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| 17:15 Uhr

Obdachlos
Überlebenskampf in der Kälte

Traurige Realität in Deutschland: Obdachlose haben unweit des Ostbahnhofs in Berlin ihre Zelte und Planen aufgebaut.
Traurige Realität in Deutschland: Obdachlose haben unweit des Ostbahnhofs in Berlin ihre Zelte und Planen aufgebaut. FOTO: Paul Zinken / dpa
Berlin. Bereits fünf tote Obdachlose in Deutschland. Diakonie fordert zu praktischer Hilfe auf. Von Stefan Vetter

Die klirrende Kälte der vergangenen Tage und Wochen ist für viele Obdachlose zum harten Überlebenskampf geworden. Wie die  Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe am Freitag auf Anfrage der RUNDSCHAU mitteilte, sind seit Anfang November schon mindestens fünf wohnungslose Menschen an den Folgen der Unterkühlung gestorben.

Jüngstes Opfer ist eine 55 Jahre alte Frau, die Ende Februar in einem Wald bei Leipzig erfroren aufgefunden wurde. Darüber hinaus gebe es noch weitere sieben Verdachtsfälle auf Kältetod, bei denen die Umstände aber noch nicht eindeutig geklärt werden konnten, sagte Wohnungslosenhilfe-Geschäftsführerin Werena Rosenke.

Eine offizielle Statistik wird darüber nicht geführt. Die Zahlenangaben der Wohnungslosenhilfe basieren deshalb vornehmlich auf Medienberichten. So seien unter den Verdachtsfällen zum Beispiel auch Menschen, bei denen der Kältetod klar festgestellt worden sei, aber nicht, ob es sich um einen Obdachlosen handele, erläuterte Rosenke. Nach ihrer Einschätzung liegt die aktuelle Zahl bislang im Bereich der „traurigen Normalität“ früherer Winter. In der Vergangenheit habe es aber schon einmal 15 Todesfälle gegeben, was extrem viel gewesen sei.

Auch zur Gesamtzahl der Obdachlosen in Deutschland gibt es nur Schätzungen. Die Wohnungslosenhilfe geht aktuell von 860 000 Betroffenen aus. Davon sind nach Angaben Rosenkes allein 440 000 anerkannte Asylbewerber, die die Gemeinschaftsunterkünfte verlassen sollen, aber keine eigene Wohnung finden und deshalb als sogenannte Fehlbeleger in diesen Unterkünften bleiben oder als Obdachlose untergebracht werden. Auch die anderen 420 000 Wohnungslosen sind zum großen Teil in Notunterkünften der Kommunen oder Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe. Als Obdachlose ohne jede Unterkunft und damit auf der Straße lebend gelten in Deutschland 52 000 Menschen.

Diese Zahl hatte kürzlich auch die Bundesregierung auf Anfrage der Sozialpolitikerin der Linken, Sabine Zimmermann, mitgeteilt. „Die Kombination von immer weniger bezahlbaren Wohnungen mit einer verfestigten und steigenden Einkommensarmut breiter Bevölkerungsschichten ist in vielen Fällen der Grund, warum Menschen keine Wohnung bekommen oder sie verlieren“, kritisierte Zimmermann. Auch wenn die Bundesregierung formal nicht zuständig sei, entbinde sie dies nicht von der Pflicht, Kältetote in Deutschland zu verhindern und Länder sowie Kommunen bei dieser Aufgabe zu unterstützen, sagte Zimmermann der RUNDSCHAU.

Die Diakonie Deutschland rief unterdessen zur praktischen Hilfe auf: „Wer obdachlose Menschen in Not sieht, sollte die 112 anrufen oder die Kältehilfe informieren, die obdachlose Menschen mit warmen Getränken und Decken versorgt oder sie zu Notübernachtungsstellen bringt“. Die Diakonie berät und unterstützt nach eigenen Angaben mit mehr als 450 Diensten und Einrichtungen Menschen ohne Wohnung.