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Die Peitsche am Lenker

Der Nachbau einer durch Freiherr Karl von Drais lizensierten Laufmaschine aus dem Jahr 1820 in einer Ausstellung im Technoseum Mannheim.
Der Nachbau einer durch Freiherr Karl von Drais lizensierten Laufmaschine aus dem Jahr 1820 in einer Ausstellung im Technoseum Mannheim. FOTO: dpa
Berlin. Warum man auf dem Rennrad besser schwarze Hosen trägt und wieso früher eine Peitsche am Lenker hing – Kurioses rund ums Fahrrad. Kette, Sattel, Schuhe: Der Verschleiß bei dem wichtigsten Radrennen der Welt, der Tour de France, ist enorm. Iris Auding

So hält eine Fahrradkette, die etwa 250 Gramm wiegt, bei den Profis etwa eine Woche - dann wird sie ausgetauscht. In diesem Jahr startet die Rundfahrt am 1. Juli in Düsseldorf, nach etwa 3500 Kilometern kommt die Tour am 23. Juli in Paris an. Besonders wichtig: Den stark beanspruchten Hintern zu schonen, dafür ist ein guter Sattel unverzichtbar. Ihren Favoriten nehmen die Rennfahrer von Rad zu Rad mit. Die Profis passen zudem besonders auf ihre eingefahrenen Schuhe auf, bei den Torturen wollen sie sich nicht auch noch mit vermeidbaren Problemen an den Füßen quälen.

Etikette: Viele Rennradfahrer legen großen Wert auf Etikette und Aussehen. Dazu gehört, den Mantel des Reifens so zu montieren, dass der Markenname des Herstellers direkt über dem Ventil steht. Das hat auch praktische Gründe: Man findet das Ventil einfacher und bei einem Platten lässt sich das Loch schneller lokalisieren. Manche Enthusiasten wollen ihr Rennrad in einem möglichst puren Look halten: also bloß keine Tasche am Sattel, keine Luftpumpe am Rahmen und auf keinen Fall irgendwo Aufkleber anbringen. Radhosen sollten nach diesen ungeschriebenen Regeln immer schwarz sein, so passen sie zu jedem Trikot, Schmutz und Schmiere machen kaum sichtbare Flecken. Die Bügel der Brille immer über den Riemen des Helms tragen: Bei einem Unfall soll die Brille sich nicht verhaken.

Frauen: Ein großes Problem für Frauen beim Radfahren waren zu Beginn die Kleider. Die Röcke mussten also kürzer werden, besonders mutige Damen trugen gleich Pumphosen, so wird es unter anderem in dem Buch "Das Fahrrad. Kultur, Technik, Mobilität" beschrieben, herausgegeben von der Stiftung Historische Museen Hamburg/Museum der Arbeit. Das Fahrrad war zunächst ein Luxusgut, bis ins erste Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts vor allem vom Bürgertum - vornehmlich von jungen Männern - genutzt. Den Frauen aus dieser Schicht habe das Rad eine "größere Bewegungsfreiheit" gebracht und sicherlich auch eine gewisse persönliche Unabhängigkeit. Es gab aber auch viele Anfeindungen gegen die wagemutigen Damen.

Balancierangst: Viele Menschen konnten sich anfangs nicht vorstellen, zur Fortbewegung dauerhaft die Füße vom Boden zu heben: Wie sollte man das Gleichgewicht halten? Diese Sorge beschrieb später der Begriff "Balancierangst". Vielleicht eine weitere Erklärung für die Furcht: der schlechte Zustand vieler Wege.

Heute trainieren Kinder auf Laufrädern schnell und spielerisch, wie man auf zwei Rädern die Balance hält. Früher lernten die Menschen das oft erst als Erwachsene. Und natürlich sind die Laufmaschinen und Räder von damals nicht mit denen von heute zu vergleichen, wenn es um Gewicht, Material und Komfort geht. Um ein Hochrad zu fahren, waren Übung und Mut erforderlich. Einfacher wurde es mit dem sogenannten Niederrad, die Beine konnte man neben dem Rad auf die Erde bringen und sicher stehen bleiben.

Peitschen und Verbote: Die Sitten waren schon damals rau, es gab Konflikte zwischen Radfahrern und Fußgängern und Pferdekutschen - in unserer Zeit Autos. Schon sehr früh ergingen Verbote, wie es auch in dem Buch "Das Fahrrad - eine Kulturgeschichte" von Hans-Erhard Lessing heißt. In Mannheim war das Fahren mit Laufmaschinen auf Bürgersteigen demnach bereits im Dezember 1817 untersagt. Die Technik machte Fortschritte, die Verbote hielten mit: So habe in Köln von 1870 bis 1895 in der Innenstadt ein Fahrverbot bestanden. In dem Ausstellungskatalog "Das Fahrrad. Kultur, Technik, Mobilität" wird ein Zeitungsbericht aus Berlin zitiert, dass 1869 "nachts auf den breiten menschenleeren Trottoirs Unter den Linden einige Jünger des Velocipeds ihre nächtlichen Übungen treiben".

In vielen Kommunen mussten sich laut Lessing Fahrer und Rad registrieren lassen. Radfahrer wussten auch, wie sie in die Offensive gehen konnten: Hunde wurden mit Peitschen abgewehrt, die einsatzbereit am Lenker hingen.

Zum Thema:
Karl von Drais wurde als Sohn eines Hofrats 1785 in Karlsruhe geboren. Er arbeitete als badischer Forstmeister, wurde aber bald Erfinder. Er entwickelte unter anderem eine Schreibmaschine für Noten, eine Schnellschreibmaschine mit 16 Buchstaben und vierrädrige Muskelkraftwagen. Seine Laufmaschine, die später auch Draisine hieß, war eine Alternative zu Pferdewagen. Er testete damals schon bekannte, fußgetriebene Fahrzeuge auf Schienen. Auch sie wurden nach ihm benannt. Als Revolutionsanhänger verlor er später an Ansehen und starb verarmt 1851 in Karlsruhe.