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Moskau will in Kiew mitsingen

Seit Kindertagen auf den Rollstuhl angewiesen: Julia Samoilowa (27) soll Anfang Mai in Kiew für Russland antreten.
Seit Kindertagen auf den Rollstuhl angewiesen: Julia Samoilowa (27) soll Anfang Mai in Kiew für Russland antreten. FOTO: dpa
Moskau. Die Entscheidung fiel in letzter Minute. Am Sonntagabend teilte Russland mit, es werde nun doch am Eurovision Songcontest im Mai in der Ukraine teilnehmen. Die 27-jährige Julia Samoilowa soll Russland mit dem englischsprachigen Titel "The flame is burning" in Kiew vertreten. Klaus-Helge Donath

Die Künstlerin ist in Russland nicht mehr ganz unbekannt. 2014 trat sie bereits bei der Eröffnung der Paralympics in Sotschi auf. Seit ihrer Kindheit ist die Künstlerin querschnittsgelähmt und sitzt im Rollstuhl. Bis zuletzt hatten Russlands staatliche Medien eine Teilnahme wegen angeblich fehlender ukrainischer Sicherheitsgarantien für die russische Delegation in Zweifel gezogen. Diese Bedenken konnten wohl ausgeräumt werden.

Aber auch die Nominierung ist noch kein Freifahrtschein. Julia Samoilowa besuchte seit der russischen Annexion der Krim die Halbinsel mehrfach, hatte aber die ukrainischen Behörden nicht informiert und somit gegen Kiewer Gesetze verstoßen. Hat sie bei den Auftritten nichts zur Rechtmäßigkeit der Annexion gesagt, könne sie einreisen, hieß es gestern im Kiewer Innenministerium. Mehr als 140 russische Künstler dürfen seit Annexion und Krieg in der Ost ukraine nicht mehr die Ukraine besuchen.

In Russland ist unterdessen der Glaube weit verbreitet, dass die Ukraine 2016 in Stockholm den ersten Platz der Eurovision nur wegen einer gegen Moskau gerichteten Verschwörung gewinnen konnte. In Schweden erhielt die krimtatarische Sängerin "Dschamala" (Camala) mit dem Lied "1944" den Zuschlag. In jenem Jahr waren die Krimtataren von Moskau deportiert und nach Zentralasien zwangsumgesiedelt worden. Hunderttausende kamen ums Leben. Auch nach der Annexion 2014 sind die Krimtataren wieder Repressionen ausgesetzt.

Was mag Moskau trotz aller Vorbehalte zur Teilnahme bewogen haben? Grundsätzlich bemüht sich der Kreml, dem Eindruck internationaler Isolation entgegenzutreten. Gleichwohl äußerte Kremlsprecher Dmitrij Peskow Verständnis für Künstler und Duma-Abgeordnete, die "mögliche Probleme mit Sicherheit und Unfreundlichkeit" in Kiew fürchteten.

Einer von ihnen ist der Vize-Vorsitzende des Kulturausschusses der Duma, Schnulzensänger Josif Kobzon. 2014 war er einer der ersten, der auf der europäischen Sanktionsliste landete. Auch der Anti schwulenkämpfer und Abgeordnete der Kremlpartei, Witali Milonow, meldete sich zu Wort: Man könne von Moskau nicht erwarten, dass es sich beteilige und die Ukraine öffentlich mit Nazideutschland vergleiche, dies sei aber eigentlich nötig: "Es ist doch unvorstellbar, dass Sowjetbürger 1943 zu einem Musikwettbewerb Reichovision gegangen wären", so Milonow. Die Propagandalüge von der Maidanrevolution, die von faschistischen Kräften entfacht und getragen wird, lebt in Russland weiter.

Übertroffen wird der exzentrische Selbstdarsteller nur noch vom stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden der Partei "Gerechtes Russland" Oleg Nilow. Er schlug vor, den Armeechor Alexandrow zusammen mit Josif Kobzon nach Kiew zu entsenden. Die erste Garde des Chors war Ende Dezember bei einem Flugzeugabsturz bei Sotschi ums Leben gekommen. Sollte Kiew dies ablehnen, "ergreifen wir entsprechende Maßnahmen", drohte Nilow. Was hatte er vor, wollte er einmarschieren? Intervention warf er jedoch der Eurovision in Kiew vor. "Auf der kulturellen Flanke wird eine Intervention vorbereitet". Ausgerechnet am 9. Mai beginne der Sängerwettbewerb, wenn Russland den Sieg über Hitlerdeutschland begehe.

Mit der Nominierung einer behinderten Künstlerin präsentiert sich Moskau als humane und offene Gesellschaft. Noch entspricht dies aber nicht der Wirklichkeit. Bislang verstecke die Gesellschaft die Behinderten, war der Tenor in den sozialen Medien. Auch Samoilowa beklagte, dass viele Zuschauer sie wegen des Handicaps nicht auf der Bühne sehen wollten. Freude passe nicht zur Behinderung.

Böse Zungen vermuten unterdessen, mit der Ernennung konnte Moskau nichts falsch machen. Wird der Sängerin die Einreise verweigert, fällt das auf Kiew zurück. Begegnet das Publikum ihr mit Vorbehalten, ließe sich auch das als inhuman und rückständig auslegen. Leider sind solche Vermutungen keine Hirngespinste.