| 02:45 Uhr

Es ist immer noch nicht zu fassen

Mahnwache vor dem Landgericht Darmstadt.
Mahnwache vor dem Landgericht Darmstadt. FOTO: dpa
Darmstadt. Sanel M. hat zum Prozessauftakt den tödlichen Schlag gegen Tugce gestanden. Die Familie der getöteten Studentin tritt vor Gericht als Nebenkläger auf. Für sie ist der Tod der Tochter noch immer nicht zu fassen. Ira Schaible und Joachim Baier

Als der Angeklagte Sanel M. Saal 3 des Landgerichts Darmstadt betritt, kommen Tugces Mutter die Tränen. Die Eltern und die beiden älteren Brüder der getöteten Studentin sind Nebenkläger in dem Verfahren. Leid und Anspannung sind ihnen deutlich anzusehen. "Die Schockstarre ist vorüber. Wir sind jetzt in der Realisierungsphase. Die ist noch schlimmer", sagt der jüngere Bruder Dogus. Er schildert, wie sich das Leben seiner Familie seit dem tödlichen Schlag gegen die 22-Jährige auf dem Parkplatz eines Schnellrestaurants in Offenbach Mitte November verändert hat.

Seine Eltern seien nicht mehr arbeitsfähig, sagt der 25 Jahre alte Wirtschaftsstudent am ersten Prozesstag. Sein Bruder Ulas (27) habe seine Ausbildung abgebrochen, er selbst ein Urlaubssemester eingelegt. Den gesundheitlichen Zustand seines Vaters beschreibt Dogus als "extrem schlecht". Und: "Meine Mama geht eigentlich gar nicht raus."

Dogus schildert seine Schwester als "sehr lebensfroh, hilfsbereit, liebevoll, zielstrebig und fleißig". Sie habe neben ihrem Lehramtsstudium gejobbt und so ihre Kosten gedeckt. "Tugce hat hauptsächlich an den Wochenenden gearbeitet. Da kommt man nicht so zum Feiern", sagt ihr Bruder. "Ihr Gerechtigkeitsempfinden war sehr hoch und sie war ein sehr hilfsbereiter Mensch." Dass Tugce zwei minderjährigen Mädchen in der Toilette des Schnellrestaurants gegen Sanel und seine Kumpels zur Hilfe kommen wollte, hält Dogus für hochwahrscheinlich: "Das ist meine Schwester."

Vor Gericht steht der 18-jährige Sanel M. Er muss sich wegen Körperverletzung mit Todesfolge vor der Jugendkammer verantworten. Den Blickkontakt zu Tugces Familie vermeidet er. Gleich zu Beginn gesteht er mit tränenerstickter Stimme, Tugce eine Ohrfeige gegeben zu haben. Er habe aber niemals mit ihrem Tod gerechnet: "Ich kann mir gar nicht vorstellen, was ich der Familie damit für Leid und Schmerz angetan habe. Es tut mir so leid."

Sanel M. spricht von seiner schwierigen Schullaufbahn. Er sei auf Wunsch seines Vaters nach der Grundschule in Offenbach zunächst aufs Gymnasium gegangen und später dann unter anderem wegen eines Körperverletzungsverfahrens von der Realschule geflogen. An einer gewerblich-technischen Berufsschule habe er viel geschwänzt und dann im vergangenen Sommer an seiner Wunschschule, einer Berufsschule für Wirtschaft und Informatik, den qualifizierten Hauptschulabschluss geschafft.

Zuletzt habe er dann vor allem Bewerbungen geschrieben, Fußball gespielt und Fitness gemacht ("Joggen und so", "kein Kampfsport"). Am Montag nach der Tatnacht hätte er ein Vorstellungsgespräch bei der Post gehabt. Mit seinen Freunden habe er "einmal im Monat, würde ich sagen" Whisky mit Cola gemischt getrunken. Mindestens 0,8 Promille hatte er laut Staatsanwaltschaft in der Tatnacht. Wieso der Streit zwischen Tugce und ihren Freundinnen mit Sanel und seinen Kumpels derart eskalierte, sollen etwa 60 Zeugen klären helfen.

Den Anwalt von Tugces Familie, Macit Karaahmetoglu, überzeugt der Auftritt von Sanel M. nicht. "Für mich hat er sich überhaupt nicht mit der Tat auseinandergesetzt", sagt er in einer Verhandlungspause. Auch der Landtagsabgeordnete Ismail Tipi ist skeptisch: "Ich hoffe nur, dass er es ernst meint und dass es keine Krokodilstränen sind."

Oberstaatsanwalt Alexander Homm stellt dagegen fest: "Die Aussage war von Emotionen und erkennbarer Reue geprägt." Offen sei, ob dies eher Mitgefühl für die Familie sei oder aber für die eigene, nicht einfache Situation in der Untersuchungshaft.