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| 17:37 Uhr

Tote und Verletzte
Fassungslosigkeit nach Amokfahrt in Münster

Ein Mann war am Nachmittag in Münster mit diesem Campingbus in eine Gruppe von Menschen gerast und hat drei von ihnen getötet. Anschließend erschoss er sich nach Polizeiangaben in dem Wagen selbst.
Ein Mann war am Nachmittag in Münster mit diesem Campingbus in eine Gruppe von Menschen gerast und hat drei von ihnen getötet. Anschließend erschoss er sich nach Polizeiangaben in dem Wagen selbst. FOTO: David Young / dpa
Münster. Ein 48-jähriger Mann fährt mit einem Campingbus in eine Gruppe von Menschen vor einem Café in Münster. Zwei Menschen sterben dabei, 20 werden verletzt. Der Täter tötet sich selbst. Der Amokfahrer soll psychische Probleme gehabt haben. Von Christoph Driessen und Claus Haffert, dpa

Es ist ein bewegendes Bild. Mitarbeiter der Gaststätte „Großer Kiepenkerl“ legen am Sonntag Blumen nieder und stellen eine Kerze auf. Einige weinen und nehmen sich in den Arm. Neben ihnen ragt der bronzene Kiepenkerl auf. Seit diesem Samstag steht die Figur des fahrenden Händlers mit Tragekorb, Pfeife und Stock nicht mehr nur für westfälische Folklore, sondern auch für eine tödliche Amokfahrt. Unmittelbar vor dem Standbild hat ein Mann einen Campingbus in eine Menschenmenge gesteuert. Zwei Menschen wurden getötet, mehr als 20 verletzt. Der Täter hat sich anschließend erschossen.

Wenn man einen Ort auswählen müsste, der die Essenz gutbürgerlicher deutscher Gemütlichkeit vermittelt, dann könnte das dieser Platz sein. Etwas weiter geht die Straße in den Prinzipalmarkt über, „Münsters gute Stube“. Er kenne den Tatort sehr gut, sagt NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) bei seinem Besuch am Sonntag: „Ich habe als erstes gedacht: Ein schrecklicher Anschlag an einem Ort, an dem ich selbst schon gesessen habe. Und in dem Moment erinnert man sich genau daran und denkt, es hätte jeden treffen können.“ Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) sagt: „Dieses feige und brutale Verbrechen hat uns alle sehr betroffen gemacht.“

Rückblende: Wer am Samstagnachmittag draußen noch einen Platz ergattert hat, kann sich glücklich schätzen. Es ist der erste richtig warme Frühlingstag. Die Uhr zeigt 15.27 Uhr als es passiert. Plötzlich steht der silberfarbene Campingbus zwischen Stühlen und Tischen, Menschen helfen sich vom Boden auf. Der Horror in der guten Stube.

Jennifer Bäumer ist gerade auf dem Weg zum Dienst, als ihr Handy klingelt. Eine Freundin will wissen, was mit ihrem Freund ist – er arbeitet doch im „Kleinen Kiepenkerl“, dort, wo es passiert ist! Zum Glück kann Jennifer schnell aufatmen: „Er war noch auf dem Weg zur Arbeit, als der Wagen in die Gäste gefahren ist“, erzählt sie.

Polizei: Kein politischer Hintergrund der Amokfahrt

Unmittelbar nach der Tat denken viele an einen islamistischen Terroranschlag. Die Bilder aus Nizza, Berlin und London haben sich eingebrannt. Doch noch am Samstagnachmittag wird deutlich, dass es sich bei dem Täter wohl nicht um einen Terroristen handelt. Es gebe „keinerlei Hinweise auf einen politischen Hintergrund“, bestätigt Polizeipräsident Hajo Kuhlisch. Der Täter ist ein 48 Jahre alter gebürtiger Sauerländer, der in Münster gewohnt hat. Er soll psychische Probleme gehabt haben. Wegen kleinerer Delikte – Bedrohung, Sachbeschädigung, Betrug – war er der Polizei bekannt. Aber was ihn angetrieben hat, können die Ermittler nicht sagen.

Es hat etwas Verstörendes, dass jemand nur ein schweres Verbrechen begehen muss, und schon ist ihm binnen Minuten weltweite Aufmerksamkeit sicher. Eben darum, so sagen Psychologen, gehe es manchen Menschen, die einen „erweiterten Suizid“ begehen. Sie wollen andere mit in den Tod reißen, um ihr Leben nicht dort zu beenden, wo sie es geführt haben: am Rand der Gesellschaft. Münster ist am Samstag schlagartig Top News.

Erschütterung, Trauer und Fassungslosigkeit sind die vorherrschenden Gefühle nach der Tat. Münster, so erzählt ein Student, sei im Grunde ein Dorf. Niemals habe er geglaubt, dass hier so etwas geschehen könne. Dabei war das Thema Sicherheit in letzter Zeit durchaus präsent: Im Mai ist die 300 000-Einwohner-Stadt Schauplatz des Katholikentags mit Tausenden Besuchern. Der Schlossplatz, auf dem die Großveranstaltungen stattfinden, soll dafür mit Pollern gegen Lastwagen geschützt werden. Für die engen Altstadtgassen allerdings gibt es keine solchen Planungen.

Aus Münster kommen an diesem Wochenende aber auch Bilder der Mitmenschlichkeit. Vor der Uniklinik steht eine lange Schlange wartender Menschen – sie alle folgen einem Aufruf zum Blutspenden. „Beispiellos“, sagt eine Kliniksprecherin.

Ministerpräsident wendet sich gegen Hetze im Internet nach Amokfahrt

Ministerpräsident Laschet kontrastiert das Verhalten dieser Menschen am Sonntag mit jenen, die kurz nach der Tat schon wieder Flüchtlinge und Muslime am Werk sahen: „Ich würd‘ mir wünschen, dass diese Besonnenheit, die die Menschen in Münster ausgestrahlt haben, auch die Solidarität beispielsweise beim Blutspenden (...), wenn diese besondere Münsteraner Erfahrung einer Friedensstadt auch alle die erreicht hätte, die gestern ganz schnell bei Twitter und anderswo wieder das Hetzen begonnen haben.“