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Fassungslosigkeit nach Messerattacke

Bestatter tragen am Montag die Leiche des 66-jährigen Mannes in Brieskow-Finkenheerd zum Fahrzeug.
Bestatter tragen am Montag die Leiche des 66-jährigen Mannes in Brieskow-Finkenheerd zum Fahrzeug. FOTO: dpa
Brieskow-Finkenheerd. Einen Tag, nachdem in Brieskow-Finkenheerd (Oder-Spree) ein Mann getötet wurde, beschäftigt die Anwohner und Angehörigen vor allem die Frage nach dem Warum. Fassen kann die Tat keiner. Auch am Mittwoch war die Kriminalpolizei vor Ort, um Spuren zu finden und Beweise zu sichern. Janet Neiser/MOZ

"Ich will dazu gar nichts sagen", winkt die Bewohnerin eines Mehrfamilienhauses ab, das nur wenige Schritte vom Tatort entfernt ist. Dann fängt sie doch an zu reden. Dass dort am Dienstag im Keller ein 66-Jähriger tot aufgefunden wurde - erstochen von einem Mann, der schräg unter ihm im selben Hausaufgang wohnt -, habe sie zunächst gar nicht mitbekommen. Spätestens abends gab es dann die Gewissheit: Da war Brieskow-Finkenheerd sogar Thema im Fernsehen. "Der Herr T. war immer nett und sympathisch. Der hat uns und anderen so oft geholfen", sagt die ältere Frau und schüttelt mit dem Kopf. Und dem Täter, der einen Tag zuvor selbst verletzt in einem Gebüsch nahe seines Hühnerstalls gefunden wurde, nun im Klinikum behandelt wird und die Tötung gestanden hat, nein, dem hätte sie so etwas auch nicht zugetraut. Der 54-Jährige sei zwar hin und wieder etwas komisch gewesen, aber so etwas?

Eine andere Frau berichtet, dass der Beschuldigte vor Jahren mal versucht habe, sich selbst das Leben zu nehmen. Die Verletzungen, mit denen er nun nahe seines Hühnerstalls gefunden wurde, hatte er sich laut Staatsanwalt nach der Tat selbst zugefügt.

"Das Schlimmste ist, dass ich weiß, wer es war", sagt die Witwe des Getöteten leise. Blass sieht sie aus und verweint. Ihr Sohn stellt sich sofort schützend vor sie. Die 66-Jährige traut sich kaum heraus. Denn immer, wenn sie die Treppen hinuntergeht, kommt sie an der Wohnung des Täters vorbei. Nennen will sie ihn so nicht. "Die beiden Männer haben sich eigentlich gut verstanden", sagt sie. Einen klassischen Nachbarschaftsstreit, den viele zunächst vermuteten, verneint sie. Aber was genau passiert ist, das weiß auch sie nicht. Ihr Mann sei am Dienstagvormittag in den Keller gegangen - wie so oft. Aber er kam nicht zurück. Erst wunderte sie sich, dann machte sie sich allmählich Sorgen und dann klingelte auch schon die Polizei bei ihr und bat um den Kellerschlüssel. Helfen konnten die Beamten und auch der Notarzt nicht mehr. Der Rentner war tot, wies Stichverletzungen auf - unter anderem im Oberkörper. "Ich musste dann auch runter", sagt die Witwe und dreht sich zur Seite weg. Der Beschuldigte gab am Mittwoch bei der Vernehmung im Krankenhaus als Motiv für die Tat unter anderem an, dass er seine Frau schützen wollte. Nun folgen Vernehmungen im Umfeld des Tatortes.

"Die zwei Familien wohnen bestimmt schon 30 Jahre da", schätzt eine Nachbarin, die die Tragödie gerade mit einer Frau von der gegenüberliegenden Straßenseite auswertet. "Der war doch immer so ruhig. Dem konnte man ja fast die Schuhe besohlen, wenn er hier vorbeilief, um zum Hühnerstall zu gehen", sagt sie und meint den Täter, der am Dienstag zunächst als vermisst galt. Und weil er Diabetiker ist und dringend Medikamente benötigt, machte sich die Polizei auch gleich auf die Suche nach dem 54-Jährigen. Als die Beamten ihn schließlich verletzt unter einem Strauch fanden, gab er zu, einer Person im Keller Gewalt angetan zu haben. Dann nahm das Unfassbare seinen Lauf. "Die haben heute bestimmt die Tatwaffe in den Sträuchern gefunden. Die haben da jedenfalls etwas rausgeholt und weggepackt", sagt die Frau, die aus ihrem Fenster auch an diesem Tag genau beobachtet, was die Kriminalpolizei macht. Die Staatsanwaltschaft bestätigt diese Beobachtung am Mittwochnachmittag. Es habe sich um ein größeres Messer gehandelt, erklärt der Staatsanwalt. Na klar wisse er, wer Opfer und Täter waren, sagt ein weiterer Bewohner. "Hier kennt man sich eben. So viele wohnen ja hier nicht mehr", sagt er und zeigt auf die enge Straße, die fast am Ende von Brieskow-Finkenheerd liegt und von Häusern gesäumt ist, die um 1922 erbaut wurden. Schätzungsweise die Hälfte der Wohnungen steht mittlerweile leer. Auch das Opfer und seine Frau wollten demnächst ausziehen.