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| 19:10 Uhr

Heute schon antik
Kassetten-Hören to go: 40 Jahre Walkman

 So war es damals: Ein Walkman – auch mobile cassette player, kurz MC-Player – von Sony hängt im März 2017 in einer Ausstellung an einer Jeans.
So war es damals: Ein Walkman – auch mobile cassette player, kurz MC-Player – von Sony hängt im März 2017 in einer Ausstellung an einer Jeans. FOTO: dpa / Philipp Schulze
Berlin. Der kleine Kasten, der heute vor 40 Jahren international eingeführt wurde, war schnell ein Must-have für jeden Jugendlichen. Und ein Schrecken für Ohrenärzte.

  Millionen junger Menschen kapselten sich plötzlich ab. Dazu reichten zwei schaumstoffbezogene Kopfhörer am Bügel, später Ohrstöpsel. „Das war der Startschuss zur mobilen Mediennutzung“, sagt Roland Stehle vom Branchenverband gfu, der die Internationale Funkausstellung ausrichtet. Mit dem Walkman sei „eine komplett neue Gerätegattung“ aufgekommen. Für CD-Spieler, MP3-Player und auch das Smartphone sei er der „Ur-Ahn“.

Sony-Chef Norio Ohga gilt als einer der Väter des Kultgegenstands. Firmenmitgründer Masaru Ibuka hat bei ihm einen Kassettenspieler in Auftrag gegeben, den man auf Reisen mitnehmen kann. Das Ur-Modell TPS-L2 ist nur eine abgespeckte und verfeinerte Weiterentwicklung eines Diktiergeräts für Journalisten. Der Deutsche Andreas Pavel hat bereits 1977 ein dem Walkman verblüffend ähnliches Gerät entwickelt. Doch Sony startet genau im richtigen Moment durch und landet im Jahrzehnt von Aerobic und Videospielen einen Knaller.

Eigentlich solltw das Gerät „Sound-About“ heißen, erst auf dem US-Markt erhält es den Namen „Walkman“. Das ist der Beginn einer Erfolgsgeschichte mit Hunderten Millionen verkauften Stück allein bei Sony. Hinzu kommen Konkurrenzprodukte fast aller großen Hersteller.

Am Rande sei erwähnt, dass Beethoven-Liebhaber Ohga später auch die maximale Spieldauer einer CD von 74 Minuten festgelegt hat. So lange dauert die Neunte Symphonie, dirigiert von Wilhelm Furtwängler.

Wie aus dem Sony-Archiv zu erfahren ist, griffen 1980 mancherorts in Deutschland unbekannte Täter zum Hammer und schlugen die Scheiben von Elektrohändlern ein. Sie klauten den Walkman aus der Auslage – „und nur den Walkman“, wie betont wird. Das ist bezeichnend für die Liebe vieler Teenager zu ihrem Abspielgerät. Tausende dürften ihn heute noch im Karton mit Kindheitserinnerungen lagern. Mancher begrub seinen kaputten Walkman wie ein totes Haustier im Garten. Jungen verbrachten Tage damit, einem Mädchen Tapes aufzunehmen.

Untrennbar mit dem Walkman verbunden ist die Debatte um die laute Kopfhörermusik. So mahnt im Oktober 1987 Bayerns Sozialminister Karl Hillermeier (1922-2011), die ständige Musikberieselung aus dem Walkman könne schwerhörig machen. Experten stießen sich nicht nur an den kleinen Kassettenrekordern, sondern auch an Ghettoblastern und Discos.

„Der Audiologe Prof. Steffen Kreikemeier von der Hochschule Aalen sieht „eine gewisse Gefährdung“ für das Gehör. „Diese Ansicht hat 2009 auch die Europäische Kommission erkannt.“ Die EU mache dort auf einen „falschen Musikgenuss“ und dessen Folgen aufmerksam. „Nach dieser Studie entfällt ein solches Risiko auf schätzungsweise zehn Millionen Menschen in der EU.“ Das entspricht fast dem Dreifachen der Bevölkerung von Berlin.

Professor Kreikemeier führt an, dass die neuen Smartphones deutlich länger beschallen können als die Geräte der 80er-Jahre. „In meiner Jugend waren Walkman oder CD-Player auch weit verbreitet, durch Größe und Batterie- beziehungsweise Akkulaufzeit aber schon auch etwas Besonderes“, erinnert sich der 38-Jährige. „Heute hat jedes Smartphone die Möglichkeit, Musik abzuspielen, und durch Streaming-Dienste ist hier auch kaum ein zeitliches Limit vorhanden.“ Umso wichtiger sei es daher, darauf zu achten, dass der Lautstärkepegel nicht zu hoch sei.

Das Charmante am Walkman war eben gerade das Nicht-Perfekte. Regelmäßig kam es zu Bandsalat, weil die Cassette schon ausgeleiert war. Und Joggen konnte man mit der empfindlichen Feinmechanik auch nicht gut. Von Wasser und Hitze musste man Walkmen fernhalten. Irgendwann machte die Digitale Revolution ihnen den Garaus.

Dem Ende der Ära Helmut Kohl folgte das Ende der Ära Walkman. Wurden in Deutschland 1994 noch 4,2 Millionen Stereopockets – das sind alle mobilen Mini-Kassettenspieler — verkauft. 2014 waren es nur noch 20 000. Seitdem ist es ruhig geworden um den Walkman.

 Niedersachsen, Lüneburg: Ein Walkman von Sony hängt im März 2017 in einer Ausstellung an einer Jeans.
Niedersachsen, Lüneburg: Ein Walkman von Sony hängt im März 2017 in einer Ausstellung an einer Jeans. FOTO: dpa / Philipp Schulze
(dpa)