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Jürgen Becker . . . der Träger des Büchner-Preises wird 85 Jahre alt

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Beim Dichter Jürgen Becker darf man noch rauchen, jedenfalls wenn seine Frau gerade nicht in der Nähe ist. Er selbst hat mit 15 angefangen.

Das war kurz nach dem Krieg. Seitdem hat er immer wieder versucht, aufzuhören. Aber spätestens am Schreibtisch gewinnt die Sucht jedes Mal die Oberhand. Immerhin ist er alt damit geworden: Heute ist sein 85. Geburtstag.

Jedes Mal wenn Becker das leere Blatt Papier vor sich hat, kommt es ihm vor, als hätte er noch nie zuvor geschrieben. Er sitzt da und wartet auf eine Idee. "Es muss eine Zeile sein oder ein Bild, ein Wort, das durch den Kopf geht. Und dieser Satz will fortgesetzt werden. Ich muss ihn entdecken, ich muss ihn freilegen. Meine Gedichte sind sehr durch Assoziationen bestimmt, deshalb sind sie so unruhig. Das Hin- und Herspringen, so wie es im Kopf ja auch geht. Im Grunde ist es ein Bewusstseinsvorgang, den man nachzeichnet."

Diese Bewusstseinsarchäologie ist es, die das Werk des Georg-Büchner-Preisträgers wesentlich ausmacht. Ein typischer Satz, der bei ihm sofort eine Assoziationskette in Gang setzt, war vor einigen Jahren das von einer Nachbarin aufgefangene "Kommt jetzt Krieg?" Es ging damals um den Ukraine-Konflikt. Becker ist Jahrgang 1932. "Krieg ist für mich immer wieder eine Kindheitserfahrung, die sehr schnell zu Ängsten führt. So was kann sich wiederholen."

"Je älter man wird", hat Becker festgestellt, "desto näher kommt die Kindheit". Es ist sein Ehrgeiz, so weit wie möglich in die Tiefen der Erinnerung vorzudringen. Die ältesten Bilder, die er dabei bisher zutage fördern konnte, zeigen das Haus seiner Großeltern am Stadtrand von Köln. Auch seine Eltern wohnten in diesem Haus, zu dem ein riesiger Garten gehörte. In Odenthal im Bergischen Land hat Becker einen Rückzugsort, der oft auch in seinen Gedichten auftaucht. Ein kleines altes Fachwerk-Gehöft mit weitläufigem Obstgarten. Die Arbeit in der Landschaft war lange ein Ausgleich für ihn. "Zurück auf dem Land" - mit diesen Worten beginnt sein neues Buch "Graugänse über Toronto". Später heißt es dort: "Im Sauerland ist der Wolf wieder da; vielleicht schnuppert er schon um die Scheune herum; komische Tatzenabdrücke unter dem Küchenfenster."

Becker hat nie vom Dichten leben können, er hatte immer auch einen "Brotberuf" - von 1974 bis 1993 leitete er die Hörspielabteilung des Deutschlandfunks. "Öffentlichkeit, Rundfunk, Massenmedium", zählt er auf. "Und andererseits die stille Arbeit an einem Gedicht: Das waren die beiden Seiten meiner literarischen Existenz."

Die Neuigkeit von Einfällen lässt im Alter nach, hat er bemerkt. Ist "Graugänse über Toronto" sein letztes Buch? "Entweder hört's auf oder es geht weiter. Das kann ich jetzt nicht sagen. Das ist jetzt eine Phase des Wartens."

Christoph Driessen