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| 16:12 Uhr

Kurios
Warum soll er nicht Google heißen?

Die Thailänderin Prathana Witthayanuluck (Spitzname: Benz) posiert mit ihren beiden Söhnen, die mit Spitznamen Visa (8, l.) und Master (6, r.) heißen.
Die Thailänderin Prathana Witthayanuluck (Spitzname: Benz) posiert mit ihren beiden Söhnen, die mit Spitznamen Visa (8, l.) und Master (6, r.) heißen. FOTO: dpa / Prathana
Bangkok . Die Namenswahl in Thailand wird immer exotischer. Hollywood könnte sich ein Beispiel nehmen.

Wenn die Prominenz aus Hollywood oder anderswo einem neuen Baby wieder einmal einen exotischen Namen verpasst, amüsiert sich die halbe Welt. Wie zuletzt bei Chicago, der Tochter von Kim Kardashian und Kanye West, die im Januar geboren wurde. So war das auch früher schon, bei Poppy Honey oder Apple zum Beispiel, den Töchtern von Jamie Oliver beziehungsweise Gwyneth Paltrow und Chris Martin.

In Thailand haben die Leute für solche Fällen meist nur ein freundliches Lächeln übrig. In dem südostasiatischen Königreich gibt es Tausende Kinder, die mit ihrem Rufnamen nach einer Stadt benannt sind. Oder die Mohn, Honig oder Apfel gerufen werden – alles auf Thai oder Englisch natürlich. Und viele, viele Kinder, die Orange, Banane oder Wassermelone heißen.

Hier gelten Städte, Obst oder Pflanzen für die Namenswahl inzwischen sogar als zu altmodisch, so exotisch sie auch sein mögen. Die Thais haben es nun gern ein wenig ausgefallener. Aktuell besonders beliebt sind Firmennamen, vor allem bei reicheren Leuten. Man kann auch auf diese Weise zeigen, dass man hat. Oder gern hätte.

Von den mehr als 68 Millionen Thais hat praktisch jeder einen Spitznamen. Man erhält ihn von den Eltern gleich nach der Geburt. Der eigentliche Vor- und Familienname steht nur in den offiziellen Papieren. So hat das schon seit mehr als anderthalb Jahrhunderten Tradition.

Im Wesentlichen gibt es dafür zwei Gründe. Zum einen Aberglaube. Die Spitznamen sollten die bösen Geister in die Irre führen. Zum anderen sind die thailändischen Namen, die manchmal kaum noch ein Ende zu finden scheinen, auch für Einheimische ziemlich kompliziert. Drei Silben im Vor- und mindestens doppelt so viele im Nachnamen sind Standard.

Das kann zu Problemen führen wie jetzt an einem Thai-Airways-Schalter: Wegen seines extrem langen Nachnamens ließ die Fluggesellschaft einen Passagier extra zahlen. Bei der Abfertigung wiesen Mitarbeiter ihn darauf hin, dass sein Name und der seiner Familie auf den Tickets nicht mit denen auf ihren Pässen übereinstimmte, wie die „Bangkok Post“ schreibt. Für die Änderung der Tickets wurden knapp 79 Euro Zusatzgebühr fällig. Der Fluggast hatte seinen Namen mit mehr als 25 Zeichen wegen einer Zeichenbeschränkung auf der Webseite nicht vollständig eingeben können.

Was nun die Spitznamen angeht, sind dem Einfallsreichtum keine Grenzen gesetzt. Sehr verbreitet war früher, dass das Kind nach dem jeweiligen chinesischen Jahr benannt wurde – auch gegen Nuh (Ratte) sprach dabei nicht viel. Nur vor Ma (Hund), wie in diesem Jahr, schrecken die Thais zurück. Sehr beliebt auch andere Tiernamen Pet (Ente), Pla (Fisch) oder Muh (Schweinchen).

In einem Land, das enormen Wert auf die Nahrungsaufnahme legt, wird auch Essbares gern verwendet, oft auch in der englischen Variante: früher Bamboo (Bambus) oder Pancake (Pfannkuchen), neuerdings auch Muffin oder Pasta. Auch Thailand kann sich der Globalisierung nicht entziehen. Ein Faible der Eltern für Frankreich lässt sich an Spitznamen wie Croissant oder Pain au Chocolat erkennen. Neuerdings werden auch Spitznamen etwas komplizierter.

Die Linguistik-Professor Nantana Ronakia von der Thammasat- Universität in Bangkok sieht den Grund dafür im Trend zur Individualität. Moderne thailändische Eltern wollten sich auch mit der Namenswahl von den anderen absetzen.

Zudem ist man in dem mehrheitlich buddhistischen Land bei der Namenswahl wirklich ziemlich frei. „Wir haben keine Tradition wie im Westen, wo die Kinder nach christlichen Heiligen benannt werden“, sagt Nantana. „Wir können uns Namen aussuchen, wie es uns gefällt.“ Das kann dann nach westlichem Verständnis auch daneben gehen, wegen übertriebenem Kommerz. Google und Red Bull hört man derzeit oft.

Bereits länger im Trend sind auch die Namen von Automarken, vorzugsweise aus Deutschland. „Mein Vater mag Autos, und früher fuhren wir einen VW“, erzählt Watcharabhorn Sa-nguansilp. Also heißt ihre ältere Schwester Volk. Die 36-Jährige selbst bekam den Namen Fiat, auch wenn die Familie nie ein italienisches Auto besaß. Reichere Leute nennen den Nachwuchs, gleich welchen Geschlechts, gern Benz.

Auch Prathana Witthayanuluck heißt so. Inzwischen ist sie selbst Mutter. Bei ihren eigenen Kindern hat sie sich jedoch für eine andere Branche entschieden. „Eines Tages habe ich mit meinem Mann zusammen Werbung für Kreditkarten gesehen“, erinnert sich die 37-Jährige. „Wir dachten sofort: „Oh, das ist es. Da ist noch niemand drauf gekommen.““ Jetzt heißen ihre beiden Söhne Visa (8) und Master (6).

Für den Fall, dass die zwei noch ein Geschwisterchen kriegen, ist die Sache auch schon geregelt. Wird es wieder ein Junge, soll er - wie auch sonst – Amex heißen, für American Express. Wenn es doch noch ein Mädchen werden sollte, bekommt es den Spitznamen Cash. Bargeld.

(dpa)