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Im Auftrag der Toten

Nachdem im Spandauer Forst ein weibliches Skelett gefunden wurde, gelang es Rechtsmedizinern, das Gesicht der Frau zu rekonstruieren.
Nachdem im Spandauer Forst ein weibliches Skelett gefunden wurde, gelang es Rechtsmedizinern, das Gesicht der Frau zu rekonstruieren. FOTO: rbt1
Berlin. War es Mord oder Selbstmord, Unfall oder Krankheit? Diese Fragen müssen sich Kriminalbeamte und Rechtsmediziner immer wieder stellen. Tote reden nicht, lautet ein alter Spruch. Eine neue Ausstellung im Medizinhistorischen Museum der Charité Berlin zeigt, dass sie Rechtsmedizinern und Polizei trotzdem etwas zu sagen haben. Rolf Bartonek / rbt1

Der blutige Streit des Noch-Ehepaares wegen anstehender Unterhaltszahlungen beginnt in der Wohnung und endet in einem Brandenburger Wald. Der Mann zerschlägt zuerst eine Vase und benutzt ihre Schnittkanten als Waffe. Die Frau flieht, wird eingeholt und dann im Wald mit einem Messer getötet. Die Nachbildung beider Tatorte steht am Anfang des Rundganges durch die Schau "Hieb & Stich. Dem Verbrechen auf der Spur" in Berlin. Dabei geht es wie bei allen Bildern, Szenen, Filmen und Schaustücken der Ausstellung weniger um das Schildern von Fällen, sondern vorrangig um die Methoden der Spurensicherung und -auswertung.

Das zum Einsatz kommende Arsenal reicht vom Spürhund über fotografische Tatortvermessung bis hin zum traditionellen Vergleich von Fingerabdrücken, der Partikel- und DNA-Analyse sowie der Computertomografie. "Fälschlicherweise wird im Fernsehen immer wieder das Bild des neben der Leiche Brötchen kauenden Rechtsmediziners gezeigt, der die Todeszeit auf die Minute genau bestimmen und jede Todesursache zweifellos feststellen kann, und der alle Kriminalfälle praktisch im Alleingang löst", erklärt Prof. Dr. Michael Tsokos, Direktor des Instituts für Rechtsmedizin der Charité. Die Ausstellung soll daher auch mit Klischees aufräumen und zu einer Versachlichung des Kenntnisstandes der Besucher führen.

Bereits die erste rechtsmedizinische Ausstellung "Vom Tatort ins Labor", die ab 2009 in Berlin und dann in mehreren anderen Städten zu sehen war, fand weit über 100 000 Besucher. Die neue Schau rückt nun die Spurensicherung in den Mittelpunkt.

Da wird der Wirt einer Bar in seinem Büro blutüberströmt tot aufgefunden. Zunächst gehen die Polizisten von einem Tötungsdelikt aus. Dann jedoch macht die Analyse der Spurenlage einen Suizid immer wahrscheinlicher und schließt am Ende Fremdeinwirkung ganz aus. Ein Modell veranschaulicht, wie der Mann aufgefunden wurde. Zum Recherchefeld gehört das soziale Umfeld. Hier findet sich das Motiv für den Selbstmord: Schulden.

Ein anderes Modell erinnert an eine Frau, die sich bei Schnee und strengem Frost im Wald nackt auszog, dann noch anderthalb Kilometer lief, bis sie erfror. Die Kriminalbeamten vermuteten ein Sexualdelikt, ermittelten als Ursache dann aber eine psychische Störung. Paradox: Die Frau zog sich offenbar aus, weil sie fror. Tsokos erzählt, von Bergsteigern sei bekannt, dass ihnen vor dem Tod durch Erfrieren noch mal richtig warm wird. So muss es der Frau ergangen sein.

Insgesamt behandelt die Ausstellung 20 reale Fälle. Manchmal helfen den Rechtsmedizinern Insekten weiter. Eine alte Dame stirbt einsam in ihrer Wohnung. Die Pflegerin behauptet, nur eine Woche nicht bei der "garstigen Frau" gewesen zu sein. Art und Menge der bei der Verstorbenen eingesammelten Insekten beweisen jedoch, dass sie bereits mindestens drei Wochen tot ist und folglich eine erhebliche Vernachlässigung vorliegt.

"Oft sind Leichen schon verwest oder mumifiziert, manchmal stehen uns nur einzelne Knochen zur Verfügung", berichtet Tsokos. Die Identifizierung ist dann nicht einfach, hilfreich dabei sein können Prothesen (Implantate), zahnärztliche Arbeiten am Gebiss, Herzschrittmacher oder Tätowierungen. Ganz erstaunlich: Noch bis zu zwei Jahren nach dem Auffinden einer Leiche kann sich der Einsatz von Spürhunden lohnen. Es gab gar mal ein schnüffelndes "Polizistenschwein". Von 1984 bis 1987 setzte Niedersachsens Polizei das in jungen Jahren gezähmte Wildschwein bei der Fahndung nach Drogen und Sprengstoffen ein.

Die Ausstellung ist bis zum 14. Januar zu sehen. Es lohnt sich, bei einem Besuch auch einen Blick auf die Haupträume des Museums mit ihren zahlreichen medizinhistorischen Schaustücken und Berichten zu werfen. Das Museum befindet sich im Charité-Gelände Virchowweg 16, zehn Minuten Fußweg vom Hauptbahnhof entfernt.