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| 01:28 Uhr

Die Wiege deutscher Schnäuzkultur

Tempo-Anzeige aus den 20er-Jahren. Foto: obs/Tempo
Tempo-Anzeige aus den 20er-Jahren. Foto: obs/Tempo FOTO: obs/Tempo
In diesen kalten Tagen ist es wieder vor aller Mund und Nase: Das Papier-Taschentuch. Seit 80 Jahren hat sich für das Tüchlein der Name einer Marke als Gattungsbegriff in die deutsche Sprache eingeschlichen: Wer um ein „Tempo“ bittet, nimmt in seiner Not meist auch gerne Produkte der Konkurrenz. Von Frank Christiansen

Jedes dritte Papiertaschentuch in Deutschland ist eines der Marke "Tempo", damit bleibt diese trotz der vielen namenlosen Produkte der Discounter-Ketten die Nummer eins. 20 Milliarden Schnupftücher werden von 460 Mitarbeitern in Neuss bei Düsseldorf jedes Jahr produziert.Die Wiege der deutschen Schnäuzkultur stand in Heroldsberg bei Nürnberg.1929 in Berlin patentiert Am 29. Januar 1929 ließen sich die Vereinigten Papierwerke Nürnberg beim Reichspatentamt in Berlin das Warenzeichen "Tempo" als Marke eintragen. Es war das erste Einmal-Taschentuch aus reinem Zellstoff. Als Erfinder gilt der jüdische Unternehmer Oskar Rosenfelder, der von dem Welterfolg wenig hatte: Nach der Machtübernahme der Nazis musste er emigrieren. Das damalige NSDAP-Mitglied Gustav Schickedanz ("Quelle") übernahm 1935 das Geschäft.Die Hygiene erleichterte den Einstieg in die Einweg- und Wegwerf-Mentalität: Wer seiner Frau noch zumute, vollgeschnupfte Stofftaschentücher zu waschen, wurde in den 1930er-Jahren von der Werbung ziemlich unverhohlen als Unhold gebrandmarkt. Die Werber hatten die deutsche Hausfrau bald davon überzeugt, dass ein Taschentuch zum Einmalgebrauch viel sauberer als ein konventioneller "Schnieflappen" aus Stoff sei.Auch die Umwelt-Bewegung und der Mehrweg-Gedanke des Öko-Booms rührten nicht am "Tempo". Während Plastiktüten bald ins Visier der Öko-Kämpfer gerieten, blieb das Einweg-Schnäuztuch auch in grünen Kreisen weitgehend tabu. Erfolg durch Kampagnen Dass "Tempo" wie "Tesa" oder "Selters" zum Begriffsmonopol werden konnte, zeigt den Erfolg und Einfluss der massiven Marken-Kampagnen. In mehr als 40 Ländern ist die Marke ein Begriff, in Deutschland liegt ihr Bekanntheitsgrad nahe 100 Prozent.Nachdem das ursprünglich deutsche "Tempo" seit 1994 in US-Regie vom Konsumgüterriesen Procter & Gamble vertrieben wurde, gehört es seit 2007 zur schwedischen SCA Gruppe, die zwei Milliarden Euro umsetzt.