| 02:38 Uhr

Macht Geld wirklich glücklich?

Der 90-Millionen-Pot ist geknackt.
Der 90-Millionen-Pot ist geknackt. FOTO: obs/Lotterie-Treuhandgesellschaft mbH Hessen/Marcus Kaufhold für Lotto Hessen
Stuttgart. Plötzlich Multi-Millionär: Ein Tipper aus dem Schwarzwald hat den Eurojackpot geknackt und mit 90 Millionen die bislang höchste Lottosumme in Deutschland gewonnen. Experten zufolge könnte das Geld ihn sogar ins Unglück stürzen. Antonia Lange

Ein Haus, ein Auto oder einen Karibikurlaub - von einem Lottogewinn kann man sich vieles leisten. Doch ein Tipper aus dem Schwarzwald kann sich jetzt sogar eine kleine Straße oder einen Fuhrpark oder eine Karibikinsel leisten und hätte sogar noch Geld übrig. Er - oder sie - hat 90 Millionen Euro im Lotto gewonnen. Eine solch hohe Summe hat in Deutschland noch nie ein Lottospieler abgeräumt. Gemeldet hat sich der Gewinner aber noch nicht.

"Da ist das Entscheidende: Bleibt er auf dem Boden?", sagt der Wirtschaftswissenschaftler und Politologe Max Höfer. Er hat an dem sogenannten Glücksatlas mitgearbeitet, der jährlich vorgestellt wird - und kennt die Kriterien, die wirklich glücklich machen. Und er weiß: "Geld verbessert nur bis zu einer gewissen Mindestgröße die Lebenszufriedenheit." Bei 90 Millionen Euro ist die längst überschritten - sogar wenn hinter dem Gewinner eine Tippgemeinschaft stecken sollte, die sich das Geld teilt.

60 000 Euro im Jahr sind Höfer zufolge laut Studien die Summe, bis zu der Geld tatsächlich glücklich machen kann. Höfer: "Jeder zusätzliche Euro bringt kaum mehr Lebenszufriedenheit." Überhaupt bedeute ein unverhoffter Geldsegen - etwa ein Bonus oder eben einen Gewinn - nur "einen kurzen Kick". Danach gewöhne man sich an das vermeintliche Glück.

"Man muss damit umgehen können", sagt Höfer mit Blick auf eine so hohe Summe. "Es ist Fluch und Segen." Tatsächlich könnte ein Gewinn in der Dimension das Glück sogar schmälern. Familie, Freunde, Arbeit und Umgebung seien wesentlich für ein zufriedenes Leben. "Man kann den Fehler machen, dass man sein gewohntes Umfeld verlässt", sagt der Ökonom. Und: "Es wird sich ein gewisser Neideffekt einstellen bei Freunden." Auch der Beruf sei ein wichtiger Glücksfaktor - wer nicht mehr arbeite, dem fehle unter Umständen der tägliche Sinn.

Die Mehrheit der Deutschen (62 Prozent) glaubt ohnehin, dass ein Lottogewinn nicht glücklich macht, wie eine repräsentative Emnid-Umfrage vor einigen Jahren ergab. Nur 15 Prozent würden ihren Arbeitsplatz bei einem plötzlichen Reichtum aufgeben.

Bei der Lotto-Gesellschaft kennt man mögliche Probleme und bietet sogenannten Großgewinnern Hilfe an. Dabei geht es nicht um die beste Kapitalanlage, sondern um das Verhalten nach dem geknackten Jackpot. Für die erste Zeit rät Mathias Yagmur, Sprecher von Lotto Baden-Württemberg: "Behalten Sie Ihr Geheimnis für sich, so lange es geht." Auch mit dem Kauf von Luxusgütern solle man warten - und erstmal eine Prioritätenliste erstellen.

"Geld schafft eine gewisse Freiheit", sagt Glückforscher Karlheinz Ruckriegel von der Technischen Hochschule Nürnberg. "Man muss sie aber auch nutzen." Ein Ehrenamt etwa sei für viele Menschen sehr glücksstiftend - ebenso wie Zeit für soziale Beziehungen und dafür, etwas für seine Gesundheit zu tun. Wer das Geld dafür nutze, könne sehr davon profitieren. Der Fachmann rät zu Verschwiegenheit. "Ich würde die Information nicht rausposaunen, sondern erstmal überlegen, wie ich mit dem Geld umgehe", sagt Ruckriegel.

Zum Thema:
Von 90 Millionen Euro kann man die Rolling Stones Schätzungen zufolge zwölf Tage hintereinander bei sich zu Hause auftreten lassen. Bliebe immer noch genug Kleingeld, um Literaturnobelpreisträger Bob Dylan mindestens an einem Abend als Support anzuheuern. Für 85,93 Millionen Euro könnte man sich laut transfermarkt.de. die Bundesligamannschaft TSG 1899 Hoffenheim leisten. Mehr als 14 500 Brunnen lassen sich mit 90 Millionen in Äthiopien bauen. Jeder Dorfbrunnen liefert lebenswichtiges, sauberes Wasser für 500 Menschen. Kostet nur 6200 Euro pro Stück.