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Die Boheme des Ostens

Ob Frank Castorf ein Bohemien ist, sei dahingestellt. "Sein Abschied von der Volksbühne aber ist ein später Abschied der Boheme des Ostens", meint die ostdeutsche Kulturjournalistin und Reporterin Jutta Voigt in ihrem Buch über die "Stierblut-Jahre" der DDR (so benannt nach dem in der Szene populären ungarischen Rotwein). Wilfried Mommert

Darin gibt sie weitgehend autobiografisch einen melancholisch-ironischen und vor allem liebevollen Rückblick auf jene "Lebenskünstler", "Paradiesvögel" und oft auch eher unpolitisch Unangepassten in der DDR. Voigt, langjährige Kulturjournalistin in der angesehenen DDR-Wochenzeitung "Sonntag", hat beobachtet, kennengelernt oder sogar teilweise auch begleitet. Das gerät teilweise auch zu einer kleinen Kultur- und Sozialgeschichte eines untergegangenen Staates, wenn auch manchmal mit überhöhten Metaphern oder Plattitüden. Insgesamt aber ist es ein lesenswertes und aufschlussreiches Buch nicht zuletzt auch für all jene "Wessis", die im Osten überall nur Russen und Stacheldraht vermuteten.

Jutta Voigt: Stierblutjahre. Aufbau Verlag, Berlin, 272 Seiten, 19,95 Euro