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Der Wein Martin Luthers

Trauben der Rebsorte Heunisch in der Nähe von Geisenheim.
Trauben der Rebsorte Heunisch in der Nähe von Geisenheim. FOTO: dpa
Mainz. Wer kennt heute noch Gänsfüßer, Möhrchen, Heunisch und Hammelhoden? Liebhaber versuchen, diese historischen Rebsorten wiederzubeleben. Und begeben sich dabei auch auf die Spuren von Martin Luther. Doreen Fiedler

"Der Wein ist gesegnet", sagte Martin Luther in einer seiner Tischreden. Der Reformator trank gerne - und beschwerte sich, wenn der Wein nicht gut war: "Die Weine, die vom Rhein und anderswoher kommen, werden von den Fuhrleuten verdorben." Luther bekam Wein von Fürsten geschenkt, baute ihn selbst an oder nahm sich einfach Fässer aus dem Ratskeller der Stadt Wittenberg. "Ich zeche auch", gab Luther zu, um andere dann doch vor dem Laster der Trunksucht zu warnen. "Es soll mir aber nicht jedermann nachtun, weil nicht alle meine Mühen ertragen."

Unstrittig ist, dass Luther und seine Tischrunden fassweise Wein leerten, was angesichts der schlechten Wasserqualität im 15. und 16. Jahrhundert nichts Ungewöhnliches war. Welchen Wein aber der Reformator vor 500 Jahren besonders mochte, ist schwieriger zu beantworten. Luther selbst spricht von Reinfal. Zeitgenossen schreiben von Rheinwein, Frankenwein oder Elsässer. Die Herkunft oder Qualitätsstufe waren einst wichtig, nicht eine bestimmte Sorte. Sicher habe man zu Luthers Zeiten die heute noch getrunkenen Muskateller und Gutedel gekannt, erklärt Erika Maul vom Julius-Kühn-Institut des Bundesforschungsinstituts für Kulturpflanzen nahe Landau in der Pfalz. Andere alte Sorten wie Süßschwarz, Hartblau und Möhrchen würden wieder im Sortiment des Instituts für Rebenzüchtung gepflanzt. Es gebe eine kleine, aber wachsende Szene, die sich mit historischen Rebsorten beschäftige, sagt der Hobby-Weinhistoriker Thomas Riedl. "Die schmecken schon gut", meint Riedl, und empfiehlt Gänsfüßer, Tauberschwab und Hammelhoden. Die Sorte Heunisch habe er schon von mehreren Produzenten getrunken und verglichen. "Die Winzer müssen aber im Weinberg erst noch Erfahrung mit den Sorten sammeln." Andere wie Ernst Büscher vom Deutschen Weininstitut stehen den alten Reben reservierter gegenüber. "Man denkt: Die sind vielleicht nicht umsonst verschwunden." Es sei logisch, dass der Wein nicht so viel Aroma gehabt habe wie heute, sagt Ernst Rühl vom Institut für Rebenzüchtung an der Hochschule Geisenheim. "Er musste damals einfach ein sicherer Produzent und widerstandsfähig sein."

In Deutschland stehen heute vier Rebsorten - Riesling, Müller-Thurgau, Spätburgunder und Dornfelder - auf mehr als der Hälfte der Anbaufläche. Um dennoch eine große genetische Variabilität zu haben, pflegen Institute wie das in Geisenheim oder in Geilweilerhof große Sammlungen mit Hunderten verschiedenen Sorten. Der Rebveredler Ulrich Martin im rheinhessischen Gundheim zieht derzeit Tausende Stecklinge, damit Winzer wieder ein paar Parzellen mit historischen Rebsorten bepflanzen können. 20 bis 30 Kunden habe er dafür schon gewinnen können. Natürlich sei das nur eine Nische im Weinmarkt - aber es gehe um Biodiversität und regionale Identität.

Fritz Schumann pflanzte als stellvertretender Direktor der Staatlichen Lehr- und Forschungsanstalt (heute DLR) in Neustadt an der Weinstraße schon vor vielen Jahren die alte Sorte Gänsfüßer - "als kulturelle Rarität", wie er sagt. "In schlechten Jahren musste dieser Wein so getrunken werden, wie der liebe Gott ihn hat wachsen lassen: wie Starkbier", sagt Schumann. Das dürfte für den Wein Luthers ebenfalls gegolten haben, meint Schumann, der heute Vizepräsident der Gesellschaft für Geschichte des Weines ist. Die Weine damals hätten zwar Alkohol enthalten - aber in kühleren Jahren eher wenig. Auch sei der Wein schnell braun geworden und habe dann oxidative Noten bekommen, wie das beim Sherry oder Portwein der Fall ist. Zu Luthers Zeiten kam der Brauch auf, Schwefel im Weinfass abzubrennen, um die Oxidation zu verhindern. Doch davon hielt der Reformator nichts.

Es sei dem Reformator um den Genuss in Maßen gegangen, um Geselligkeit in Freude. Schüler überliefern die Worte des Reformators zu Tisch in einem Loblied auf den Wein so: "Das Brot stärkt des Menschen Herz, der Wein aber macht ihn fröhlich."