| 15:19 Uhr

„Sexpapst“ voller Frust übers Sexleben - Borneman wäre 100 geworden

Scharten. Die schönste Sache der Welt war für den Sexualforscher Ernest Borneman, der vor 100 Jahren geboren wurde, eine tückische Angelegenheit. Er ortete vielfach Frust in den Betten und empfahl dringend, Bedürfnisse auszuleben - lange vor „Fifty Shades of Grey“. Matthias Röder

Mal ehrlich. Wissen Sie, welche Art Sex Sie im Bett wirklich brauchen? Kennen Sie Ihre Bedürfnisse - und nicht nur Ihre Wünsche? Der österreichische SexualforscherErnest Borneman war sich vor Jahrzehnten sicher, dass die Selbsterkenntnis eine seltene Gabe beim Sex ist. „Keiner weiß, dass er Masochist ist, bevor er einem praktizierenden Sadisten begegnet“, formulierte Borneman. Der aktuelle Run auf die Erotik-Trilogie „Fifty Shades of Grey“ könnte ein Indiz für die Aktualität der Thesen sein.

Borneman selbst trieb das Thema Beziehung und Sex in den Tod. Als die Liaison mit einer 42 Jahre jüngeren Kollegin scheiterte, griff er zu Tabletten und brachte sich 1995 um.

Der wegen seiner markanten Sprüche in den Medien als „Sexpapst“ gehandelte Forscher, der am 12. April 100 Jahre alt geworden wäre, war nicht „nur“ Professor. Er schrieb Drehbücher, produzierte TV-Sendungen und brach in seinem wissenschaftlichen Hauptwerk „Das Patriarchat“ (1975) eine Lanze für die Frauen. Mit seinem Bild der historisch tief sitzenden Verachtung des weiblichen Geschlechts wollte er die Frauen im feministischen Kampf munitionieren. Das blieb ohne Resonanz.

„Es war ein vergeblicher Flirt mit der Frauenbewegung. Das musste ihn enttäuschen“, sagt der Psychoanalytiker und Psychotherapeut Prof. Josef Christian Aigner von der Universität Innsbruck. Generell war der Ruf Bornemans in Wissenschaftskreisen nicht makellos. Als Ratgeber-Onkel habe er manchmal „eher auf Illustrierten-Niveau“ agiert, sagt Aigner. Aber er habe die möglichen Folgen der sexuellen Reizüberflutung, lange vor der Pornoschwemme im Internet, deutlich erkannt. Die Erotik als spannungsreiche Eroberung gerate tatsächlich mehr und mehr ins Hintertreffen. „Der Pornografie-Konsument erspart sich die Angst, am realen Objekt zu scheitern“, meint Aigner.

Die Weltsicht Bornemans wurde im Alter entsprechend immer düsterer. „Ich muss den Untergang und Verfall all jener Werte miterleben, an die ich Zeit meines Lebens geglaubt habe: den Sozialismus, die Sexualität, die Psychoanalyse“, sagte Borneman zum 80. Geburtstag.

Abseits des üblichen Lehrgetriebes hatte sich der in Berlin geborene Österreicher auf seinem Hof in der oberösterreichischen Gemeinde Scharten bei Linz fast verschanzt. Umgeben von seiner 30 000 Bände umfassenden Bibliothek mit Fachliteratur zum Thema Sexualität schrieb er eher pessimistisch über die Welt der Triebe.

Die Libido werde immer schwächer, die Geschlechter reagierten „zunehmend feindlich aufeinander“, klagte er. „Wir haben eine rasante und permanente Abwanderung gestandener Heterosexueller ins schwule Lager - nicht aus Liebe zum eigenen, sondern aus Hass auf das andere Geschlecht“, stellte er fest. Egal, was die Motive für einen Lustwandel sind: „Es gibt wenige Menschen, die ihr ganzes Leben lang sexuell eindeutig orientiert sind“, sagt der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Sozialwissenschaftliche Sexualforschung (DGSS), Jakob Pastötter.

Borneman hatte in London Musikwissenschaft, Archäologie und Psychoanalyse studiert, arbeitete als Jazzmusiker und ging zum Film - als Lektor in der Dramaturgie der Filmgesellschaft Criterion. 1948 leitete er die Filmabteilung der UN-Organisation für Bildung, Wissenschaft und Kultur (Unesco) in Paris. Aus seiner Zusammenarbeit mit Orson Welles stammt ein Drehbuch, das später unter dem Titel „Odysseus“ mit Kirk Douglas und Silvana Manganoverfilmt wurde. Weitere Filme und TV-Sendungen in England, den USA und Kanada folgten, bis Borneman 1961 nach Österreich ging, um sich der Sexualforschung zu widmen.

Sein Credo blieb die Selbstverwirklichung gerade beim Sex: „Wenn es etwas gibt, das wirklich schädlich ist, dann ist es die Anpassung an die herrschenden Normen.“ Das will Pastötter so nicht stehen lassen: „So ein Credo wird dem Bedürfnis des Menschen nach Normalität nicht gerecht.“