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| 18:36 Uhr

Marx und ich
Lausitzer Parlamentarier zu Karl Marx

Im Osten war er allgegenwärtig. In Schule und Studium kam kaum jemand am Zusammentreffen mit Karl Marx vorbei. Aber auch im Westen ist der Theoretiker des Sozialismus und Kommunismus gelesen worden. Das „Kommunistische Manifest“ und der erste Band des „Kapital“ von Karl Marx sind in das Unesco-Welterbe aufgenommen worden. Die RUNDSCHAU hat Lausitzer Bundestagsabgeordnete zu Marx’ 200. Geburtstag gefragt, ob seine Theorien noch heute Bedeutung in der praktischen Politik haben:

Michael Stübgen (CDU/Finsterwalde): Mein Philosophieprofessor hat mir schon vor über 30 Jahren gesagt: „Lesen Sie die MEGA (Marx-Engels-Gesamtausgabe). Seinen Gegner muss man besser kennen, als seinen Freund.“ Das habe ich gemacht! Marx hatte in der Gesellschaftsanalyse – insbesondere zum damaligen Elend der Arbeiterklasse – Recht. Seine Lösungsansätze konnten allerdings nicht funktionieren und insbesondere seine Thesen sind dann von Nachahmern leider extrem missbraucht worden.

 Michael Stübgen/CDU
Michael Stübgen/CDU

Caren Lay (Linke/Hoyerswerda): Marx formuliert den Anspruch, „alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist.“ Dieser Anspruch bleibt aktuell und Leitbild für meine politische Arbeit. Gutes Wohnen, bessere Löhne, höhere Renten, Umverteilung des Reichtums, mehr Geld für Kitas, Schulen, Krankenhäuser. Das ist heute Politik im Sinne von Karl Marx.

 Caren Lay/Linke
Caren Lay/Linke

Ulrich Freese (SPD/Spremberg): Für die Analyse  gesellschaftspolitischer Fragen stellt Marx auch heute wichtige Instrumente bereit. Er bietet zwar keine Lösungsansätze. Dennoch ist Marx für mich ein wichtiger Denker. Drei Erkenntnisse sind für mich aktuell: Politische Gestaltung findet stets im Spannungsfeld von Gesellschaft und Ökonomie statt. Die Fragen, die sich daraus ergeben, bedürfen einer umfassenden Analyse. Menschen, die die Gegenwart gestalten und verändern wollen, müssen sich engagieren. Gerade in einer globalisierten Welt muss dieser Ansatz immer mehr international sein.

Ulrich Freese/SPD
Ulrich Freese/SPD

Martin Neumann (FDP/(Vetschau): Sie werden staunen – als Bildungspolitiker halte ich sogar sehr viel von Marx! Bereits 1875 verteidigte er in seiner Kritik des Gothaer Programms die Notwendigkeit von Studiengebühren. Andernfalls bestreiten die höheren Klassen ihre Erziehungskosten aus dem allgemeinen Steuersäckel, so Marx damals. Fakt ist auch heute: Über zwei Drittel der Studenten entstammen der Mittel- und Oberschicht. Die Steuern aber, mit denen die Hochschulen finanziert werden, zahlen alle.

MdB, Martin Neumann /FDP
MdB, Martin Neumann /FDP FOTO: LR / Angelika Brinkop

Tino Chrupalla (AfD/Weißwasser): Für die herrschenden Parteien, die inzwischen allesamt politisch links stehen, scheint Karl Marx tatsächlich noch praktische Bedeutung zu haben. Linke und Neoliberale verfolgen inzwischen dieselben Ziele: die Abschaffung von Grenzen um „Wohlstand für alle“ zu ermöglichen. Die AfD hält dies für eine typisch marxistische, realitätsfremde Utopie. Soziale Gedanken zum Wirtschaftsleben haben wir sehr wohl, aber die hatte auch schon Martin Luther – Karl Marx führt da eher auf Abwege.

 Tino Chrupalla /AfD
Tino Chrupalla /AfD

Klaus-Peter Schulze (CDU/ Spremberg): Für mich haben die Theorien von Karl Marx keinen Einfluss auf meine praktische Arbeit als Bundestagsabgeordneter. Die Theorien haben sich als nicht zielführend erwiesen, und die Umsetzung ist in der Praxis gescheitert. Die Bürgerinnen und Bürger haben die politische Wende Ende der 1980er-Jahre in der Mehrzahl der sozialistischen Staaten eingeleitet. Die soziale Marktwirtschaft als erfolgreiches Gesellschaftsmodell hat sich durchgesetzt.

Klaus Peter Schulze / CDU
Klaus Peter Schulze / CDU

Torsten Herbst (FDP/Bautzen): Karl Marx war zweifellos ein großer Denker und Philosoph. Seine Theorie hat die Geschichte aber weitgehend wiederlegt. Der Kapitalismus als Wirtschaftsmodell braucht klare Leitplanken, aber er ist nicht – wie von Marx behauptet – zwangsläufig zum Scheitern verurteilt. Im Gegenteil, er ist bis heute Motor für gesellschaftlichen Fortschritt und Wohlstand für die breite Bevölkerung.

 Torsten Herbst / FDP
Torsten Herbst / FDP