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| 13:10 Uhr

Risiken bei außerklinischen Geburten
Keine Hausgeburt um jeden Preis

Eine Hebamme tastet den Bauch einer Schwangeren ab (Symbol).
Eine Hebamme tastet den Bauch einer Schwangeren ab (Symbol). FOTO: dpa
Bonn. Von 100 Neugeborenen in Deutschland kommen ein bis zwei in den eigenen vier Wänden zur Welt. Dabei schwärmen Hausgebärende und Hebammen von der ungestörten Entbindungsvariante. Kritiker sehen aber auch Risiken.

Hinter den zugezogenen Vorhängen fließt Vater Rhein in seinem Bett unruhig dahin. Doch weder das Wasserrauschen noch das Rattern der Züge auf der Rheinschiene können Kathrin Dönges und Niko Bender an diesem Tag im Mai stören. Im Wohnzimmer der beiden in Bonn ist gerade ihr erstes Töchterchen zur Welt gekommen.

Kathrin und Niko wollten eigentlich ambulant im Krankenhaus entbinden, Hausgeburt nicht ausgeschlossen, aber auch nicht geplant.
"Niko kommt aus einer Schulmediziner-Familie. Sein Vater war Kinderarzt und Professor", erklärt die 39-Jährige die Tendenz zum Krankenhaus. Aber dann kam es doch anders. "Als die ersten Wehen am Morgen losgingen, war die Stimmung entspannt und dennoch aufgeregt wie kurz vor einem Urlaub." Dann seien die Wehen aber plötzlich doch wesentlich intensiver geworden. Und in Rücksprache mit ihrer Hebamme entscheiden sie sich gegen die Fahrt durch den Berufsverkehr 30 zum Krankenhaus und für den Geburtsraum mit Rheinblick daheim.

0,6 Prozent der Babys kommen zu Hause auf die Welt

Hebamme Andrea Zimmer wohnt um die Ecke und hat bereits rund 100 Hausgeburten selbst geleitet. Mit ihrer Unterstützung hält Kathrin knapp drei Stunden später im Wohnzimmersessel glücklich ihr Baby im Arm.

Etwa 0,6 Prozent der Neugeborenen kommen hierzulande in den eigenen vier Wänden zur Welt. Die Zahl der Hausgeburten nimmt seit einigen Jahren wieder zu. 2016 stieg die absolute Zahl laut der Gesellschaft für Qualität in der außerklinischen Geburtshilfe (QUAG) um 850 auf nun knapp 5000. "Vorläufige Daten gehen für 2017 von einem weiteren Anstieg aus", erklärt Geschäftsführerin Anke Wiemer. Immer noch kein Vergleich zur Hausgeburten-Hochburg Niederlande mit etwa 30 Prozent.

Nach Angaben der QUAG gab es in Deutschland ab 2006 einen starken Einbruch bei den Hausgeburten. Der Grund: viele freiberufliche Hebammen boten keine Hausgeburten mehr an, weil die Berufshaftpflichtbeiträge stark angestiegen waren - bis auf mehrere Tausend Euro pro Jahr. "Seitdem die gesetzlichen Krankenversicherungen ab dem Jahr 2015 einen Haftpflichtzuschlag von etwa 1400 Euro pro Quartal zahlen, sind auch wieder mehr Hebammen zur außerklinischen Geburtshilfe bereit", sagt Wiemer. Während 2005 noch 524 Hebammen bei der Gesellschaft erfasst waren, waren es 2014 nur noch 398, aber 2016 wieder 473.

Keine Hausgeburt bei Gesundheitsrisiko

Im Gegensatz zu Kathrin Dönges wollte Miriam Becher ihre Kinder zu Hause bekommen. Hugo, Jette und Oskar sind gebürtige Alfterer - obwohl es in dem rheinischen Ort keine Klinik gibt. "Ich finde Krankenhäuser doof", erklärt die 37-Jährige. Und: "In unserer eigenen Wohnung kann ich mich freier bewegen, bin flexibler, entspannter. Ich kann essen und trinken, was ich möchte." Außerdem habe sie die Hebamme, der sie "tausendprozentig" vertraue. Wechselnde Hebammen im Krankenhaus wären für sie ein Störfaktor gewesen.

Miriams Hausgeburt-Entscheidung schockte aber ihre Freundinnen. "Ist das nicht gefährlich?" - "Du bist verrückt!", lauten häufige Reaktionen. Hebamme Charlotte Zörner wiegelt ab: "Es gibt klare Ausschlusskriterien wie Stoffwechselstörungen, Beckenendlagen oder andere Risikofaktoren." Wenn jedoch solche Aspekte ausgeschlossen sind, spreche nichts gegen eine Hausgeburt. Kollegin Andrea Zimmer fügt hinzu: "In Deutschland muss ein Arzt bei einer Geburt eine Hebamme dabei haben - eine Hebamme muss jedoch keinen Arzt dabei haben."

Kritisch äußerte sich der Direktor der Klinik für Geburtsmedizin an der Berliner Charite, Wolfgang Henrich, weil viele Erstgebärende bei einer Hausgeburt in ein Krankenhaus verlegt würden.

Eine höhere Rate operativer Geburten und spätere psychologische Problem der Mutter seien oft die Folge, schrieb er in einem Gastbeitrag im "Tagespiegel". Eltern stellten ihr Recht auf Selbstbestimmung des Geburtsortes über das Interesse des ungeborenen Kindes, "in einem Umfeld mit maximaler medizinischer Sicherheit" geboren zu werden. "Es ist unverständlich, dass die Risiken als akzeptabel beurteilt werden und die Gesetzgebung vermeidbare Sterblichkeit und Gesundheitsschäden zugunsten einer romantisch verklärenden Ideologie duldet", so der Mediziner.

Eine Schwangerschaft ist keine Krankheit

Die QUAG verweist darauf, dass eine Geburt keine Krankheit, wohl aber ein sehr intimer und ursprünglicher Prozess sei. Eine möglichst ungestörte Geburt mit einer kontinuierlichen Betreuung, bei der die Gebärende die Hebamme fast ununterbrochen an ihrer Seite habe, sei in einem Kreißsaal leider allzu oft nicht mehr möglich. Studien belegen, dass ungestörte Geburten zu weniger Problemen und Komplikationen führen.

Hebamme Andrea Zimmer erzählt, dass sie Frauen kennengelernt habe, bei denen selbst beim Frauenarztbesuch der Blutdruck steige. "Da kann man sich vorstellen, wie sich eine solche Schwangere dann im Krankenhaus fühlen wird." Zimmer und Zörner, die als Team werdende Mütter betreuen, verstehen sich als kompetente Vertraute für die Frau und natürlich für deren Familie.

Die Erfahrung in ihrer Praxis zeige, dass meist starke und selbstbewusste Frauen die Möglichkeit einer Hausgeburt in Betracht zögen. Kathrin Dönges ist erneut schwanger - und diesmal ist der Plan umgekehrt: Hausgeburt gewünscht, Krankenhaus nicht ausgeschlossen.

(heif)