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| 11:12 Uhr

Interview mit einem Pausenbrot
„Ich vergammele hier in dieser Kondenswasser-Sauna"

  Grafik: Schubert/LR
Grafik: Schubert/LR FOTO: LR / Sebastian Schubert
Cottbus. Zum „Schmier-Dir-Dein-Pausenbrot-Tag“ haben wir ein ebensolches zum Interview getroffen. Von Steven Wiesner

Ein Gespräch über undankbare Teenager, unverschämte Tauschgeschäfte und unzureichenden Sex-Appeal.

Sehr geehrtes Pausenbrot! Schön, dass Sie es einrichten konnten.

Pausenbrot Na wieso auch nicht!? Sie sollten sich den Tag eines Pausenbrotes nicht als allzu geschäftig vorstellen. Sie sind schon mit das Spannendste, was mir in letzter Zeit passiert ist.

Haben Sie schlecht geschlafen?

Pausenbrot Nein, ich bin immer so gelaunt.

Deswegen frage ich nicht.

Pausenbrot Sondern?

Mit Verlaub: Sie sehen etwas zerknittert aus …

Pausenbrot Na das geht ja prima los mit uns beiden! Ich möchte Sie mal sehen, wenn Ihr Verfallsdatum abgelaufen ist! Eine Anti-Falten-Creme für Pausenbrote hat leider noch kein Mensch erfunden.

Wie lange liegen Sie denn jetzt schon unverzehrt in der Brotbüchse herum?

Pausenbrot Einen guten Monat. Als ich geschmiert wurde, hatte Dortmund noch sieben Punkte Vorsprung vor den Bayern! Da können Sie mal sehen, was in der Zwischenzeit alles passiert ist. Die fünf Milchschnitten, die in den vier Wochen hier drin lagen, die hat dieser Kevin alle artig weggenascht. Aber mich lässt er hier vergammeln in dieser Kondenswasser-Sauna. Schön ist das nicht, kann ich Ihnen sagen.

Klagen Sie etwa schon über Minderwertigkeitskomplexe?

Pausenbrot Es ist jetzt nicht so, dass ich auf Antidepressiva angewiesen wäre. Aber spurlos geht das nicht an einem vorbei, das steht mal fest. Neulich wollte mich dieser undankbare Teenager doch tatsächlich eintauschen gegen drei Chupa Chups. DREI CHUPA CHUPS! Das müssen Sie sich mal reinziehen! Also reinziehen im Sinne von … naja, Sie wissen, was ich meine.

Woran ist das Tauschgeschäft gescheitert?

Pausenbrot Ich vermute mal, dass mein Vollkorn-Anteil zu groß war. Jedenfalls hat Friederike ihre Lutscher lieber gegen ein frisches Ciabatta von Lukas getauscht.

Brauchen Pausenbrote im Allgemeinen vielleicht mal einen fähigen PR-Agenten, der ihnen ein fetziges Image verpasst? Oder eine eigene TV-Serie? „Ich bin ein Pausenbrot, holt mich hier raus!“ vielleicht?

Pausenbrot Hören Sie mal, Sie Spaßkanone: Sie denken auch, wenn man uns in ein McDonalds-Papier einwickelt oder uns nicht mehr Pausenbrot, sondern neudeutsch „Sandwich“ nennt, ist das Problem vom Tisch, was? Nein, nein. So einfach ist das nicht. Haben wir alles schon versucht. Kleider machen vielleicht Leute, aber keine Brote. Auch der Tag des Pausenbrotes ist ja nett gemeint. Aber was bewirken solche Zugeständnisse in der Öffentlichkeit schon? Die Jogginghosen haben auch einen, wenn ich richtig informiert bin. Und hat er dazu geführt, dass Jogginghosen auch im Büro mehr Akzeptanz finden? Soweit ich weiß, nicht.

Wie erklären Sie sich dann, dass die Nachfrage nach Pausenbroten so gering ist?

Pausenbrot Das ist kein Problem, das Pausenbrote exklusiv haben. Das gesamte Schulessen steckt doch in einer Art Sinnkrise. Haben Sie nicht selbst erst neulich geschrieben, dass in der Sachsendorfer Oberschule nur noch 20 von 230 Schülern am Mittagessen teilnehmen?

Das ist richtig.

Pausenbrot Na also. Wir scheinen da einfach alle ein bisschen an Sex-Appeal verloren zu haben. Machen wir uns doch nichts vor: Neben einem Big Tasty Bacon oder einem Dürüm Döner sehe ich schon etwas alt aus, egal, ob man mich mit herkömmlichem Gouda oder einem Edelkäse aus der französischen Bretagne belegt. Stellen Sie sich mal vor, Sie könnten ein Candle-Light-Dinner mit Lena Gercke haben oder mit Beatrix von Storch. Ich verwette meine leicht verhärtete Kruste darauf, dass Sie sich nicht für die AfD-Politikerin entscheiden würden!

Apropos Politik: In einigen europäischen Ländern ist das Schulessen bereits Chefsache. In Finnland und Schweden lag die Zubereitung der Mahlzeiten sogar mal in staatlicher Hand, kostenlos ist es noch immer für alle Schüler. Und in Frankreich hat das Ernährungsministerium einen Leitfaden an Schüler und Eltern herausgegeben mit Empfehlungen für ausgewogenes Frühstück und gesunde Pausensnacks. Würden Sie das auch in Deutschland als sinnvoll erachten?

Pausenbrot Na sehn’se! Sie fangen an, die richtigen Fragen zu stellen, junger Mann! Halt‘ ich für ‘ne gute Sache. Ernährung will schließlich gelernt sein. Heutzutage ist immer alles zu jeder Zeit verfügbar. Jemand muss der Jugend aber mal beibringen, dass das Leben nicht nur aus Burgern, Pizza und Sushi besteht. Das können ja mal ganz leckere Delikatessen für einen besonderen Anlass sein, aber eben keine Grundnahrungsmittel. Und dieser komische Ronald-McDonald-Clown wird das den Kindern sicher nicht beibringen.

Das könnte für Sie allerdings etwas zu spät kommen. Wie geht es denn nun mit Ihnen persönlich weiter?

Pausenbrot Tja, genießbar bin ich in jedem Fall noch. Aber auch verzweifelt. Wollen Sie diesem Kevin nicht vielleicht mal ein reizvolles Tauschgeschäft vorschlagen und mich erlösen? Sie sehen so aus, als hätten Sie heute auch noch nicht gefrühstückt. Da hinten im Foyer gibt‘s sogar einen Automaten, wo Sie Chupa Chups herbekommen. Drei Stück sollten reichen ...