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| 19:26 Uhr

Einmarschiert
„Viva Dubcek“-Parolen, verweigerte Zustimmung und ein Kirchenbrief

Protest in Senftenberg gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings  1968 in Senftenberg. Der Name „Dubcek“ tauchte an mehreren Stellen auf.
Protest in Senftenberg gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings  1968 in Senftenberg. Der Name „Dubcek“ tauchte an mehreren Stellen auf. FOTO: BStU
Cottbus . Vor 50 Jahren marschierten Truppen des Warschauer Paktes in die CSSR ein, um den „Prager Frühling“ gewaltsam zu beenden. In der Lausitz gab es viele Aktionen von Widerspruch und Protest gegen diese Niederschlagung einer reformsozialistischen Entwicklung. Auswirkungen der Ereignisse reichen für Historiker bis zum Mauerfall. Von Simone Wendler

Einen Demonstrationszug hatten Volker Rennert und seine Mitstreiter nicht im Sinn, als sie drei Tage nach dem Einmarsch in Prag den Bürgermeister von Lübbenau zu einer Diskussion über die Ereignisse zum Marktplatz der Stadt einluden. Der Bürgermeister kam nicht. Die Versammelten, meist junge Leute wie der damals 17-jährige Rennert, zogen durch die Stadt.

Doch sie kamen nicht weit. Polizei und Staatssicherheit lösten den Zug auf, aus dem „Dubcek“-Rufe erschallten. Es war der Name des inhaftierten tschechoslowakischen KP-Chefs. Rennert kam monatelang in Haft. Danach, so sagt er, sei er nur noch widerständiger geworden. Im Herbst 1989 gehörte er zu den Organisatoren der ersten Montagsdemos in der Spreewaldstadt.

Die aufgelöste Demo im August 1968 in Lübbenau war die vermutlich spektakulärste Aktion in der Region, mit der Widerspruch gegen den Einmarsch in Prag artikuliert wurde. Die inzwischen weitgehend aufgearbeiteten Akten der Staatssicherheit belegen das. Darin finden sich auch regelmäßige Berichte des DDR-Geheimdienstes an die regionale Parteiführung.

Rüdiger Sielaff, Leiter der Stasiunterlagenbehörde (BStU), Außenstelle Frankfurt (Oder), hat sich intensiv damit beschäftigt. „Es gab mehr Widerspruch als man vermutet“, so sein Eindruck. Der Blick auf den Prager Frühling habe vielen Menschen Hoffnung gegeben, dass es „auch anders geht als bei uns hier“. Für die Staatssicherheit sei dagegen klar gewesen, der Funke aus Prag sollte schon vor dem Einmarsch im August keinesfalls auf die DDR überspringen.

Vergleich mit Hitlers Überfall 1938 auf das Nachbarland.
Vergleich mit Hitlers Überfall 1938 auf das Nachbarland. FOTO: BStU

Der aktenkundige Protest in der Lausitz gegen die russischen Panzer in Prag war vielfältig. Schriftzüge wie „Viva Dubcek“ oder „Russen raus“ tauchten mit Kreide oder Farbe angebracht an Häuserwänden und auf Straßen auf. In Senftenberg wurde ein Hakenkreuz in das sowjetische Ehrenmal geritzt.

Inschriften mit den Zahlen 39 und 68 zogen Parallelen zur Okkupation Tschechiens durch Hitlerdeutschland. In Hoyerswerda wurden einige Flugblätter verteilt, von denen die Stasi annahm, sie seien mit einem Kinderdruckkasten hergestellt worden.

In Mühlberg hatte in diesen Tagen ein tschechoslowakischer Schleppkahn festgemacht. Auf der Seitenwand prangte der von den Matrosen angebrachte Schriftzug “ Wir protestieren gegen die Okkupation, es lebe Dubcek“. Tschechoslowakische Staatsbürger, die sich in der DDR aufhielten, wurden damals an der Heimreise gehindert. In Schwarzheide und Lübben wurden sie untergebracht und festgehalten, sagt Sielaff.

Auch solche Protestzeilen waren 1968 in  Senftenberg zu lesen. Der Blick auf den Prager Frühling hatte vielen Menschen Hoffnung gegeben.
Auch solche Protestzeilen waren 1968 in  Senftenberg zu lesen. Der Blick auf den Prager Frühling hatte vielen Menschen Hoffnung gegeben. FOTO: BStU

Entdeckte Protestlosungen wurden von der Stasi dokumentiert und mit großem Aufwand versucht, die Urheber zu finden. Umfangreiche Schriftanalysen wurden vorgenommen, Fährtenhunde eingesetzt. Der Erfolg war jedoch überschaubar.

Zeitgleich wurden in Schulen und Betrieben Unterschriften unter Erklärungen gesammelt, mit denen der Einmarsch in Prag als „Schutzmaßnahme“ bejubelt wurde. Auch dabei gab es Widerstand, zum Teil mit erheblichen Folgen. Ein Schüler der Erweiterten Oberschule in Cottbus verweigerte die Unterschrift. Die Begründung: die Maßnahme sei gegen das tschechoslowakische Volk gerichtet, trete die Demokratie mit Füßen.

Er wurde einige Wochen später ohne Zeugnis und in aller Stille von der Schule geworfen, konnte aber danach an der Abendschule noch sein Abitur machen und über Umwege später studieren. Noch vor 1989 verließ er die DDR.

Rüdiger Sielaff, Leiter von Brandenburgs  Stasi-Unterlagenbehörde in Frankfurt (Oder).
Rüdiger Sielaff, Leiter von Brandenburgs  Stasi-Unterlagenbehörde in Frankfurt (Oder). FOTO: dpa / Patrick Pleul

Im August 1968 gärte es auch unter den Künstlern am Theater der Bergarbeiter in Senftenberg. Dort sollte eine Resolution gegen die Maßnahmen der „Bruderländer“ verfasst werden. Die Stasi konnte das verhindern, so BStU-Außenstellenleiter Sielaff. Aktenkundig sei auch, dass die Schriftstellerin Brigitte Reimann ihre Unterschrift unter ein Jubelpamphlet zum Einmarsch verweigerte.

Recht deutlich bezog auch die Kirche Position. Nicht nur, dass in einzelnen Gemeinden für die tschechischen Bürger gebetet wurde, über 100 von 144 evangelischen Pfarrern in der Region verlesen am 08. 09. 1968 in ihren Kirchen am Ende des Gottesdienstes einen Brief. Dieser wurde kurz vorher von der Kirchenleitung Berlin-Brandenburg in einer außerordentlichen Sitzung beschlossen und richtet sich an den ökumenischen Rat der Kirchen in der CSSR.

Vorsichtig formuliert, stellt sich die Kirche darin gegen den Einmarsch. Sielaff bezeichnet die Aktion als durchaus mutigen Akt der Pfarrer. Das Schreiben zeige aber, dass auch die Kirche damals einem Irrtum aufgesessen war. Die Volksarmee der DDR hatte nicht wie vermutet die Grenze zur CSSR überquert, sondern war nur in erhöhte Gefechtsbereitschaft versetzt worden.

Für Jens Gieseke, Historiker am Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam, fällt der Blick auf den August 1968 in Prag differenziert aus. Trotz zahlreicher Proteste sei der Widerspruch gegen den Einmarsch nicht zu einer Massenbewegung geworden: „Die DDR-Führung hatte die Lage im Griff.“ Eine Reformphase nach dem Mauerbau unter Walter Ulbricht sei schon vor 68 beendet worden. „Die Hardliner in der Partei fühlten sich durch Prag bestätigt“, so Gieseke.

Auch der massive Ausbau der Staatssicherheit hatte damals bereits begonnen. Seit 1965 seien dort bereits jährlich rund 3000 neue Stellen geschaffen worden. Mit dem Einmarsch in Prag sei endgültig klar gewesen, es werde keine Reformen geben. „Der Rahmen war abgesteckt bis Gorbatschow“, so der Historiker.

Trotzdem seien die Ereignisse von damals nicht nur eine Geschichte des Scheiterns. Der „Prager Frühling“ sei ja auch so etwas wie der Anfang von Zivilgesellschaft in der Tschechoslowakei gewesen: „Da haben Menschen angefangen, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen.“ Das sei auch Erbe  von  68, so Gieseke.

Und noch eine spätere Wirkung der damaligen Ereignisse sieht der Historiker. Damals sei eine neue Generation von Oppositionellen herangewachsen, die durch die Ereignisse in Prag geprägt wurden. Rudolf Bahro, Gerd Poppe, Wolfgang Templin nennt er als Beispiele. Sie spielten beim Ende der DDR eine wichtige Rolle.

Wie RUNDSCHAU-Leser Benedikt Ziesch den Prager Frühling in der Tschechoslowakei erlebte, lesen Sie unter lr-online.de

Volker Rennert (l.), einer der Initiatoren des Protestzuges durch Lübbenau vom 24. August 1968, wird im Auftrag der Bundesstiftung Aufarbeitung der SED-Diktatur von Matthias Hoferichter (r.) befragt.
Volker Rennert (l.), einer der Initiatoren des Protestzuges durch Lübbenau vom 24. August 1968, wird im Auftrag der Bundesstiftung Aufarbeitung der SED-Diktatur von Matthias Hoferichter (r.) befragt. FOTO: LR / Stephan Meyer