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"Niederschmetternd"

Rettungskräfte arbeiten am Donnerstag in Mumbai (Indien) an den Trümmern eines eingestürzten Hauses, wo mindestens sieben Menschen ums Leben gekommen sind.
Rettungskräfte arbeiten am Donnerstag in Mumbai (Indien) an den Trümmern eines eingestürzten Hauses, wo mindestens sieben Menschen ums Leben gekommen sind. FOTO: dpa
Kathmandu/Dhaka/Neu Delhi. Was einmal eine Straße war, ist nun ein Fluss. Aus dem Wasser ragen Hausdächer hervor. Ein Boot mit einer obdachlos gewordenen Familie an Bord gleitet vorbei. Diese Szene könnte sich in Houston abspielen. Die Dächer sind aber aus Stroh, das Boot ein Kanu und kein Motorboot – dies ist Südasien. Mehr als 1700 Menschen sind hier in diesem Sommer bei Überschwemmungen ums Leben gekommen. Deepak Adhikari, Nick Kaiser und Nazrul Islam

Es gibt zwar jedes Jahr eine Monsunzeit, diesmal ist sie aber besonders verheerend. Und diese Ecke der Welt ist viel schlechter gerüstet als die USA, um die Folgen zu bewältigen.

"Mehr als 200 Kinder, Frauen und alte Leute hatten zwei Tage lang nichts zu essen", erzählt der Bauer Lekhnarth Khatrii. Von der Regierung sei nichts gekommen. "Wir haben unsere gesamte Reisernte verloren, und wir wissen nicht, wie wir ohne Hilfe über die Runden kommen sollen." Auch mit den entstandenen Schäden müssten sie allein zurechtkommen. "Unser Haus ist unbewohnbar geworden, überall ist Schlamm", sagt der 32-Jährige. Auch Kleidung und Bettwäsche sei nun unbrauchbar. Vor allem sei das Dorf immer noch größtenteils von der Außenwelt isoliert. "Unsere Kinder können nicht zur Schule gehen, weil die Fluten die Straßen weggeschwemmt haben."

Teile Südasiens erleben nach Einschätzung des Roten Kreuzes die schlimmsten Überschwemmungen seit Jahrzehnten. Das wiegt umso schwerer, bedenkt man, dass es in der Region jedes Jahr in der Monsunzeit von Juni bis September Hochwasser und Erdrutsche mit Hunderten Toten gibt. Die Behörden hätten keinen Notfallplan gehabt, meint der nepalesische Wasserwirtschaft-Experte Madhukar Upadhya in Kathmandu. Es fehle auch an Mitteln - etwa Boote, um Gestrandete zu retten. "Die Katastrophe hat die schutzlosesten Menschen getroffen. Die Folgen werden Krankheit, Armut und Nahrungsknappheit sein. Und es wird bald wieder aus den Nachrichten verschwinden, und dann sind wir wieder am Anfang."

In Bangladesch wurden nach offiziellen Angaben seit der zweiten Augustwoche rund 700 000 Häuser beschädigt und gut ein Zehntel davon komplett zerstört - ebenso mehr als 800 000 Hektar Anbaufläche. Die Flüsse hätten die aus dem Himalaya herabfließenden Wassermassen unter anderem deswegen nicht halten können, weil sie in den vergangenen Jahrzehnten versandet und nicht ausgebaggert worden seien, sagt Abu Moniruzzaman Khan vom UN-Entwicklungsfonds in Bangladesch. So schlimme Überschwemmungen habe das Land seit 1988 nicht mehr erlebt, als mehr als 1600 Menschen starben.

Mitte August standen je ein Drittel von Nepal und Bangladesch unter Wasser. Mittlerweile sind die Pegel dort gesunken. Allmählich erreichen Hilfsgüter die Dörfer, und die Regierungen kündigen auch finanzielle Hilfe an. Trotzdem haben viele Menschen all ihr Hab und Gut sowie ihre Existenzgrundlage verloren. Und nun müssen sie sich wegen der möglichen Ausbreitung von Krankheiten Sorgen machen.

Die überwiegende Mehrzahl der Opfer hat Indien zu beklagen. Mehr als 1300 Todesfälle zählt das Land seit Beginn der Monsunzeit - mit 514 die meisten im Bundesstaat Bihar. Getroffen hat es dort einige der ärmsten Menschen Indiens, wie Hanna Butler vom Roten Kreuz berichtet, die vor wenigen Tagen in dortigen Dörfern Hilfsgüter verteilt hat. "Die Leute hatten von vornherein nicht viel, aber wenn eine Flut alles wegnimmt, was man hat, ist es niederschmetternd."

Butler ist mittlerweile im Bundesstaat Manipur, an der Grenze zu Myanmar. "Es sieht aus, als sei hier ein Tsunami durchgefegt", erzählt sie. Bis zu 20 000 der etwa 2,7 Millionen Einwohner seien obdachlos geworden.

Zum Thema:
Mehr als 41 Millionen Menschen in Indien, Nepal und Bangladesch seien derzeit von den Monsun-Überschwemmungen betroffen, teilt die Internationale Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmond-Gesellschaften mit. Einige Dörfer seien noch komplett von der Außenwelt abgeschnitten. Die Folgen werden Krankheit, Armut und Nahrungsknappheit sein.