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| 18:56 Uhr

Brücken in Deutschland
„Sanierungsstau gibt es seit vielen Jahren“

Manfred Curbach, Professor an der Technischen Universität Dresden
Manfred Curbach, Professor an der Technischen Universität Dresden FOTO: hofmann sven / Sven Hofmann
Dresden . Professor an der TU Dresden gibt als Experte für Massivbau Auskunft über den Zustand deutscher Brücken.

Manfred Curbach, Professor an der Technischen Universität Dresden, sieht bei deutschen Brücken einen gewaltigen Sanierungsstau, lobt aber zugleich das hiesige Prüfsystem.

Kann sich ein Unglück wie in Genua auch in Deutschland ereignen?

Curbach: Es gibt natürliche keine hundertprozentige Sicherheit. Aber ein Unglück wie jetzt in Genua ist in Deutschland unwahrscheinlich.

Wieso?

Curbach: Weil es bei uns ein sehr ausgeklügeltes Sicherheits- und Überwachungssystem gibt. Jede Brücke wird alle sechs Jahre einer Hauptprüfung unterzogen. Dabei werden alle Indizien aufgenommen und katalogisiert, die auf einen Schaden hinweisen, und es gibt eine Zustandsnote. So wissen wir in Deutschland über den Zustand der Brücken genau Bescheid.

Gehen die Italiener ähnlich gründlich vor?

Curbach: Das kann ich nicht beurteilen. Ich halte es für einen sehr bedenklichen Vorgang, dass jetzt Vermutungen geäußert werden, dass diese Brücken vielleicht nicht kritisch überwacht worden wären …

… italienische Regierungsvertreter haben sich in dieser Weise geäußert …,

Curbach: … eine völlig unverantwortliche Verhaltensweise. Der Brückentyp selber ist jedenfalls einer, der funktioniert. Ingenieur Riccardo Morandi hat in den 60er-Jahren drei von diesen Brücken weltweit entworfen. Die größte steht in Venezuela und ist ein fantastisches Bauwerk. Was man sagen kann: Bei einem Einsturz gibt es meist nicht nur eine einzige Ursache, sondern es handelt sich oft um eine Verkettung mehrerer Umstände.

Sind es vor allem, wie jetzt in Genua, Brücken aus den 1960er-Jahren, die besonders gefährdet sind?

Curbach: Ja. Wir wissen heute, dass Beton altert, das hat man damals noch anders gesehen. Aber dadurch, dass man ihn immer beobachtet, kann man auch die Alterung erkennen und schnell reagieren.

Gibt es gerade bei Brücken, die 50, 60 Jahre alt sind, einen Sanierungsstau?

Curbach: Ja, den gibt es. Aber das wissen wir seit vielen Jahren. Das Verkehrsministerium hat auch entsprechend reagiert und stellt eine Milliarde Euro zur Verstärkung und Instandsetzung zur Verfügung. Da der Gesamtbedarf bei etwa zehn Milliarden Euro liegt, müssen wir das zehn Jahre lang durchhalten.

Haben die Baufirmen überhaupt genügend Kapazitäten, um Sanierungen in diesen Größenordnungen zu stemmen?

Curbach: Da braucht man natürlich gutes Personal, angefangen bei den Verwaltungen, die das Geld ausgeben, bis hin zu den Büros und Firmen, die nachher die Arbeiten ausführen. Das müsste aber vorhanden sein. Will man aber mehr als eine Milliarde Euro im Jahr ausgeben, bräuchte man vor allem mehr Bauingenieure.

Welche Rolle spielt der Lkw-Verkehr beim Verschleiß der Brücken?

Curbach: Eine sehr große, schon deshalb, weil er in den vergangenen Jahren stark zugenommen hat.

Helfen Tempolimits oder sind sie Augenwischerei?

Curbach: Das Tempo zu reduzieren, nutzt tatsächlich sehr viel. Es gibt aber noch weitere Maßnahmen, die man ergreifen kann: Man kann die Brücken ganz für Lkw sperren, man kann durch Verengung der Fahrspuren erreichen, dass nie zwei Lkw gleichzeitig eine Stelle passieren, und man kann Schilder aufstellen, dass Lkw einen Abstand von 50♦Metern halten müssen.

Welche Brücken in Deutschland  bereiten die größten Probleme?

Curbach: Das sind die Leverkusener Rheinbrücke, die große Autobahnbrücke über den Nord-Ostsee-Kanal und die Stadtautobahn-Brücke im Berliner Nordwesten. Aber zum Glück wird jede Brücke angeschaut, unabhängig von ihrer Größe oder Berühmtheit. Mich beruhigt es sehr, dass in Deutschland so stark überwacht wird und man immer wieder in der Lage ist zu reagieren.

⇥Mit Manfred Curbach
⇥sprach Michael Gabel.