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| 13:42 Uhr

Internationaler Hebammentag
"Ich bin Hebamme, keine Kreißsaal-Managerin"

FOTO: dpa, his
Düsseldorf/Berlin. Lisa Leitlein ist Hebamme und selbst schwanger. Sie hat Gesundheitsminister Jens Spahn einen offenen Brief geschrieben, in dem sie ihn um die Reform der Geburtshilfe bittet. Gerade weil sie um die kritische Situation im Kreißsaal weiß, plant sie eine Geburt außerhalb der Klinik. Franziska Hein

Lisa Leitlein ist Hebamme und selbst schwanger. Sie hat Gesundheitsminister Jens Spahn einen offenen Brief geschrieben, in dem sie ihn um die Reform der Geburtshilfe bittet. Gerade weil sie um die kritische Situation im Kreißsaal weiß, plant sie eine Geburt außerhalb der Klinik.

Lisa Leitlein
Lisa Leitlein FOTO: Hannes Leitlein

Gut zwei Wochen ist es her, da veröffentlichte Lisa Leitlein in der "ZEIT" einen offenen Brief an den Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU), in dem sie ihn auffordert, die Bedingungen für die Geburtshilfe in Krankenhäusern zu verbessern. (Hier lesen Sie den offenen Brief.) Leitlein ist von der Situation in den Kreißsälen der Republik doppelt betroffen: Sie ist Hebamme - und selbst schwanger. "Obwohl ich selbst angestellte Hebamme in der Klinik bin oder gerade weil ich um die Zustände im Kreißsaal weiß, plane ich eine Geburt außerhalb der Klinik", schreibt sie in dem Brief. Sie schreibt über den Personalmangel an Kliniken. Darüber, dass sie fast selbst keine Hebamme mehr bekommen hätte. Und darüber dass viele Kreißsäle schließen müssen, obwohl wieder mehr Kinder geboren werden.

Zum Internationalen Hebammentag haben wir mit ihr über gute und schlechte Arbeitstage, über Hausgeburten und über ihre Wünsche für die Zukunft gesprochen.

Frau Leitlein, was frustriert Sie am meisten an Ihrer derzeitigen Arbeitssituation?

Lisa Leitlein Am meisten frustriert mich, dass ich häufig nicht genug Zeit habe und von Kreißsaal zu Kreißsaal hetze. Ich bin Hebamme, keine Kreißsaal-Managerin. Ich muss Prioritäten setzen, statt einfach da zu sein und den Geburtsvorgang zu beobachten. Das tun Hebammen. Sie beobachten, unterstützen und vermitteln Sicherheit durch Anwesenheit.

Was sagen Sie den Frauen, wenn Sie sie alleine lassen müssen?

Leitlein Ich mache möglichst klare Ansagen. Ich erkläre, dass ich aktuell noch weitere Gebärende betreue. Ich sage nicht 'Ich bin gleich wieder da', sondern ich sage 'Ich bin in zehn Minuten wieder da'.

Wie reagieren die Eltern darauf?

Leitlein Eltern, die zum zweiten Mal ein Kind bekommen, sagen oft: 'Beim ersten Mal war die Hebamme die ganze Zeit da.' Ich verstehe das. Ich wäre auch gerne die ganze Zeit da. Eltern, die zu einem Kontrolltermin in die Klinik kommen, haben oft weniger Verständnis, wenn sie auf einen Ultraschall oder ein CTG mehrere Stunden warten müssen. Denn Frauen, die ein Kind bekommen, haben immer noch Vorrang.

In dem Brief beschreiben Sie, dass Sie sich nach der Schicht manchmal fragen, ob Sie jeder Frau gerecht geworden sind. Gibt es mehr gute oder mehr schlechte Arbeitstage?

Leitlein Ich habe wegen meiner Schwangerschaft gerade ein Beschäftigungsverbot. Aber davor war es so, dass die Dienste mehr wurden, an denen es zu viel wird. Wenn ich zum Beispiel keine Zeit habe, auf die Toilette zu gehen, mein Pausenbrot wieder mit nach Hause nehme und die Dokumentation nach Schichtende mache. Wenn ich mehrere Frauen gleichzeitig betreue und dann in der Kitteltasche auch noch das Kreißsaaltelefon tragen muss, weil wir permanent erreichbar sein müssen.

Sind Sie schon mal in eine kritische Situation geraten, die durch Zeitmangel ausgelöst wurde?

Leitlein Nein, da hatte ich bisher Glück. Aber kritische Situation heißt ja nicht nur, dass ein Notfall eintritt. Es kann auch heißen, dass eine Frau mit einem Geburtstrauma nach Hause geht. Später frage ich mich dann, ob die Frau ihr Kind auch anders hätte zur Welt bringen können, wenn ich sie intensiver hätte begleiten können.

Inwiefern?

Leitlein Durch unterbesetzte Kreißsäle steigt die Interventions- und Kaiserschnittrate. Meine Erfahrung zeigt, wird interveniert - etwa eine schmerzlindernde PDA gegeben - folgen meist weitere Interventionen. Die PDA stoppt häufig auch die Wehen. Dann muss ein Medikament gegeben werden, das die Wehen wieder in Gang bringt. Das ist ein Beispiel. Ich sage nicht, dass eine PDA immer schlecht ist. Ich denke nur, dass es das manchmal gar nicht braucht, wenn ich da sein könnte und mit der Frau ihre Wehen veratmen könnte, ihr Sicherheit geben könnte.

Sie sind selbst gerade schwanger und planen eine Hausgeburt. Warum?

Leitlein Ich weiß, wie eine Geburt laut Lehrbuch ablaufen soll und ich weiß auch, dass eine Geburt nicht planbar ist. Ich bin gespannt, wie ich auf diese Situation reagieren werde. Ich werde sicher genug mit mir zu tun haben und will keine Angst haben, dass ich dann alleine bin, dass kein Platz im Kreißsaal ist oder dass ich auch Opfer eines Systems werde, das gerade nicht gut funktioniert. Ich habe eine tolle Hebamme, die seit 25 Jahren Hausgeburten betreut. Sie wird mich die ganze Zeit begleiten.

Viele Menschen sehen Hausgeburten kritisch und risikobehaftet, weil Mutter und Kind vielleicht etwas passieren könnte...

Leitlein Ich habe keinen verklärten Blick auf Hausgeburten. Ich sehe das weder romantisch, noch esoterisch. Ich sage jetzt bewusst einen provokativen Satz: Ich denke, dass eine gesunde Schwangere mit einem gesunden Kind zu Hause mindestens genauso sicher ist, wie in der Klinik. Unter der Voraussetzung, dass sie eine Hausgeburt möchte. Das ist ganz wichtig. Viele empfinden es als Sicherheit, dass die Kinderintensivstation gleich nebenan ist. Mir gibt Sicherheit, dass meine Eins-zu-eins-Betreuung garantiert ist. Und Hebammen handeln nicht fahrlässig. Sie überprüfen, ob die gesundheitlichen Bedingungen für eine Hausgeburt gegeben sind. Wenn es Zwillinge sind, das Kind in Beckenendlage liegt oder die Mutter Schwangerschaftsdiabetes oder andere Vorerkrankungen hat, ist natürlich die Klinik der richtige Geburtsort.

Haben Sie selbst als Hebamme schon einmal eine Hausgeburt erlebt?

Leitlein Ja, zum ersten Mal noch in der Ausbildung, als ich eine freiberufliche Hebamme begleitet habe. Daran denke ich gerne zurück. Später habe ich in Essen als freiberufliche Hebamme selbst einige Hausgeburten betreut.

Wenn Sie einen Zauberstab hätten und von heute auf morgen sofort etwas an der Situation in Ihrem Kreißsaal ändern könnten, was wäre das?

Leitlein Ich würde mehr Personal herbeizaubern. Das bringt schon Entlastung. Nur sind die Kreißsäle natürlich trotzdem irgendwann belegt. Und es schließen immer mehr Geburtsstationen, weil sie nicht rentabel sind. Ich wünsche mir, dass wir nochmal über unseren Sicherheitsbegriff bei der Geburt nachdenken. Sind es tatsächlich die Intensivmedizin und all die technischen Geräte, die Sicherheit geben? Oder sind es Erfahrung, Kompetenz und Präsenz der Geburtshelfer? Ich wünsche mir, dass wir in die Gebärfähigkeit von Frauen vertrauen. Wir sollten endlich wieder mehr gute Geburtsgeschichten und nicht nur Horrorgeschichten erzählen können.

Haben Sie auf den Brief eigentlich eine Reaktion von Jens Spahn bekommen?

Leitlein Nein. Darauf warte ich noch. Aber viele Leute sprechen mich auf meinen Beruf an. Mit den Geschichten aus dem Kreißsaal - den guten, wie den schlechten - kann ich jede Familienfeier oder Geburtstagsparty sprengen, weil vielen nicht klar ist, wie die Situation ist.

Kürzlich kam die Meldung, dass Hebammen im Schnitt nur acht Jahre durchhalten in ihrem Beruf. Möchten Sie Ihren Beruf bis zur Rente machen?

Leitlein Ja, wirklich sehr gerne. Ich bin trotz allem guter Hoffnung.

Lisa Leitlein (30) arbeitet als angestellte Hebamme in einer Berliner Klinik. Sie lebt mit ihrem Mann in Berlin. Sie kommt ursprünglich vom Niederrhein und hat in Wuppertal und Essen als Hebamme gearbeitet.