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Ein Ausflug in die Unterwelt

München. Seit Zehntausenden von Jahren zieht es Menschen in Höhlen. Ging es am Anfang der Menschheit um Schutz, dominiert heute der Entdeckergeist. Sabine Dobel

Sand bedeckt den Höhlenboden. Wasser tropft von oben herab, es hat kleine Kuhlen und an manchen Stellen winzige Tropfsteine gebildet. Einer aus der Gruppe setzt den Fuß in den Sand - sein Abdruck ist der wohl allererste hier unten: ein komisches Gefühl, erhebend und traurig zugleich. Denn der über Jahrtausende gewachsene, unberührte Zustand ist damit zerstört.

Ein halbes Dutzend erfahrene Bergführer sind mit Seilen, Klettergurten, Helmen und Haken losgezogen, um diese noch namenlose, bisher unbekannte Höhle am Fuße des Vulkans Lanin in den chilenischen Anden zu erkunden. Sie liegt an der Grenze zu Argentinien. Nun stehen sie nach nur einer halben Stunde einfachen Fußmarsches am Ende der Lavaröhre. Sie schauen hinauf zu bizarren Felsformationen. Einer entdeckt darin ein Haifischmaul, bei dem Tropfsteine die Zähne sind. Ein anderer meint eine Jungfrauengestalt zu erkennen. Ein Dritter wäre zu gerne noch weiter und tiefer in die Erde vorgedrungen. Doch die Höhle endet hier.

Entdeckergeist Höhlen locken Menschen seit jeher an. Suchten unsere Vorfahren dort Schutz, so treiben Höhlenforscher heute Neugier, Abenteuerlust und Entdeckergeist. In der Tiefe existieren weiter Gegenden und Landschaften, die noch nie ein Mensch gesehen hat. "Immer wieder neue Hallen, neue Gänge finden. Die Unberührtheit in einer Höhle, das Ungewisse - was erwartet uns hinter dem Schein der Lampe oder nach der nächsten Stufe? Das ist die Faszination", sagt der Münchner Höhlenforscher Peter Forster (51). "Das ist der Motor für unsere Leidenschaft."

Unentdeckte Höhlen

Höhlen gibt es schließlich weltweit. Manche sind durch Gesteinsbewegungen oder Erosion entstanden. Andere haben sich zeitgleich mit dem Gestein, das sie umgibt, gebildet - wie die Lavahöhle am Lanin. Die meisten der Gewölbe und Gangsysteme entstehen durch die Kraft des Wassers im löslichen Untergrund. Nicht zuletzt der Klimawandel öffnet neue Zugänge, die bisher mit Eis verschlossen waren. Zugleich lassen sich Höhlen als Klimaarchive lesen, wie Bärbel Vogel vom Verband der deutschen Höhlen- und Karstforscher erzählt. Denn Tropfsteine und Höhleneis konservieren die Spuren des Klimageschehens der vergangenen Jahrtausende.

Tropfsteine haben so etwas wie die Jahresringe bei Bäumen. Diese geben Aufschluss über Temperaturen und Niederschläge. Eine dicke Steinschicht zeugt von viel Regen. Außerdem wächst ein Tropfstein stärker, wenn es wärmer ist, weil sich der Kalk besser abscheidet.

Die Höhle lebt Für Bärbel Vogel sind die unterirdischen Hallen und Tunnel deshalb nichts Statisches. Sie verändern sich ständig. Wasser sucht sich immer neue Wege und bildet damit auch neue Gänge. Eis wächst oder schwindet. "Die Höhle lebt. Sie bildet sich ständig - und vergeht", schwärmt Vogel.

Vor einiger Zeit drang Höhlenfan Forster mit Freunden tiefer als je zuvor in ein Gewölbe im Lattengebirge in den Berchtesgadener Alpen vor. Das Eis hatte sich zurückgezogen und einen Zugang geöffnet. Zwischen Eissäulen schlängelten sich die Forscher durch, seilten sich über einen Eisfall hinunter und standen plötzlich in einer bläulich schimmernden, mit Eis noch immer weit zugewachsenen Halle. Danach folgt eine weitere Halle. Doch sie ist noch voll Eis. Endstation. Vorerst. Steigendes Interesse

Einen Beruf "Höhlenforscher" gibt es nicht. Vielmehr versuchen begeisterte Biologen, Paläontologen, Geologen und Archäologen, den Geheimnissen unter der Erde auf die Spur zu kommen. An Universitäten fristet der Bereich oft ein Randdasein. Vielfach haben sich so Hobbyforscher als Experten etabliert.

Geforscht wird in Deutschland etwa in der Wendelsteinhöhle bei Bayrischzell. Das Labyrinth der Gänge des 1836 Meter hohen Berges ist schon lange bekannt. 573 Meter weit und 106 Meter tief sind die Experten darin schon vorgedrungen. Außerdem führen Forster und seine Kollegen auch völlige Neulinge in die Höhle in Oberbayern. Denn Teile des Gangsystems sind als Schauhöhle ausgebaut. Seit der spektakulären Rettung des Forschers Johann Westhauser im Sommer 2014 aus der Riesendinghöhle bei Berchtesgaden ist in der Öffentlichkeit das Interesse an Höhlen gestiegen. Die Welt unter der Erde bietet den Besuchern neue Blicke: Seen, Tropfsteine in fantastischen Formen, tiefe Schächte, im Schein der Stirnlampe schillerndes Eis. Und Dimensionen, die kaum zu fassen sind. Grünes Moos ist an manchen Wänden zu sehen: Lampenflora. Es konnte gedeihen, weil früher dort eine Lampe installiert war. Sonst fehlt Licht zur Fotosynthese. Pflanzen können in Höhlen nicht gedeihen. Wohl aber Tiere.

Artenreiche Tierwelt

Mit Fallen sammelten die Experten in den vergangenen zwei Jahren aus der Wendelsteinhöhle und sechs anderen Gewölben 13 000 Tiere ein. Dabei zählten sie mehr als 200 Arten. Bei einer Höhlenwasserassel und einem Höhlenflohkrebs aus der Wendelsteinhöhle könnte es sich um bisher unbekannte Wesen handeln, berichtet der Fuldaer Höhlentierspezialist Stefan Zaenker, der die Untersuchung leitete. Von beiden Tieren werden zusammen mit der Zoologischen Staatssammlung in München die Erbanlagen bestimmt. Sie sollen mit einer weltweiten DNA-Datenbank abgeglichen werden. "Die Wahrscheinlichkeit ist ziemlich hoch, dass das Arten sind, die wir bisher nicht kannten. Ich bin ganz gespannt", sagt Zaenker (51), der im Alltag Finanzbeamter ist. "Es gibt Forscher, die fahren an den Amazonas, um neue Arten zu entdecken. Das schaffen wir hier in der Höhle."

Viele in der ewigen Nacht lebende Tiere haben kein Pigment und keine Augen, wie der Grottenolm, eine mit Salamandern verwandte Art. Weil es wenig Nahrung gibt, sind die meisten nur einige Millimeter groß.

Am Wendelstein lockte das Abenteuer Höhle schon früh die Menschen. Dort, am 1883 erbauten Wendelsteinhaus, gab es bereits vor mehr als 100 Jahren Fackeln und Seile für eine Begehung zu leihen. Damals waren es vorwiegend erfahrene Berggänger, die sich über den steinschlaggefährdeten Zugang in den Schlund wagten. Heute kann man die Höhle fast als Touristenmagneten bezeichnen. Ein künstlich geschaffener Eingang unweit des Gipfelkreuzes führt über 82 Stufen in die Tiefe. Der Bereich ist beleuchtet und gut ausgebaut. Es ist die höchstgelegene Schauhöhle Deutschlands.

Gute Luft

Wer mit Peter Forster unterwegs ist, darf noch weiter vordringen. Er führt seine Gruppe tiefer hinein, über glitschigen Fels und enge Schächte klettern seine Begleiter vorwärts. "Eine sehr gute Luft ist hier drin", stellen die Tour-Teilnehmer immer wieder fest. In manchen Höhlen gibt es deshalb Therapien bei Asthma und Allergien. Die Luft ist reizarm. Der hohe Kohlendioxid-Gehalt hat zudem eine beruhigende Wirkung.

Zum Thema:
Tropfsteine kennzeichnen viele Höhlen. Sie sind für Begeher eine der besonderen Attraktionen. Stalaktiten wachsen von der Höhlendecke herab. Sie entstehen, wenn das Wasser beim Herabtropfen verdunstet. Kalk und Mineralien im Wasser bilden über Jahrtausende die Tropfsteine. Ihre Gegenstücke werden Stalagmiten genannt, sie wachsen vom Höhlenboden in die Höhe, wenn das Tropfwasser dort auftrifft. Für einen Zentimeter Höhe braucht ein Stalagmit oft hundert Jahre. In wärmeren Höhlen wachsen die Tropfsteine schneller, weil sich der Kalk besser abscheidet. Die Tropfsteine haben wie Bäume Wachstumsringe. Sie geben Aufschluss, wie das Klima über der Höhle war: warm oder kalt, feucht oder trocken. Stalagnat bezeichnet eine Tropfsteinsäule, wenn ein Stalaktit und ein Stalagmit zusammenwachsen.