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| 10:12 Uhr

Interview mit dem fröhlichsten Facebook-Freund
Die Ein-Mann-Optimismus-Oase

Sebastian Weidner muss man fürs Foto nicht zum Lächeln auffordern.
Sebastian Weidner muss man fürs Foto nicht zum Lächeln auffordern. FOTO: Weidner
Düsseldorf. Null Häme, null Zynismus, null Spott - unser Autor hat keinen freundlicheren Facebook-Freund als einen 43-jährigen Rentenberater aus Nürnberg. Wie macht der Kerl das bloß? Sebastian Dalkowski

Ich könnte Sebastian Weidner eine inspirierende Person nennen, aber das klingt nach 21-Jährigen, die auf Instagram mit einem grünen Smoothie an der Felswand hängen. Weidner gibt mit seinen Tugenden nicht an, er macht einfach vor, wie einfach es ist, ein guter Mensch zu sein. Wie sehr ich den Kerl liebgewonnen habe, lässt sich daran erkennen, dass ich ihm sein Helene-Fischer-Fantum einfach nicht böse nehmen kann. Niemand sonst meiner 227 Facebook-Freunde strahlt so viel Zuversicht, Freundlichkeit und Herzlichkeit aus. Niemand kommt so konsequent ohne Häme und Zynismus aus.

Als Nürnberger ist der 43-Jährige Fan des 1. FCN, aber gleichzeitig kann er auch Hoffenheim viel abgewinnen. Er freut sich über Fotos von abrissreifen Häusern in Berlin ("Manche mögen sagen eine Ruine. Ich finde es einfach wunderschön!"), er freut sich darüber, dass er mit seinen beiden Kindern im Kindergarten den Wald aufgeräumt hat. Er schickt regelmäßig Fotos aus dem Biergarten und grüßt seine Freunde - als augenzwinkernde Anspielung auf seinen frühen Feierabend, der ihm als verbeamteter Rentenberater möglich ist. Im Netzwerk der negativen Gefühle ist Sebastian Weidner die Optimismus-Oase. Ist das alles echt?

Ich fürchte, es wird Häme für dieses Interview geben: "Warum interviewt Ihr grad den?" "Was für ein naiver Typ!" "Der hat gut reden, dieser faule Beamte." Kannst du damit umgehen?

Sebastian Weidner Damit kann ich wunderbar umgehen. Ich rechne auch mit folgender Kritik: Der Typ kann sich für nichts entscheiden und hat keine eigene Meinung.

Ich zitiere mal einen aktuellen Facebook-Kommentar: "Ich lese für meine Augen zu viele hämische Kommentare zum Thema zurückgeben des Echos. Ich denke mir, lieber etwas zu spät statt nie. Es ist trotz allem ein Zeichen setzen. Find ich gut." Dir selbst ist Häme völlig fremd, oder?

Weidner Häme ist mir zu negativ. Jeder hat zu Westernhagen einen blöden Spruch gebracht, weil er seine Echos zurückgegeben hat. Vorher haben sich noch alle beschwert, dass keiner ein Zeichen setzt. Dann setzt einer ein Zeichen und dann ist es auch nicht gut, weil ihm die Musik von Westernhagen nicht passt.

Über Bayern München schreibst du: "Langweilig. Immer die Bayern. Kaufen nur alles weg. Die haben eben das Geld. Kann man so sehen. Man kann aber auch sagen: beste Mannschaft, bester Verein, bestes Arbeiten seit vielen Jahren. Glückwunsch FCB!" Das ist mir dann doch zu unentschieden.

Weidner Es sind einfach zwei verschiedene Dinge. Freilich ist es langweilig, und wenn ich mir die Zweite Liga mit meinem 1. FC Nürnberg angucke, denke ich: Eigentlich habe ich gar keine Lust aufzusteigen, denn die Zweite Liga ist so spannend. Aber den Bayern hat niemand etwas geschenkt.

Welche der Positionen ist nun deine eigene?

Weidner Die schließen sich ja nicht aus. Als ich angefangen habe, Fußball zu gucken, 1982, Pokalendspiel in Frankfurt, Nürnberg gegen Bayern München, da habe ich die Bayern gehasst. Früher hast du dich gefreut, wenn sie verloren haben. Mittlerweile sind sie mir einfach nur egal.

Du bist aber nicht nur Fan vom Traditionsverein 1. FC Nürnberg, sondern seit einigen Jahren auch vom Gegenentwurf 1899 Hoffenheim. Wie geht das zusammen?

Weidner So groß sind die Unterschiede gar nicht. Wenn ich lese, die haben ihren Hopp und ohne dessen Geld gäbe es den Verein nicht, dann könnte ich sagen: Ohne unseren früheren Präsidenten Michael Roth wäre der 1. FC Nürnberg schon längst bankrott und weg. Lass es mich so sagen: Nürnberg ist meine Frau und dann habe ich noch eine Geliebte, die TSG Hoffenheim. Es ist einfach anders.

Aber musste es gerade Hoffenheim sein?

Weidner Bei der TSG habe ich jemanden kennengelernt, mit dem ich heute gut befreundet bin. Wir hatten uns seinerzeit über das Thema Hoffenheim unterhalten. Ich hatte in einem Posting geschrieben: Ist ja alles gut, was ihr macht, aber ein Fan von euch werde ich nie werden. Er hat mir dann erklärt, was der Verein im sozialen Bereich macht. Hoffenheim hat eine Fußballmannschaft mit Spielern, die Beinprothesen tragen. Das weiß kein Mensch. Die haben auch unglaublich gute Jugendmannschaften. Er hat mich dann zu einem Spiel eingeladen. Die haben nicht die Fankultur wie in Nürnberg, aber es ist trotzdem ein schönes Gucken. Im Stadion gibt es keine Aggressionen. Da parken die Stuttgarter neben den Hoffenheimern. Die mögen sich nicht besonders, aber sie laufen zusammen zum Stadion, die Stuttgarter verlieren, alle laufen zurück, den Fans vom HSV klopfen sie sogar auf die Schulter.

Erklär mir bitte, wie du zugleich Fan von Helene Fischer und Wanda sein kannst?

Weidner Dass jemand Fan von beiden ist, gibt es nicht oft, ne?

Ich kenne nur dich.

Weidner Ja, aber warum? Ich kann doch Helene klasse finden. Ich gehe zu Dieter Thomas Kuhn und freue mich riesig, ich freue mich auf Billy Joel, und Wanda ist eben eine andere Musik.

Aber Helene ist doch total glatt, Wanda sind eher rotzig, spielen ihre Instrumente selbst.

Weidner Wo soll da der Widerspruch sein? Ich habe oft das Gefühl, dass viele, die Helene laut kritisieren, sie gar nicht kennen. Wenn sie mal auf eines ihrer Konzerte gingen, würden sie sehen, was sie wirklich kann. Es ist okay, wenn jemand ihre Musik nicht mag. Mich ärgert es nur, wenn jemand sagt: Die kann nix. Das stimmt einfach nicht.

Wenn Leute wie ich zu lange auf Facebook sind, bekommen sie richtig schlechte Laune. Wie schaffst du es, so positiv zu bleiben?

Weidner Zum einen bin ich ein positiv denkender Mensch. Ich habe keine depressiven Stimmungen. Zum anderen… es war ja mal anders. Ich lese keine negativen Sachen mehr beziehungsweise ich lese sie, beteilige mich aber nicht an Diskussionen, wenn es zum Beispiel um die AfD geht. Wenn ich sehe, wie du da manchmal diskutierst, denke ich: Nee Freunde, es bringt einfach nichts. Das sind doch AfD-Fanboys, die haben Freude daran, wenn wir uns ärgern. Also habe ich eines Tages gesagt: Facebook ist meine rosarote Wolke.

Wie bitte soll das denn gehen?

Weidner Ich lasse einfach alles Negative weg. Ich lese auch keine Kommentare unter Facebook-Postings von Zeitungen. Da gibt es diesen schönen Comic. Der Sohn sagt zum Papa: Warum liest du Zeitung? Steht doch alles im Internet. Sagt der Papa: Ja, aber in der Zeitung ohne deine scheiß Kommentare. Man kann mir ruhig vorwerfen, dass ich in meiner Filterblase lebe. Mir geht es gut damit.

Hat dein Algorithmus schon bemerkt, dass du dich nicht für negative Inhalte interessierst?

Weidner Ich muss sie in manchen Fällen noch aktiv übersehen, wenn Freunde von mir so etwas teilen. Dann scrolle ich weiter. Da habe ich nicht mehr den Drang wie früher zu lesen, was die Leute schreiben. Da merkst du ja, wie der Blutdruck steigt.

Warst du schon immer so ein positiver Mensch?

Weidner Ich hatte eine Phase, in der war ich ziemlich traurig. Da war der Grund wie immer eine Frau. Tragische Geschichte. Sie war Türkin, wie waren füreinander bestimmt, aber die Religion hat einen Strich durch die Sache gemacht. Ich hätte konvertieren müssen. Das hätte ich nie gemacht. Sie konnte keinen Nicht-Moslem heiraten. Wirklich kacke. War halt so. Aber ansonsten... meine Mami sagt, ich war als Kind schon fröhlich.

Meine Mutter sagt das Gegenteil über mich.

Weidner Ich bin sogar Scheidungskind. Das hat mir auch nicht geschadet. Ich war vier, fünf. Meine Mutter hat aber schnell einen Neuen gefunden, und ich hatte einen Ersatzpapa. Wenn ich im Büro bin, sagen die Leute auch häufiger: Mensch, das war aber nett bei Ihnen und Sie hören auch mal zu. Da denke ich mir: Auf Facebook fordern alle, nett zueinander zu sein, aber leben gar nicht so. Ich finde es wichtig, meinen Kids diese Prinzipien vorzuleben. Nett und anständig sein.

Kann man lernen, so zu sein wie du?

Weidner Ich glaub, ich hab Glück gehabt. Dir sollte immer klar sein: Es gibt so viel schlimmere Dinge im Leben. Ich gehe ins Kinderland, sehe ein Kind mit Kopftuch, ohne Haare und einem Mundschutz und weiß: Leukämie. Das ist richtig scheiße. Was ist da schon dagegen, dass wie bei mir die Mama deiner Kinder fünf Minuten von dir weg wohnt und du dich auch nach der Trennung noch glänzend mit ihr verstehst.

Mir gelingt es nicht, mein eigenes Leid zu relativieren.

Weidner An dem Tag, an dem Tanja und ich beschlossen, uns räumlich zu trennen, war ich nicht in Halligalli-Laune. Aber das Leben geht weiter. Ich besuche demnächst jemanden, vielleicht wird das das große Bingo. Wer weiß?

Wird dein Grundvertrauen in die Welt denn nie erschüttert?

Weidner Doch. Ich glaube, dass ich anderen Menschen zu oft zu viel Vertrauensvorschuss gebe. Meistens auf Facebook. Wenn du jemanden noch nicht so gut kennst, und dann ist er ganz anders. Aber das ist kein Grund zu sagen: Ich will mich ändern und in Zukunft vorsichtiger sein. Dann falle ich lieber ein paar Mal auf die Fresse. Durch meine offene Art habe ich die Möglichkeit, unglaublich tolle Menschen kennenzulernen. In zwei Wochen fahre ich wieder zu meinem Jungsstammtisch nach Berlin. Vielleicht wird man in meinem Job auch so.

Als Rentenberater?

Weidner Ja, ich finde Lebensgeschichten von anderen unglaublich spannend. Ich habe mit DDR-Flüchtlingen gesprochen, die von ihren Stasi-Akten gesprochen haben oder wie sie aus Rumänien durch die Donau geflohen sind. Es kommen Leute, die bringen keinen Ton raus, weil sie Angst haben vorm Amt. Da kann ich nicht introvertiert sein. Manchen biete ich erst mal Gummibärchen an.

Du lockst deine Kunden mit Gummibärchen?

Weidner In der Tat. Oder wenn jemand kurzatmig ist, machen wir erst mal eine Atemübung. Das bricht das Eis.

Weißt du um das Böse in der Welt?

Weidner Sagen wir es doch mal, wie es ist: Gerade jetzt ist die Welt ziemlich scheiße. Deshalb sollten wir mit einer gewissen Fröhlichkeit dagegen angehen. Wenn ich mir einen Trump, Putin, Erdogan ansehe, wenn ich mir angucke, was für einen schlimmen Antisemitismus wir in Deutschland haben, das ist doch schrecklich. Da kann ich hergehen und jeden Tag was anprangern. Ich kann aber auch sagen, dass wir das alles überstehen. Das ist wie mit der Rentenversicherung. Alle sagen: Die Rentenversicherung ist scheiße. Aber die hat zwei Weltkriege überstanden.

Wo hört für dich der Spaß auf?

Weidner Bei der AfD. Nach diesem Vorfall in Münster war einer meiner ersten Reflexe zu gucken: Was sagt die AfD dazu? Was hat Beatrix von Storch geschrieben? Darüber habe ich mich sehr geärgert. Warum guckst du bei denen überhaupt? Du weißt doch, was sie schreiben. Warum schaffen sie es trotzdem, deine Aufmerksamkeit zu bekommen?