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| 02:38 Uhr

Der Albtraum im Apennin geht weiter

Zerstörte Gebäude in Amatrice. Ein großes Problem ist auch der viele Schnee.
Zerstörte Gebäude in Amatrice. Ein großes Problem ist auch der viele Schnee. FOTO: dpa
Rom/Amatrice. Es war auch so schon schlimm genug. Seit Tagen schneit es in den Erdbebengebieten Mittelitaliens. Viele Menschen haben keinen Strom. Da bringt eine neue Serie von Erdstößen die Menschen endgültig ans Limit. Sie leben auf einem Pulverfass. Annette Reuther

Er war ein Symbol für die Erdbebenkatastrophe in Mittelitalien: der Uhrenturm von Amatrice. Er hatte der schweren Erdbebenserie von letztem Jahr wacker standgehalten und erhob sich wie ein Mahnmal inmitten von Trümmern. Nun ist auch er eingestürzt. Eine neue Serie von Erdstößen hat ihm den Rest gegeben. Auch wenn es nach ersten Einschätzungen so aussieht, als sei kein Mensch ums Leben gekommen: Es ist der seit nunmehr fünf Monaten andauernde Erdbeben-Horror, der den Menschen jede Hoffnung auf Besserung nimmt.

Am Mittwoch schlug die Natur wieder besonders heftig zu: Binnen einer Stunde wackelte es drei Mal mit einer Stärke von mehr als 5. Auch im 150 Kilometer entfernten Rom rannten Menschen auf die Straße, Büros und Schulen wurden evakuiert, die Metro zeitweise geschlossen. Am Nachmittag kam ein weiterer starker Erdstoß dazu.

Das Problem in der Erdbebenregion ist dieses Mal allerdings vor allem der Schnee, der im Apennin-Gebirge teils meterhoch liegt. Und es ist bitterkalt. Eine weiße Mauer hat die Menschen in einigen Orten quasi umzingelt. Ein Kind und dessen Mutter sind aus den Trümmern gerettet worden. Die beiden in einem Helikopter ins Krankenhaus zu fliegen, sei fehlgeschlagen, weshalb der Transport nun auf dem Landweg erfolge, teilte die Feuerwehr am Mittwoch auf Twitter mit. Die Überlebenden aus der Ortschaft Castiglione Messer Raimondo leiden an Unterkühlung, hieß es.

"Ich weiß nicht, ob wir irgendetwas angestellt haben, ich frage mich das seit gestern, zwei Meter Schnee und jetzt noch das Erdbeben. Was soll ich sagen? Mir fehlen die Worte", sagt der Bürgermeister von Amatrice, Sergio Pirozzi, im TV. In seinem Ort und in der Umgebung kamen bei dem Erdbeben am 24. August fast 300 Menschen ums Leben.

Von einem wirklichen Wiederaufbau kann immer noch kaum die Rede sein. Viele Überlebende beschweren sich, dass der Staat sie vergessen habe.

Nicht das neue Erdbeben sei nun das größte Problem, sondern der Schnee, so Pirozzi. Es müssten mehr Räumfahrzeuge her, viele Menschen seien von der Außenwelt abgeschnitten. Seit Beginn des Jahres schneit es in dem Regioneneck zwischen den Abruzzen, Latium, den Marken und Umbrien mehr oder weniger heftig. Nachts können die Temperaturen auf minus zehn Grad sinken.

"Seit Monaten werden wir von Erdbeben verfolgt, die nie aufhören wollen", sagt der Anwohner der Gemeinde Montereale, Donato De Santis, der Nachrichtenagentur Ansa. "Wir wollen uns in Sicherheit bringen (...). Aber wir sind vom Schnee eingeschlossen." Auch aus der Stadt Ascoli Piceno kommt ein verzweifelter Hilferuf. Der Bürgermeister verlangt das Militär. "Hier sind Hunderte Menschen isoliert und ohne Strom", sagt Guido Castelli laut Ansa. Er spricht von einem "monströsen Notfall".

Ja, die Menschen sind seit jenem August-Beben das ständige Wackeln gewohnt, aber sie sind mit den Nerven am Ende. Zehntausende sind obdachlos, wohnen in Notunterkünften. Viele Orte sind Geisterorte. "Die Beben haben seit dem 24. August nie aufgehört, wir sind bei mehr als 45 000", sagte der Chef des Zivilschutzes Fabrizio Curcio.

Nach Einschätzung von Seismologen hängen auch die neuen heftigen Erdstöße wahrscheinlich mit dem Beben im August zusammen. Damals hieß es, es gebe einen Dominoeffekt. Die gesamte Mittelgebirgsregion Italiens kann man auch als Pulverfass beschreiben. 2009 kamen bei einem Erdbeben in der Abruzzen-Hauptstadt L'Aquila etwa 300 Menschen ums Leben. Experten weisen immer wieder darauf hin, dass man Erdbeben nicht wirklich vorhersagen kann. Weitere, stärkere Erdbeben kann man nicht ausschließen. Der Albtraum im Apennin geht weiter.