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Ein "unsägliches Leid"

Nachdenklich steht Volkmar Weber, ehemaliger Oberbürgermeister von Überlingen, bei Brachenreuthe (Baden-Württemberg) oberhalb von Überlingen an der Gedenkstätte, die an den Flugzeugabsturz vom 1. Juli 2002 erinnert.
Nachdenklich steht Volkmar Weber, ehemaliger Oberbürgermeister von Überlingen, bei Brachenreuthe (Baden-Württemberg) oberhalb von Überlingen an der Gedenkstätte, die an den Flugzeugabsturz vom 1. Juli 2002 erinnert. FOTO: dpa
Überlingen. Volkmar Weber ist auf dem Rückweg von einem Urlaub an der Nordsee, als ihn ein Anruf erreicht. "Mein Hauptamtsleiter berichtete mir von einem Knall", erzählt der 68-Jährige, der zum damaligen Zeitpunkt Bürgermeister der Stadt Überlingen am Bodensee war. Kathrin Drinkuth

Beide gehen zunächst von einem Unglück mit Sportflugzeugen aus. "Doch dann hat sich sehr schnell konkretisiert, dass etwas Größeres passiert sein muss." Als Weber nachts um zwei Uhr schließlich in Überlingen ankommt, ist die tragische Dimension des Absturzes erkennbar: Am 1. Juli 2002, um kurz vor Mitternacht, ist ein Passagierflugzeug mit einer Frachtmaschine über der Stadt zusammengestoßen - alle 71 Insassen sind tot.

Unter den Opfern sind mehrere Dutzend Schulkinder. Sie stammen aus der russischen Teilrepublik Baschkortostan - und wollten zwei Wochen Urlaub in Spanien machen. An Bord des Frachtflugzeugs waren ein britischer und ein kanadischer Pilot. Auch sie werden bei dem Absturz getötet. Das Unglück - so wird die Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung 2004 in ihrem Abschlussbericht feststellen - geht auf technische Mängel und menschliche Fehler bei der Schweizer Flugsicherung Skyguide zurück.

Beide Flugzeuge fliegen um 23.30 Uhr auf einer Höhe von 36 000 Fuß (11 500 Meter). Bei Überlingen sollen sich ihre Wege kreuzen. Im Zürcher Kontrollzentrum sitzt in diesem Moment ein Fluglotse, der allein für den Luftraum über Süddeutschland zuständig ist und dessen Radar und Telefon wegen Wartungsarbeiten nur eingeschränkt zur Verfügung stehen. Dass ein Unglück droht, bemerkt der Mann zu spät. Um 23.35 Uhr und 32 Sekunden kollidieren die Flugzeuge. Der Lotse, der den folgenschweren Fehler machte, wird 2004 von einem Hinterbliebenen, der bei dem Absturz Frau und Kinder verloren hat, erstochen .

Nach dem Zusammenstoß stürzen Wrackteile über dem nordwestlichen Bodenseeufer ab, die Trümmer liegen kilometerweit um Überlingen verstreut. Das Unglaubliche in all dem Unglück: Die Stadt bleibt verschont. Wären die Flugzeuge nur wenige Hundert Meter weiter südlich zusammengestoßen, wären die Altstadt und auch das Krankenhaus betroffen gewesen, sagt Weber. Für die mehr als 1000 Einsatzkräfte, die nach Wrackteilen und Opfern suchen, bietet sich im Morgengrauen ein furchtbares Bild: Zerfetzte Körper, Teile von Toten, hier ein Turnschuh, dort eine Tasche liegen verstreut um ausgebrannte Flugzeugteile. Ein Feuerwehrmann, der damals mithalf, erzählte Jahre später, er habe sich angesichts der verstreuten sterblichen Überreste von Opfern immer wieder gefragt, was für einen Sinn das habe. Ein paar Meter neben ihm stand damals ein Seelsorger, mit dem er ins Gespräch kam. "Er hat mir gesagt: Das ist ungeheuer wichtig, was ihr da macht. Ihr gebt den Toten ihre Würde zurück, ihr helft den Angehörigen."

Ex-Bürgermeister Weber sagt, er habe damals gar keine Zeit gehabt, das Geschehene zu reflektieren. "Man ist in dem Moment gefordert, muss Entscheidungen treffen. Das Stück Besinnung, das kommt erst später. Bei mir war das, als die Angehörigen der Opfer am 4. Juli hier eintrafen und dieses unsägliche Leid ganz, ganz deutlich wurde."

Seitdem sind 15 Jahre vergangen. "Es gab damals die Befürchtung, dass Überlingen als Unglücksstadt wahrgenommen wird", sagt Weber. Das sei nicht geschehen - stattdessen sei es gelungen, eine ausgleichende, völkerverbindende Atmosphäre zu schaffen. Im Kontakt mit Angehörigen der Opfer seien inzwischen auch Freundschaften entstanden, die bis heute anhielten.