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Keimfreie Nazis in Kostümen

Britische Laiendarsteller wie Tim Chance verkleiden sich als SS-Offiziere, um Geschichte nachzuspielen und zu vermitteln.
Britische Laiendarsteller wie Tim Chance verkleiden sich als SS-Offiziere, um Geschichte nachzuspielen und zu vermitteln. FOTO: dpa
London. Die Gesichter der SS-Leute sind angespannt. Der Gegner lauert hinterm Grenzposten. dpa/lmr

Hektisch positionieren sie sich um einen Pritschenwagen. Jetzt fallen Schüsse. "Auf den Wagen!", brüllt ein Soldat in deutscher Sprache mit britischem Akzent. Fünf Frauen klettern hastig auf die Ladefläche. Der Panzer davor feuert, die Frauen ducken sich.

Dann ist die Vorführung vorbei. Die Frauen klettern kichernd vom Transporter, die Männer in Uniform lassen ihre Maschinenpistolen sinken und lehnen sich lässig an die Oldtimer.

Die Laiendarsteller der 2. SS-Panzerdivision "Das Reich" - 2. Kompanie Aufklärungsabteilung haben gerade gezeigt, wie sie sich das Geschehen im Jahr 1945 vorstellten: SS-Soldaten bringen Prager Zivilisten in Sicherheit und kapitulieren anschließend.

Die Männer und Frauen machen Living History (Lebendige Geschichte) und sind eine der Attraktionen auf dem "40-er Jahre Erlebniswochenende für Familien" in Bushey bei London.

"Wir haben keine politische Agenda", sagt Louise von der Living-History-Truppe. "Bei uns werden Sie kein ‚Sieg heil‘ sehen." Sie ist überzeugt, dass ihr Hobby helfen kann, Geschichte zu verstehen: "Wir haben mit Veteranen gesprochen und wollen das weitergeben."

Die Opfer der grausamen Nazi-Diktatur spielen bei der "Geschichtsvermittlung" eine untergeordnete Rolle. Die Massenvernichtung von Menschen jüdischen Glaubens etwa wird ausgespart. Nicht immer geht das gut: Auf dem "Wartime Weekend" 2012 in Ramsbottom und Bury reagierten jüdische Besucher auf Teilnehmer in SS-Uniform erschüttert. Nazikostüme und -insignien sind auf diesem Treffen inzwischen verboten.

Ross Wilson, Historiker und Experte für Kriegsgedenken an der Universität Chichester, hält Living History für eine nützliche Bildungsmethode. Das Reenactment habe aber auch Grenzen: "Es kann nicht den Horror und die Tragik des Konfliktes wiedergeben."

Daher werde es von einigen Akademikern als "keimfreie" Version der Geschichte kritisiert. Es gehe mehr um Gefühle der Darsteller als ums Verständnis der Historie.