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| 13:41 Uhr

Sinnvoll oder zu früh?
Mädchen, Jungen, divers – ein drittes Klo für Grundschüler?

 Ein Schild „WC für alle Geschlechter“ hängt an der Tür zu einer ehemaligen Damentoilette.
Ein Schild „WC für alle Geschlechter“ hängt an der Tür zu einer ehemaligen Damentoilette. FOTO: dpa / Soeren Stache
München. In mehreren bayerischen Grundschulen sollen Toiletten für das dritte Geschlecht gebaut werden. Ist die Wahlmöglichkeit für Grundschüler sinnvoll oder übertrieben?

Laute Diskussion ums stille Örtchen: In mehreren geplanten Grundschulen in Bayern sollen die Kinder künftig zwischen drei Toiletten wählen können: einer Toilette für Mädchen, einer für Jungen und einer für das sogenannte dritte Geschlecht. Während manche die zusätzlichen Toiletten für sinnvoll halten, betrachten andere die Wahlmöglichkeiten für Grundschüler als zu früh.

Der Münchner Kinderpsychologe Klaus Neumann etwa sagt, ihm seien keine ernstzunehmenden Untersuchungen oder Studien bekannt, die nachweisen, dass bereits Grundschulkinder sich der Geschlechterdifferenzierung bewusst sind. Statt sich auf Toiletten zu fokussieren, wäre ein offener, annehmender Unterricht über Sexualität und alle dazugehörigen Fragestellungen sinnvoller, so der Psychologe.

Anders sieht das die Diplom-Psychologin Nora Gaupp vom Deutschen Jugendinstitut (DJI) in München. „Ein substanzieller Anteil von Jugendlichen und Erwachsenen, die sich als transgender bezeichnen, berichtet davon, schon als Kind ein gewisses ,Anderssein’ gespürt zu haben. Das betonen auch Eltern von Transkindern.“

Wenn Kinder schon im Grundschulalter lernten, dass Mädchen und Junge nicht die einzige Option sind, könne das dazu führen, dass Vorurteile abgebaut werden. Gaupp hält allerdings Sitz- und Steh-Toiletten für die deutlich praktikablere Lösung. „Die machen die Binarität von Frauen und Männern nicht mehr notwendig.“

Als „schwieriges Thema“ bezeichnet auch Henrike Paede, stellvertretende Vorsitzende des Bayerischen Elternverbandes, die Diskussion: „Einerseits ist es gut, wenn die Kinder frühzeitig das Bewusstsein dafür bekommen, dass es auch ein diverses Geschlecht gibt. Aber ich frage mich schon, ob betroffene Kinder das selbst in diesem Alter überhaupt schon wissen können.“ Gleichzeitig sieht Paede die dritten Toiletten als Chance, Erfahrungen darin zu sammeln, wie kleine Kinder mit dem Thema umgehen.

Für Dorothea Weniger von der bayerischen Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) sind die neuen Toiletten vor allem ein Zeichen der Anerkennung, dass es ein drittes Geschlecht gibt. „Mittlerweile kann das dritte Geschlecht in die Geburtsurkunde eingetragen werden.“ Nicht zuletzt werde so auch ein neues Denken in Gang gesetzt und Diskriminierung vorgebeugt – das sei schließlich auch eines der pädagogischen Hauptziele an Schulen.

Menschen, die sich weder als Frau noch als Mann fühlen, können sich seit kurzem offiziell als „divers“ bezeichnen, was umgangssprachlich häufig als drittes Geschlecht bezeichnet wird. Die Geschlechterangaben im Geburtenregister wurden entsprechend ergänzt. Die Bundesregierung kam damit einer Forderung des Bundesverfassungsgerichts nach.

Auch in sozialen Netzwerken wird das Thema diskutiert. „Einerseits vorbildlich, andererseits ... Grundschule? Wieso muss man Kinder in dem Alter mit der Frage konfrontieren? Entweder das kommt von selbst oder gar nicht“, schreibt ein Facebook-Mitglied. „Da steht dann dem neuen Mobbing-Trend nix im Wege! Man kann sich Probleme auch machen, wenn man keine hat“, antwortet ein weiteres.

Eine andere Nutzerin sieht das Thema eher pragmatisch: „Wäre ich noch in der Schule, würde ich diese benutzen. Bei dem geringen Aufkommen des dritten  Geschlechts, wie ich es vermute, wird es die sauberste Toilette sein.“

Ob die dritte Toilette Schule machen wird, bleibt abzuwarten. Dem bayerischen Kultusministerium waren nach Angaben eines Sprechers noch keine Schulen bekannt, die aktuell eine solche anbieten. Noch wird in Ausschüssen diskutiert.

(dpa)