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| 02:41 Uhr

Eisiger Mythos am Ende der Welt

Wenn bis zu 30 Meter hohe Wellen einschlagen – das deutsche Segelschiff "Alexander von Humboldt" im Januar 2006 vor Kap Hoorn.
Wenn bis zu 30 Meter hohe Wellen einschlagen – das deutsche Segelschiff "Alexander von Humboldt" im Januar 2006 vor Kap Hoorn. FOTO: dpa
Hoorn/Ushuaia. Der Sturm wirft das Schiff hin und her, die Segel vereisen, der schroffe Felsen kommt näher: Kap Hoorn ist ein Albtraum für Seeleute. Vor 400 Jahren gelingt zwei Niederländern die erste Umseglung. Annette Birschel und Juan Garff

Im Hafen von Hoorn dümpelt friedlich der stolze Dreimaster "De Halve Maen". Am Bug des schmalen, hohen Schiffsrumpfes aus dunklem Holz hängt ein gelber Halbmond, an den Masten flattern die Wimpel. Hinter dem Nachbau des berühmten Schiffes aus dem 17. Jahrhundert ragt der alte, dickbäuchige Festungsturm der niederländischen Kaufmannsstadt empor. Fast fühlt man sich zurückversetzt ins Jahr 1615.

Damals verließ genau so ein Schiff, "De Eendracht", den Hafen der blühenden Kaufmannsstadt im Westen von Amsterdam mit Kurs auf - das genau wusste damals niemand.

"De Eendracht" (Eintracht) sollte eine neue westliche Passage in den Pazifik finden. Und das tat sie. Vor 400 Jahren, am 29. Januar 1616, umrundeten Willem Cornelisz Schouten und Jacob Le Maire die Südspitze Südamerikas und tauften diese nach ihrem Heimathafen: Kap Hoorn. Die kleine Felseninsel wurde weltweit zum Symbol für den Kampf gegen die Elemente, für Steuermannskunst und Durchsetzungsvermögen. Kap Hoorn wurde ein Mythos.

Drei Jahre lang sollte die Reise von Schouten und Le Maire dauern. "Eine Reyse rondom de geheele Aerdkloot" schrieb Schouten in sein Logbuch - Eine Reise um den gesamten Erdball. Der Anlass der Fahrt war profan: Rache. Der Niederländer Dirk Jan Barreveld schrieb ein Buch über den Initiator der mythischen Seereise. "Dahinter stand Isaac Le Maire, ein reicher holländischer Kaufmann", erzählt er.

Isaac hatte demnach einen Konflikt mit der übermächtigen Vereinigten Ostindischen Kompanie, kurz VOC. Diese Vereinigung holländischer Kaufleute hatte im 17. Jahrhundert das Monopol auf den Handel mit Asien auf der Route zwischen dem Kap der Guten Hoffnung und der Magellanstraße in den Pazifik.

Isaac Le Maire wollte die VOC ins Mark treffen, das Monopol brechen - und suchte darum nach einer eigenen Passage. Außerdem hoffte er, mit seiner dafür gegründeten "Australischen Compagnie" das bisher unbekannte "Südland" zu entdecken, die Terra Australia.

Daraus wurde zwar nichts. Aber die beiden Seefahrer entdeckten eine Durchfahrt am argentinischen Feuerland, die Le Maire-Straße zum Kap Hoorn. Dass Schouten und Le Maire überhaupt mit heiler Haut davonkamen, ist ein kleines Wunder. "Das ist eine der gefährlichsten Routen der Welt", sagt Barreveld. Er selbst fuhr jahrelang zur See. "Dort stürmt es fast immer von Westen. Es ist eiskalt, die Segel vereisen, es ist ein Albtraum."

Kap Hoorn ist verbunden mit unzähligen Dramen. Die bisher längste Umrundung dauerte 98 Tage, sechs Tage die schnellste. Viele Großsegler aber scheiterten. 800 Schiffe sollen gesunken sein, mehr als 10 000 Seeleute ihr Leben verloren haben. An das weltweit größte Seemannsgrab erinnert heute ein Denkmal auf der Felseninsel.

Schon wegen der Witterungsbedingungen wurde das Kap gemieden. Erst nach der Entdeckung von Gold in Kalifornien um 1848 wurde die Fahrt um Kap Hoorn zur verkehrsreichsten Route der Weltmeere. Weizen aus Australien etwa oder Salpeter aus Chile wurden über diese Route nach Europa transportiert.

Seit Eröffnung des Panamakanals 1914 wählen den gefährlichen Weg nur noch die größten Schiffe, die nicht durch den Kanal passen. Wenn dessen Erweiterung in diesem Jahr abgeschlossen ist, werden wohl noch weniger Frachter Kap Hoorn umrunden.

Und dann gibt es da noch das Jahrhundertprojekt einer mehr als 3500 Kilometer langen Eisenbahnlinie quer durch Südamerika, vom brasilianischen Santos am Atlantik bis zum peruanischen Pazifikhafen Ilo. China will das Zehn-Milliarden-Dollar-Projekt finanziell unterstützen. Sollte es Realität werden, verlöre Kap Hoorn endgültig an Bedeutung.

Doch der Mythos bleibt - und die Herausforderung für Abenteurer. Viele umrunden das Kap nicht mehr nonstop von 50 Grad Süd auf der einen Seite Südamerikas bis zur anderen. Die modernen Abenteurer suchen den Kontakt mit dem schroffen Felsen. So auch der Flensburger Thies Matzen (59) und die Schwedin Kicki Ericson (51). Die beiden Weltumsegler leben seit 30 Jahren auf ihrem Holzboot. "Wir sind in unserem neun Meter langen Segelboot um Kap Hoorn herumgehüpft, von einem Ankerplatz nordwestlich vom Kap zu einem Ankerplatz nordöstlich von ihm", beschreibt Matzen eine dieser Fahrten. "All die, die vor uns kamen, suchten Seeraum, wir Sichtkontakt. Ihnen war Kap Hoorn Bedrohung, uns Mythos."

Zum Thema:
Name: Das Kap wurde nach dem Städtchen Hoorn in Nordholland benannt, dem Heimatort des niederländischen Erstumseglers Willem Cornelisz Schouten.Lage: Die 425 Meter hohe Landmarke auf der zu Chile gehörenden Isla Hornos vor dem Feuerland Archipel ist die Südspitze Südamerikas. Die Antarktis ist rund 800 Kilometer entfernt.Wetter: Über das Jahr gerechnet regnet es an vier von fünf Tagen, meist bei westlichen Winden. Oft peitschen schwere Orkanstürme mit bis zu 160 Stundenkilometer über das Kap.Seegang: Bei der starken antarktischen Zirkumpolar-Meeresströmung bilden sich durch den Aufprall der Wassermassen auf das Festland Wellen, die etwa 30 Meter hoch werden können.Legende: Wer die gefürchtete Schiffspassage auf einem Frachtensegler ohne Hilfsmotor bewältigt hatte, wurde als Ehrenmitglied in die internationale Gemeinschaft der Kap Horniers aufgenommen. Das Erbe der 1937 im französischen Saint Malo gegründeten Vereinigung führt heute die Kapitänsbruderschaft der Kap Horniers in Chile weiter.