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Helau
Und bald ist Ostern

Düsseldorf. Ein RUNDSCHAU-Volontär staunt über den Karneval in Düsseldorf. Steven Wiesne

RUNDSCHAU-Volontär Steven Wiesner absolviert gerade ein Austausch-Praktikum bei der Rheinischen Post (RP) in Düsseldorf. Mit Karneval hat er so viel am Hut wie der 1. FC Köln mit der Deutschen Meisterschaft. Die RP-Kollegen haben ihn ins Epizentrum des Düsseldorfer Straßenkarnevals geschickt. Zum ersten Mal in seinem Leben. Hier sein Bericht:Mein Arbeitstag beginnt um kurz vor zehn. Ich hospitiere gerade bei der Sportredaktion der Rheinischen Post und soll noch ein bisschen was für Olympia vorbereiten. Vor mir steht eine Tasse Tee, mit der ich es mir vor meinem Rechner gemütlich gemacht habe. Doch ich werde nicht dazu kommen, sie leerzutrinken. Denn mein Ressortleiter stürmt aus der Redaktionskonferenz und schickt mich an den Ort, um den ich an diesem 8. Februar eigentlich einen großen Bogen machen wollte: den Burgplatz, das Epizentrum des Düsseldorfer Straßenkarnevals.

Warum mein Chef so viel Freude an der Idee hat? Ich bin waschechter Berliner und kann den Hype um Karneval nur schwer bis überhaupt nicht erfassen. Mein Jahr hat nur vier Jahreszeiten. Wenn mir jemand Begriffe wie „Bützen“ oder „Hoppeditz“ an den Kopf knallt, lege ich mein Hein-Blöd-Gesicht auf und frage meinen Gesprächspartner höflich, ob er sich vielleicht versprochen hat.  Meine letzte Erfahrung mit (Achtung, Schimpfwort) Fasching habe ich in der 5. Klasse gemacht, als die Schulleiterin „Macarena“ und irgendwas von den Schlümpfen im Foyer aufdrehte. So sieht Karneval in Berlin aus.

Als ich um kurz nach elf mit meinem Praktikantenkollegen – treffenderweise ebenfalls Berliner – die Düsseldorfer Innenstadt erreiche, kommt es mir vor, als hätte Fortuna die Champions League gewonnen. Was bitte geht denn hier ab!? Eine Invasion von feierwütigen und bunt kostümierten Menschen säumt das Rheinufer und macht das Stadtzen trum zur Freilichtdisko. Wie ich höre, haben ein paar von ihnen schon das Rathaus gestürmt und den Bürgermeister entmachtet. Das müsste mir mal in Berlin einfallen. Da würden aber keine Jecken jubeln, sondern nur die Wärter in der U-Haft.

Überhaupt beneide ich die Menschen hier um ihre kaum vorhandene Hemmschwelle, die mit jedem Alt noch ein bisschen kleiner wird. Erwachsene Leute sind in Tabaluga-, Batman- und Mario-Kart-Overalls geschlüpft, haben Sombreros oder Hasenohren auf dem Kopf und sich offensichtlich mit dem Schminkkasten ihrer Tochter ausgetobt, um zur Mittagsstunde hammerhart durch die Straßen zu stolpern. Ich frage mich, ob von diesen Verrückten niemand arbeiten muss? „Das ist das Gesetz von Düsseldorf“, antwortet eine Frau auffällig unbeeindruckt. Dass Menschen, die sich vorher noch nie begegnet sind, gemeinsam durch die Gegend schunkeln und wildfremde Wangen knutschen, muss eine weitere Gesetzmäßigkeit sein. Es klingt absurd, aber hier fällt nur auf, wer sich normal verhält und nicht verkleidet ist. Also ich.

Doch relativ schnell wird deutlich, dass mitunter selbst die erfahrensten Helau-Krakeeler nur eine mangelhafte Allgemeinbildung zum Karneval haben. Ein paar Mittdreißiger, die ein Bügelbrett zur Biertheke umfunktioniert und sich damit mitten auf eine Gassenkreuzung gestellt haben, geben mir zu verstehen, dass sie die Bedeutung vom 11. November, Altweiber und Rosenmontag auch kaum auf der Pfanne haben. „Ich weiß, dass ich nächsten Donnerstag wieder arbeiten muss und dass in sechs Wochen Ostern ist.“ Prost. Zurück im Redaktionshaus, geht das Spektakel weiter. Geschäftsführer und Personalchefs haben Hemd und Krawatte gegen Perücke und Clownsnase eingetauscht und tanzen in der Kantine zu Dr. Alban. Ich dagegen habe genug gesehen – und mache jetzt erst mal einen neuen Tee.