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| 07:59 Uhr

Tag der Organspende
„Sie sind saniert“: Drei Lausitzer und ihr neues Leben

Kai Dietrich
Kai Dietrich FOTO: privat / der nette Kollege
Werder/Cottbus. „Ich habe gerade erst mit meinem Arzt das elfte Jahr gefeiert“, sagt Kai Dietrich, der lange in Elsterwerda gelebt hat. Seit 14. März 2007, das Datum weiß er genau, lebt er mit einer Spenderniere.

Bekommen hat er das Organ von seiner Mutter; eine sogenannte Lebendspende. Am Anfang, sagt Dietrich, habe er das gar nicht gewollt, aber seine Mutter und sein Arzt hätten alles Nötige dafür an ihm vorbei in die Wege geleitet und ihn dann quasi vor die Entscheidung gestellt. Mittlerweile ist er froh darüber.

Bevor es so weit war, musste er zweieinhalb Jahre zur Blutwäsche (Hämodialyse), dreimal die Woche für mehrere Stunden. Das habe ihm körperlich schon sehr zugesetzt. Schließlich werden bei der Dialyse dem Körper nicht nur Giftstoffe entzogen, sondern auch Flüssigkeit, Nährstoffe. Trotzdem sei er weiter arbeiten gegangen, was nur dank eines verständnisvollen Arbeitgebers und verständnisvoller Kollegen möglich gewesen sei.

Heute geht es ihm gut. „Ich bin stabil, es ist alles in Ordnung. Ich lasse meine Werte aller sechs Wochen checken. Mein Arzt sagt, so wie es jetzt aussieht, schafft die Niere nochmal elf Jahre. Das wäre schön.“

Ein Spenderorgan schafft im Schnitt 20 Jahre. Birgit Lück, die seit fünf Jahren die Cottbuser Selbsthilfegruppe Niere leitet, sagt: „Wir haben aber auch eine Frau in der Selbsthilfegruppe, die ihr Spenderorgan schon länger hat.“ Auch Birgit Lück lebt mit einer Spender­niere. Vor rund 20 Jahren wird bei der heute 56-Jährigen eine autoimmun bedingte Entzündung der Nieren diagnostiziert. Anfangs reichen Medikamente, dann wird Dialyse nötig. Sieben Jahre lang macht sie eine sogenannte Bauchfelldialyse.

Über einen Katheter fließt mehrmals am Tag eine sterile Dialyselösung in die Bauchhöhle. Nach dem Prinzip der Osmose wandern giftige Stoffwechselprodukte aus dem Blut über das Bauchfell in die Dialyselösung. Nach einigen Stunden ist die Dialyselösung mit Giftstoffen gesättigt und wird ausgetauscht. Das Verfahren kommt in Deutschland noch nicht oft zum Einsatz, wird nur bei fünf Prozent der Patienten, die eine Dialyse benötigen, angewendet.

Birgit Lück hat weiter voll gearbeitet. Neben der Arbeit musste sie dann regelmäßig die Dialyselösung tauschen. Der Infusionsständer war ihr treuer Begleiter. Hätte sie kein Spenderorgan bekommen, wäre aber auch Birgit Lück irgendwann nicht mehr um die Blutwäsche herum gekommen. Doch 2007 kommt der Anruf, dass eine Spenderniere bereitsteht. Nach der Transplantation sagt der Arzt zu ihr: „Sie sind saniert.“

Seitdem muss sie ihr Leben nicht mehr um den Austausch von Dialyse-Lösungen herum organisieren, sagt: „Mir geht’s gut.“ Damit ihre neue Niere noch lange durchhält, haushalte sie mit ihren Kräften, trinke viel.

Vorsichtig angehen lässt es derzeit auch Petra Laube. Die 67-jährige Cottbuserin hat vor rund sechs Wochen eine Spenderniere erhalten. Es ist ihre zweite. Die erste Niere, die ihr das Gefühl gab wieder gesund und fit zu sein, wollte nach 17 Jahren nicht mehr richtig arbeiten. Kurz vor ihrem 60. Geburtstag geht es Petra Laube wieder schlecht, sie muss die große Geburtstagsfeier absagen und sie muss wieder an die Dialyse, sagt: „Das war schlimm.“

Ihr Mann habe gerade aufgehört zu arbeiten, man wollte zusammen reisen, das Rentenalter unbeschwert genießen. Auch, wen es Reisen speziell für Dialysepatienten gibt, die unterwegs Dialysebehandlungen gewährleisten: Es ist etwas anderes einfach loszufahren, statt vorher alles penibel um die Dialyse herum zu organisieren. Das muss sie nun seit 3. April nicht mehr, sagt: „Bis jetzt klappt alles gut.“ Allerdings merke sie, dass ihr Körper jetzt wesentlich länger brauche, um zu regenerieren.

Kai Dietrich aus Werder geht an jedem 14. März, an dem er die Niere von seiner Mutter transplantiert bekommen hat, mit ihr schön essen. Mit dabei sind auch immer seine Frau und sein fast siebenjähriger Sohn.

Wenn er an das Thema Organspende denkt, dann hält er es für wichtig, dass Menschen sich vorher unbedingt Gedanken machen, ob sie Organe spenden möchten, und wenn dem so ist, dann sollte das unbedingt den Familienangehörigen mitgeteilt werden: „Es ist doch schlimm, wenn die Angehörigen dann gefragt werden, ob Organe gespendet werden sollen und die Angehörigen überhaupt nicht wissen, ob derjenige das gewollt hätte.“ Ein klares Bekenntnis für oder gegen eine Organspende könne der Familie ein solches Szenario ersparen.

Obwohl Kai Dietrich mit einer Spenderniere lebt, ist er nicht sicher, wie er entscheiden würde, wenn es um seinen Sohn gehen würde, ob er dann einer Organspende zustimmen könnte. „Das muss jeder für sich entscheiden.“

Wilfried Dschietzig, 2007 noch Leitender Arzt im Nephrologicum Lausitz und Mitbegründer der Gemeinschaftspraxis mit Dialyse – eine der ersten im Land Brandenburg vor 25 Jahren – war damals der betreuende Arzt von Kai Dietrich, Dschietzig sagte damals in einem Gespräch mit der Lausitzer Rundschau: „Es ist doch ein schöner, edler Gedanke und ein höchst menschlicher Akt, dass ein gesundes Herz besser in einem anderen Menschen weiterschlägt, als in die Erde oder ins Feuer zu gehen.“ ⇥Lydia Schauff

Birgit Lück
Birgit Lück FOTO: Nephrologicum