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| 02:39 Uhr

Fallada, was nun?

Wer war jener Mann, der sich Hans Fallada nannte und fast 70 Jahre nach seinem Tod mit seinem Roman "Jeder stirbt für sich allein" weltweit eine Renaissance erlebt? Neue Biografien gehen auf Spurensuche. Ida Kretzschmar

Sein 1932 erschienener "Kleiner Mann - was nun?" machte Rudolf Dietzen (1893-1947), der sich unter dem Pseudonym Hans Fallada versteckte, mit einem Schlag berühmt. Er vermochte es auf unnachahmliche Weise, sich in seine Leser hineinzuversetzen, ohne auf jene kleinen Leute, deren Alltag er so detailgetreu und realitätsnah beschrieb, herabzuschauen. Ein Bestsellerautor mit traumhaften Bücherauflagen, deshalb wohl lange misstrauisch von der Literaturwissenschaft als "volkstümlich" eingestuft.

Und doch war er mit seinem Roman "Jeder stirbt für sich allein" der erste Autor in Deutschland, der die nationalsozialistische Diktatur literarisch deutete. Im Sommer konnte man das mit Emma Thompson und Daniel Brühl in den Hauptrollen neu auf der Kinoleinwand erleben.

Als politischer Schriftsteller verstand sich Fallada allerdings nicht. Indes: Er beobachtete genau und wurde so zum Seismografen der Gesellschaft. So beschreibt es der Journalist und Historiker Andrè Uzulis in seiner Einleitung zu der schwergewichtigen Biografie, die zum 70. Todestag erschien.

Es gibt bereits fünf Fallada-Biografien. Wozu eine sechste? Andrè Uzulis ist überzeugt: Wo ein so großes Werk so eng mit dem Leben verbunden ist, gibt es noch viele Überraschungen zu entdecken.

Und so erscheint in diesem Monat im Aufbau-Verlag sogar noch eine weitere Fallada-Biografie. Der im Brandenburgischen Literaturbüro tätige Germanist Peter Walther erzählt darin, wie Fallada mit Größe am Leben scheitert. Als 1932 mit "Kleiner Mann - was nun?" sein erster Welterfolg erscheint, liegt schon ein bewegtes Leben hinter ihm: Psychiatrieaufenthalt wegen Tötung eines Freundes in einem Scheinduell, Morphiumkonsum und Beschaffungskriminalität, Gefängnisaufenthalte, Arbeit als Annoncenjäger und Lokaljournalist. Walther beschreibt anhand neuer Archivfunde Falladas ungeheure schriftstellerische Produktivität, aber zugleich seine lebenslange Abhängigkeit von Alkohol, Schlaftabletten, Morphium und unselige Kompromisse.

Akribisch hat sich auch der Historiker Uzulis mit neuen Dokumenten und bislang wenig beachtetem Archivmaterial beschäftigt und stellt so ebenso Beachtliches zur Wiederentdeckung des populären Schriftstellers zur Verfügung. Enthalten sind wenig bekannte Fotos und erstmals veröffentlichte Aufnahmen des Schriftstellers und seiner Familie. Ein Buch, das eng mit der Zeitgeschichte verwoben ist, aber auch einen innerlich oft zerrissenen Menschen zeigt, mit einem vorzeitig gebrochenen Herzen. So beschreibt der Historiker Kindheit und Jugend, die Suche nach einem Platz im Leben und die immer wieder auflodernde Frage: Fallada, was nun?

Da steht der öffentlich gelobte wie gescholtene Autor im Blickfeld, aber auch seine menschlichen Stärken und Schwächen, seine Sehn-Süchte und seine inneren Kämpfe, die sich auch in all seinen Büchern widerspiegeln. Der Schriftsteller hat das ja selbst notiert: "Alles in meinem Leben endet in einem Buch."

Zum Thema:
Lebensweisheiten und Aphorismen enthält das kleine Fallada-Büchlein "Sehnsucht ist besser als Erfüllung" (illustriert von Jutta Mirtschin, 60 Seiten, 9,95 Euro), ebenfalls im Steffen-Verlag herausgekommen. Eine Kostprobe gefällig? Wo ein Aas ist, sammeln sich die Raben.Auch der längste Siebenschläfer wacht einmal auf. Wer lange hustet, lebt lange.Gute Vorsätze sind noch keine guten Taten.Katzen oder Vögel, anders ist es nicht auf dieser Welt eingerichtet.