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| 20:18 Uhr

Gunther von Hagens und seine Spender
Ming Bou will kein Wurmfutter werden

 Sophie Kendrick und Ming Bou (v.l.) lassen sich von Rurik von Hagens die Plastination erklären.
Sophie Kendrick und Ming Bou (v.l.) lassen sich von Rurik von Hagens die Plastination erklären. FOTO: LR / Daniel Schauff
Guben. Zwei britische Körperspenderinnen besuchen das Plastinarium in Guben. Sie sind zwei von fast 20 000 Menschen, die ihren Körper nach dem Tod dem Werk von Gunther von Hagens zur Verfügung stellen. Von Daniel Schauff

Er ist einer dieser Menschen mit besonderer Aura.

Als Gunther von Hagens das Foyer im Plastinarium betritt, ist seine Anwesenheit spürbar. Gunther von Hagens – Dr. Tod haben ihn einige Medien in der Vergangenheit genannt – greift nach einer Erdbeere, gezeichnet von seiner Parkinson-Erkrankung, dafür auffällig vital, lebenslustig, charismatisch.

Von Hagens begrüßt siene Gäste herzlich. Immerhin sind die vier Briten vergleichsweise weit gereist, um sich die Gubener Plastinate in der Uferstraße am äußersten Ostrand Deutschlands anzusehen.

Erste Begegnung vor zehn Jahren in China

Sophie Kendrick und Ming Bou haben sich vor 17 Jahren entschieden, ihre Körper nach dem Tod an die Gubener Plastinate zu spenden. Damals, fast zwei Jahrzehnte ist das her, hatten sie von Hagens an seiner ehemaligen Wirkungsstätte in China besucht. Politische Schwierigkeiten, das Verbot von Ein- und Ausfuhr menschlicher sterblicher Überreste hatten den Erfinder der Plastination damals aus dem asiatischen Staat zurück in die Heimat gelockt. Eine ehemalige Textilfabrik, zerfallen und nahezu unnutzbar, wurde sein Herzensprojekt.

Das Plastinarium – ein Schmuckstück in der Neißestadt

13 Jahre lang ist Gunther von Hagens mit seinen Gubener Plastinaten nun in der Lausitz, gleich am Neißeufer. Aus der einstigen verfallenen Fabrik ist ein Schmuckstück in der Neißestadt geworden. Ein Schmuckstück, das mittlerweile eine ganze Reihe von Menschen nicht nur von außen kennen. An drei Tagen pro Woche ist das Plastinarium für die Öffentlichkeit geöffnet, von freitags bis sonntags. Rund 100 Besucher pro Tag finden den Weg in die Uferstraße in Guben. Eine Zahl, mit der Rurik von Hagens, Gunthers Sohn und mitterweile Geschäftsführer des Unternehmens, sehr zufrieden ist. Er betont aber auch: Die Körperwelten, die Ausstellung in Guben seien nur ein Bruchteil von dem, was die Gubener Plastinate wirklich tun.

Plastinate vor allem für Universitäten

Der größte Teil der Plastinate geht an Universitäten. Eine gute medizinische Fakultät, hat Rurik von Hagens einmal gesagt, habe ein Plastinat aus Guben. Eine Sichtweise, die offenbar eine ganze Reihe von Hochschulen teilen. Die Auftragsbücher sind gut gefüllt. Das Lager ist voll. „Wir haben genug Leichen im Keller“, sagt Rurik von Hagens.

Meinungen über von Hagens Werk gehen auseinander

Gunther von Hagens Werk bleibt umstritten. Tote Menschen gehören nicht ausgestellt, so das Argument derer, die damals, vor 13 Jahren, gegen das Plastinarium in der Gubener Altstadt demonstrierten. „Die meisten von denen waren nie hier drin“, sagt Rurik von Hagens. Immer noch gilt: brandenburgische Schüler dürfen im Rahmen von Schulausflügen nicht ins Plastinarium fahren. Familie von Hagens weiß, mit dem Image umzugehen. Und sie macht deutlich: Wer als Körper in einer der weltweiten Ausstellungen landet oder zum Forschungsobjekt an Universitäten wird, wollte das so.

Das Gefühl, eine Grenze zu überschreiten

So wie Ming Bou und Sophie Kendrick. Eine Leiche, sagt Ming Bou, sei für sie nicht mehr als Wurmfutter. „Mir tut es leid für die Verstorbenen“, sagt Sophie Kendrick, als sie die Mitarbeiter im Plastinarium dabei beobachtet, wie sie verstorbene Körper für die Plastination vorbereiten. Es schwingt das Gefühl mit, eine Grenze zu überschreiten. Hat man sie aber überschritten, verändert sich die eigene Einstellung zum Leben, vor allem aber zum Tod.

Die Angst ist weg, sagt Fliss Holmes. Sie war gerade einmal acht Jahre alt, als sie damals, vor 17 Jahren, mit ihrer Mutter Kay Wadey nach China reiste, um Gunther von Hagens Arbeit zu erleben. Zur Körperspenderin hat sie das noch nicht gemacht, auch ihre Mutter hat noch keine Erklärung unterschrieben. „Wir unterstützen Gunther aber mit aller Kraft“, sagt Kay Wadey.

Körperspende für Ausländer mit Kosten verbunden

Ming Bous Ehemann hat seinen Körper auch an das Plastinarium gespendet. Für Körperspender aus anderen Ländern als Deutschland ist eine solche Spende mit Kosten verbunden. In Deutschland übernimmt das Plastinarium die Überführung, aus anderen Ländern sind die Spender dafür verantwortlich. Ming Bou hat vorgesorgt, sagt sie. Die Kosten für eine Bestattung habe sie schließlich gespart.

„Vielleicht ist er hier“, sagt Ming Bou über ihren bereits verstorbenen Ehemann. „Kann sein“, sagt Rurik von Hagens. Erfahren wird Ming Bou das nicht. Zwar sind die Körper und Körperteile einem Spender zuzuordnen, seit ein Berliner Gericht ein Urteil dahingehend gefällt hat, Besucher aber werden nie erfahren, um welchen Menschen es sich handelt, dessen Organe oder Körper sie gerade sehen.

Körperspende ist kein Tabuthema mehr

Stunden vergehen, die beiden Körperspenderinnen und die beiden Unterstützerinnen von Gunther von Hagens haben erst einen Bruchteil des mächtigen Geländes unweit des Neißeufers gesehen. Für die Ausstellung allein werden gut und gern drei Stunden nötig, für die übrigen Teile, in denen die Verstorbenen lagern und zu Plastinaten werden, mindestens noch einmal so viel.

Ein Tabuthema ist die Körperspende in Deutschland längst nicht mehr. Fast 17 000 Spender gibt es hierzulande – der Löwenanteil der insgesamt rund 19 000 Spender weltweit. Gut 2000 davon sind bereits verstorben. Für volle Lager ist im Plastinarium also gesorgt. In Großbritannien gibt es derweil nur 162 Spender.

Das Plastinarium sucht weitere Mitarbeiter

Demnächst werden die Arbeitskapazitäten vergrößert, kündigt Rurik von Hagens an. Die Zahl der Tische, an denen Plastinatoren an den leblosen Körpern arbeiten, wird verdoppelt. Insgesamt 80 Mitarbeiter zählen die Gubener Plastinate derzeit. Innerhalb kurzer Zeit ist die Belegschaft damit um zehn Mitarbeiter gewachsen. Ein gutes Zeichen nach den Schlagzeilen über eine Entlassungswelle 2011. 130 Mitarbeiter hatten damals ein Kündigungsschreiben erhalten. Grund war die fortschreitende Erkrankung von Hagens. Das Konzept, mit dem das Plastinarium damals nach Guben gekommen war, war nicht länger tragbar.

Einer der großen Arbeitgeber in der Lausitz

Der Betrieb hat sich stabilisiert. Er zählt zu den großen Arbeitgebern in der Gubener Region. Aktuell sucht das Plastinarium weitere Mitarbeiter, Handwerker und Plastinatoren. Die Zielgruppe ist groß – wer Plastinator werden will, muss kein Arzt sein. Wer anatomisches Wissen nicht vorweisen kann, kann sich das im Job aneignen. Ein gutes räumliches Vorstellungsvermögen und die Bereitschaft, eigenes Wissen zu erweitern, sind die wichtigsten Voraussetzungen für eine Zusage der Gubener Plastinate.

Keine Zweifel an der Körperspende

Nein, auch nach dem Rundgang durch die Ausstellungs- und Arbeitsräume in Guben zweifeln Ming Bou und Sophie Kendrick nicht an ihrer Entscheidung, ihre Körper nach dem Tod dem Plastinarium zu überlassen. „Wir können jederzeit wiederkommen“, sagt Fliss Holmes, als die kleine Gruppe aus Großbritannien eine der Filmvorführungen in den Ausstellungsräumen überspringt. Wiederkommen – das werden Sophie Kendrick und Ming Bou in jedem Fall.

 Eine Karte zeigt, aus welchen Bundesländern die Spender kommen. Ganz vorne mit dabei ist Brandenburg. Die meisten Körperspender kommen aus Nordrhein-Westfalen. Foto: Daniel Schauff
Eine Karte zeigt, aus welchen Bundesländern die Spender kommen. Ganz vorne mit dabei ist Brandenburg. Die meisten Körperspender kommen aus Nordrhein-Westfalen. Foto: Daniel Schauff FOTO: Daniel Schauff
 Ming Bou, Sophie Kendrick, Fliss Holmes und Kay Wadey betrachten die Sprengschädel im Plastinarium.
Ming Bou, Sophie Kendrick, Fliss Holmes und Kay Wadey betrachten die Sprengschädel im Plastinarium. FOTO: LR / Daniel Schauff
 Plastinarium
Plastinarium FOTO: LR / Daniel Schauff
 Kleinstarbeit wird im Plastinarium geleistet. Sophie Kendrick und Ming Bou lassen sich erklären, was nach ihrem Tod mit ihren Körpern geschieht.
Kleinstarbeit wird im Plastinarium geleistet. Sophie Kendrick und Ming Bou lassen sich erklären, was nach ihrem Tod mit ihren Körpern geschieht. FOTO: LR / Daniel Schauff
 Rurik von Hagens führt die Schüler durch die Ausstellung.
Rurik von Hagens führt die Schüler durch die Ausstellung. FOTO: LR / Daniel Schauff
 Plastinate wie dieses begeistern viele Menschen. Körperspender kommen deshalb aus allen Bundesländern und der ganzen Welt.
Plastinate wie dieses begeistern viele Menschen. Körperspender kommen deshalb aus allen Bundesländern und der ganzen Welt. FOTO: dpa / Patrick Pleul