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Gemeinsam unterwegs im Heiligen Land

In der Gedenkhalle von Yad Vashem, der nationalen Gedenkstätte Israels für die Opfer der Shoah.
In der Gedenkhalle von Yad Vashem, der nationalen Gedenkstätte Israels für die Opfer der Shoah. FOTO: Lassiwe
Jerusalem. Als einen "bedeutsamen Schritt zur Versöhnung der beiden großen christlichen Kirchen in Deutschland" bewerten der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm, und der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, die gemeinsame Reise ins Heilige Land. Benjamin Lassiwe

Es ist ein kühler, dunkler Raum. Feldsteine bilden die Mauer, die von einem grauen Betondach überspannt wird. Durch ein kleines Fenster fällt ein fahles Tageslicht in das Gebäude. In der Mitte lodert eine Flamme. Es ist die Gedenkhalle von Yad Vashem, der nationalen Gedenkstätte Israels für die Opfer der Shoah. Heinrich Bedford-Strohm, Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland, und Reinhard Kardinal Marx, Vorsitzender der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, treten nach vorne. An einem Gedenkstein, unter dem die Asche von KZ-Opfern beigesetzt ist, legen sie einen Kranz nieder. "Herr, Gedenke ihrer Namen", steht auf seiner Schleife.

"An keinem Ort der Welt fehlen einem so die Worte wie hier in Yad Vashem", sagt der Bischof von Osnabrück, Franz-Josef Bode. "Beide Konfessionen haben ihren schrecklichen Beitrag zum Antisemitismus geleistet." Draußen, vor dem Mahnmal für die ermordeten Kinder, hält Bode eine kleine Andacht, spricht ein Gebet. Denn Bode, Marx und Bedford-Strohm sind nicht auf eine ganz normale Dienstreise nach Israel gefahren. Die Kranzniederlegung in Yad Vashem ist vielmehr der emotionale Höhepunkt einer Pilgerfahrt nach Israel. 499 Jahre nachdem der Reformator Martin Luther mit seinen der Legende nach an der Tür der Wittenberger Schlosskirche angeschlagenen Thesen eher unfreiwillig eine Kirchenspaltung verursacht hatte, wollen neun Mitglieder des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland und ebenso viele Vertreter der katholischen Deutschen Bischofskonferenz dort, wo vor rund 2000 Jahren alles begann, den Wurzeln des christlichen Glaubens nachspüren.

Für die Ökumene zwischen den Kirchen ist diese Reise ein wichtiges Symbol. Denn noch vor einigen Jahrzehnten war so etwas in Deutschland völlig undenkbar. Noch in den 70er-Jahren waren konfessionell gemischte Ehen in manchen Gegenden nicht denkbar. Heute wandern katholische Bischöfe und evangelische Laien zusammen durch die judäische Wüste. "Nach 500 Jahren von gegenseitigen Missverständnissen sind wir gemeinsam auf dieser Pilgerreise unterwegs", sagt Heinrich Bedford-Strohm. "Wir haben die Welt mit den Herzen der Anderen gesehen." Und gemeinsam mit Kardinal Marx rief er die Kirchengemeinden in Deutschland dazu auf, es den Bischöfen ökumenisch nachzutun. Doch die Gruppe erlebt auch die Grenzen dessen, was in der Ökumene möglich ist. Wenn die katholischen Bischöfe eine Heilige Messe feiern, bleiben die evangelischen Delegationsteilnehmer bei der Eucharistiefeier in den Bänken sitzen. Wenn die evangelischen Bischöfe einen Abendmahlsgottesdienst leiten, bleiben die Katholiken bei der Austeilung von Brot und Wein auf ihren Plätzen. "Wir erleben den Schmerz, den viele Christen erleben", sagt Fehrs. "Als Amtsträger weiß man das natürlich irgendwie, aber hier erleben wir es ganz praktisch." Denn wenn Bischöfe miteinander Gottesdienst feiern, geschieht das meist als ökumenischer Gottesdienst. Aus Rücksichtnahme auf die Unterschiede zwischen den Konfessionen finden dort meist keine Abendmahls- oder Eucharistiefeiern statt. Entsprechend aufmerksam hören alle Beteiligten zu, als der Präsident des Lutherischen Weltbunds (LWB), Bischof Munib Junan, von den geplanten Feierlichkeiten am nächsten Wochenende im schwedischen Lund berichtet, bei denen Papst Franziskus und der LWB den Auftakt für das Reformationsjubiläum geben wollen. Denn immer wieder gibt es Gerüchte, dass dabei auch ein Signal in Sachen gemeinsames Abendmahl gesetzt werden soll. Munib Junan dementiert das nicht. Allerdings sei ein gemeinsames Abendmahl vor allem auch Sache des Heiligen Geistes. "Lasst uns beten, dass der Heilige Geist diese Feier nutzt."

Doch ein Besuch in Israel kann nicht ohne Referenzen zur politischen Lage im Land auskommen. Bei einem Besuch in der Al-Aksa-Moschee, dem berühmten Felsendom von Jerusalem und an der Klagemauer unterhalb des Tempelbergs wurde den Kirchenvertretern schnell deutlich, dass die Religionen im Heiligen Land kaum einmal miteinander reden. "Wenn wir nach Perspektiven suchen, braucht es Möglichkeiten, sich zu begegnen", sagt Heinrich Bedford-Strohm. "Meine große Hoffnung ist es, dass die Kirchen in Israel und Palästina mithelfen können, um Räume für solche Begegnungen zu schaffen."