| 02:38 Uhr

Mit einem blauen Auge

Am Sonntag in der Stadt Naples in Florida.
Am Sonntag in der Stadt Naples in Florida. FOTO: dpa
Tampa. Larry Kahn hat den Sturm ausgesessen, wie Amerikaner so sagen. Statt die akut gefährdeten Inseln der Keys zu verlassen, als sich "Irma" mit der Geschwindigkeit eines eher bedächtigen Fahrradfahrers näherte, ist er geblieben. Frank Herrmann, Washington

In einer High School der Kleinstadt Marathon, die bereits vor Tagen zur Notunterkunft umfunktioniert wurde. "Alles steht unter Wasser. Buchstäblich alles", schrieb der Redakteur des Wochenmagazins "Florida Keys Keynoter", als der Hurrikan weitergezogen war. Von den etwa fünfzig Menschen, mit denen er das Notlager teile, könne keiner auch nur annähernd einschätzen, wie draußen die Lage sei.

Am Montag begannen Rettungstrupps von Haustür zu Haustür zu fahren, um nachzusehen, wer noch da war, wer Hilfe brauchte. Nach den Worten des Verwaltungschefs der Inselkette ist mit Toten zu rechnen. "Wir machen uns auf das Schlimmste gefasst", sagte Roman Gastesi dem Sender Fox News. Bevor sich Konvois mit Hilfsgütern auf den Highway 1 wagen können, das rund 200 Kilometer lange Asphaltband, das sich von Festland-Florida bis ins Aussteiger-Refugium Key West zieht, müssen 42 Brücken inspiziert werden. Mindestens eine, die Snake Creek Bridge auf Islamorada, soll ersten Angaben zufolge beschädigt sein. Vorläufig, kündigte die Katastrophenschutzbehörde Fema an, soll die Inselkette über eine Luftbrücke mit dem Nötigsten versorgt werden. Alle zwei Stunden sollen jeweils zwei Transportflugzeuge des Typs C-130 in Marathon landen, sobald der Flughafen der kleinen Stadt seinen Betrieb wieder aufnehmen kann.

Im Laufe des Montags hat sich "Irma", am Sonntag über die Keys und dann nach Norden gezogen, über Florida abgeschwächt, was allerdings nicht heißt, dass die Gefahr gebannt wäre. Herabgestuft zu einem Tropensturm, warf die Wetterfront die Prognosen der Meteorologen einmal mehr über den Haufen. Statt wie erwartet eine Route entlang der Golfküste zu nehmen, über die Millionenmetropole Tampa nach Tallahassee, zog "Irma" mit seinem Auge landeinwärts Richtung Orlando, einen Bogen um Tampa beschreibend. In Jacksonville, einer Hafenstadt am Atlantik, ließen sintflutartige Regenfälle den Pegel des St. John's River bedrohlich ansteigen. Montagmittag wurden dort Wasserstände registriert, wie man sie seit einem Hurrikan 1898 nicht mehr gemessen hatte.

Während "Irma" am Atlantik für Überschwemmungen sorgte, ging das Wasser an der Golfküste zunächst zurück, als hätte ein gigantischer Staubsauger es aufgesogen. In der Bucht von Tampa so weit, dass Neugierige hunderte Meter weit durch eine Schlammwüste wateten. "Gehen Sie zurück ans Ufer!", warnte das National Hurricane Center via Twitter. Man möge sich nicht täuschen lassen, das Wasser werde in Form einer Flut zurückkommen, sobald der Wind die Richtung ändere - wenn auch nicht so heftig wie noch 24 Stunden zuvor befürchtet.

Folgt man den Experten von Karen Clark & Co, einer auf Katastrophenszenarien spezialisierten Beraterfirma, ist keine andere amerikanische Großstadt so anfällig für eine Sturmflut wie Tampa. An einer Bucht gelegen, zu großen Teilen auf Sumpfgebiet erbaut, liegen die meisten Viertel der Stadt nur knapp über dem Meeresspiegel. Noch am Sonntag hatte Bürgermeister Bob Buckhorn mit den Worten des Boxers Mike Tyson vor einem Desaster gewarnt, bei dem alles, was an Einsatzplänen bereit liege, im Handumdrehen zu Makulatur werden könne. "Jeder hat einen Plan, bis er einen Schlag ins Gesicht bekommt. Nun, wir kriegen demnächst einen Schlag ins Gesicht." Am Montag gab Buckhorn, kaum weniger blumig, Entwarnung: "Wir sind der Kugel noch mal ausgewichen."

In Naples, wo Irma mit Windböen, die in der Spitze 228 Stundenkilometer erreichten, aufs Festland geprallt war, zeigen die Luftaufnahmen von Drohnen Einfamilienhäuser in einer Seenlandschaft. In den Trailerparks, den Quartieren der Armen, sieht man Wohnwagen, die umgekippt sind, manche auch in ihre Einzelteile zerlegt. Aus kaputten Wasserrohren schießen Fontänen, umgestürzte Bäume machen Straßen unpassierbar. In Miami wälzten sich Wassermassen durch den Biscayne Boulevard, eine der wichtigsten Magistralen der Metropole. Der Flughafen Miamis, hieß es, bleibe bis auf Weiteres wegen Sturmschäden geschlossen.