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| 18:37 Uhr

Freudentränen: "Wir haben sie alle!"

Warschau. Es ist der Albtraum eines jeden Bergmannes: Die Erde bebt, der Schacht und die Stollen rumoren. Schließlich brechen die Stützwände ein. Wer nicht verschüttet wird und sofort erstickt, bleibt von der Außenwelt abgeschnitten – lebendig begraben. In der Nacht zum Mittwoch wurde dieser Albtraum in der südwestpolnischen Kupfergrube "Rudna" für 19 Kumpel Wirklichkeit. Ulrich Krökel / ukr1

Doch der Horror in 1000 Meter Tiefe verwandelte sich nach mehr als sieben Stunden des Bangens und Betens in ein hollywoodreifes Happy End. Als der Ruf "Wir haben sie alle!" durch die Morgendämmerung hallte, brachen die Ehefrauen der Bergleute in Tränen der Freude aus. Sie hatten die ganze Nacht über vor der Zeche im Städtchen Polkowice, 80 Kilometer östlich der deutsch-polnischen Grenze, ausgeharrt. "Was für ein Grauen und was für ein glückliches Ende!", rief eine der Frauen schluchzend und fügte dann leise hinzu: "Sie leben."

Die Geretteten selbst wurden am Mittwoch zunächst medizinisch und psychologisch betreut. Schwere Verletzungen hatte niemand davongetragen. Der Schock saß allerdings tief. Erst im Laufe des Tages äußerten sich einige der verschütteten Bergleute in Interviews.

"Überall war Staub und Rauch. Wir konnten fast nichts sehen. Das war das Schlimmste. Wir haben in dem Qualm die üblichen Rettungswege gesucht, aber alle Ausgänge waren durch Schutt blockiert", berichtete ein Kumpel im Radio und fügte lapidar hinzu: "Wir haben dann einfach auf die Retter gewartet." Der Kontakt zur Außenwelt war nach dem Beben komplett abgebrochen. Selbst die Nottelefone im Schacht funktionierten nicht mehr.

Während sich die erleichterten Bergleute zu ihren Familien zurückzogen, wurden am Mittwoch immer mehr Details über den Hergang des Unglücks und der Rettungsaktion bekannt. Um 22.09 Uhr hatte am Dienstagabend in Niederschlesien die Erde gebebt und einen Schacht der Zeche "Rudna" zum Einsturz gebracht.

Selbst in den USA hätten Messgeräte die Erdstöße mit einer Stärke von 4,7 auf der Richterskala registriert, berichtete der Chef des Grubenbetreibers KGHM, Herbert Wirth. 23 Bergleute konnten sich nach dem Beben aus eigener Kraft aus dem Gewirr der Stollen retten. Über die verschütteten 19 Kumpel sagte Wirth: "Ich bin unendlich dankbar, dass sie ausgehalten und den Glauben an die Retter nicht verloren haben, die um ihr Leben kämpften."

Um die dramatischen Szenen der Rettungsaktion zu beschreiben, fehlten Wirth allerdings die Worte. Die nur 25 Helfer, die im Stollen Platz fanden, mussten teilweise ohne schweres Gerät auskommen. Mit Spaten, Spitzhacken und den bloßen Händen grabend, arbeiteten sie sich zu den Eingeschlossenen vor. "Das war schon extrem", sagte Grzegorz Wolak, der die Rettungsaktion leitete, und fügte hinzu: "Streckenweise mussten die Jungs auf dem Bauch durch eingebrochene Gänge kriechen." Zum Glück für alle Beteiligten gab es keine Nachbeben.

In den Jubel über das Happy End mischten sich allerdings auch nachdenkliche Töne. "Ist das Geld den Einsatz wirklich wert?", fragte weinend die Frau eines Geretteten. Bergleute verdienen in Polen umgerechnet rund 1200 Euro monatlich. Das sind 350 Euro mehr als der Durchschnittslohn. Hinzu kommen attraktive Sonder- und Rentenzahlungen. Allerdings gelten die oft veralteten polnischen Gruben als gefährlich.

Hinzu kommen Erdstöße, die im schlesischen Bergbaurevier nicht selten sind. Erst vor knapp drei Jahren waren dort nach einem Beben fünf Kumpel ums Leben gekommen. Besonders bitter für die Betroffenen ist, dass die verheerenden Erdbewegungen nicht selten menschengemacht sind. Vor allem zu kommunistischer Zeit wurden viele Stollen nach jahrzehntelanger Ausbeutung nicht wie zwingend erforderlich mit Abraum aufgefüllt.

Die Wechselwirkung mit der andauernden Förderung kann verheerende Folgen haben. Der Boden sackt ab. Dabei kann es im schlimmsten Fall zu Erdbeben kommen. Der oberschlesische Bergbauort Bytom bei Kattowitz hat sich seit Beginn der Förderarbeiten vor 60 Jahren um sieben Meter gesenkt. Was das Beben in Polkowice auslöste, blieb am Mittwoch zunächst offen.