leitet uns die Frage nach dem Urgrund des Glücks zwangsläufig über die Erforschung des Unglücks. Familientherapeut Rigo Piotrowski hat in seiner Praxis schon häufig erlebt, wie sich Paare nach der Bewältigung einer Krise wieder angenähert haben. „Wer es in dieser schwierigen Zeit schafft, miteinander zu kommunizieren, hat gute Chancen, dass die Beziehung die Konflikte überdauert.“ Mehr noch: Im besten Fall stärkt das Paar durch die Auseinandersetzung das Vertrauen ineinander. Ein Verhalten, das dagegen wenig sinnvoll ist, beschreibt Piotrowski so: „Wer sich verkriecht, der Kommunikation aus dem Weg geht und nicht über seine Bedürfnisse spricht, macht eine Annäherung extrem schwierig“. Dabei liege die Kunst der Beziehungsführung in der Pflege des gemeinsamen Lebens. Dazu gehört nach Erfahrung des Therapeuten eine offene Kommunikation, gemeinsame Erlebnisse, wie ein Urlaub oder Ausflug und die Aufmerksamkeit dem Anderen gegenüber. Dass die Partnerschaft zu den Lebenspfeilern zählt, die einen Menschen glücklich machen können, ist für Piotrowski unbestritten. „Vieles hängt dabei von den Erwartungen des Paares ab.“ So dürfe man das Glück nicht allein von der Beziehung abhängig machen. „Bewahren Sie ihre eigenen Interessen und finden Sie Gemeinsamkeiten, die Sie kultivieren“, umschreibt Piotrowski die gelungene Mischung in einer Partnerschaft. Er selbst begreift Glück als einen Zustand der inneren Zufriedenheit und dem Vermögen, die Dinge, die einem passieren, nicht überzubewerten. „Oft betrachten wir Ereignisse negativer als sie eigentlich sind.“ Meistens, so seine Bilanz, verberge sich hinter einem vermeintlich negativen Ereignis eine Chance zur Veränderung.