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So feierte der Osten
Magdeburger Museumswohnung zeigt DDR-Weihnacht

Eva Rocher zündet am 29. November in Magdeburg (Sachsen-Anhalt) im Wohnzimmer der DDR-Museumswohnung des Nachbarschaftsvereins der Magdeburger Wohnungsbau Genossenschaft (MWG) die Kerzen einer Weihnachtspyramide an.
Eva Rocher zündet am 29. November in Magdeburg (Sachsen-Anhalt) im Wohnzimmer der DDR-Museumswohnung des Nachbarschaftsvereins der Magdeburger Wohnungsbau Genossenschaft (MWG) die Kerzen einer Weihnachtspyramide an. FOTO: Klaus-Dietmar Gabbert / ZB
Magdeburg. Der Magdeburger Nachbarschaftsverein zieht mit seiner DDR-Museumswohnung auch internationale Besucher an. Die Ehrenamtler stecken viel Zeit und Mühe in das Projekt. An den Adventssonntagen wird „Weihnachten wie früher“ nachgestellt.

Wenn aus der RFT-Anlage Frank Schöbel und Aurora Lacasa erklingen und der Duft von original erzgebirgischen Räucherkerzen in der Luft liegt, dann ist Weihnachtszeit in der Magdeburger Neustadt. Behutsam zündet Eva Rocher die Kerzen auf der Weihnachtspyramide an - mit einem Holz aus der großen Schachtel Riesa Zündhölzer.

Der Nussknacker steht neben dem großen Röhrenfernseher, die schweren rot-weiß geblümten Gardinen verdunkeln den Raum. Neben die selbstgehäkelten Tischdeckchen stellt die Seniorin den silberglänzenden Samowar. Es gibt selbst gebackene Butterplätzchen. Die 79-Jährige wird sich hier für die kommenden Wochen nicht zum letzten Mal liebevoll um jedes Detail kümmern.

An den ersten drei Adventssonntagen wird Eva Rocher Besuchern wieder zeigen, wie das Leben im Osten Deutschlands zwischen 1949 und 1989 ausgesehen haben soll. Unter dem Motto «Weihnachten wie früher» dreht sich in der eigens hergerichteten DDR-Museumswohnung alles um die besinnlichste Zeit des Jahres. Auf Initiative des Vermieters, der Magdeburger Wohnungsgenossenschaft (MWG), wurde die leerstehende Erdgeschosswohnung in Magdeburgs Neustadt zum 60-jährigen Bestehen der Genossenschaft 2014 zur Museumswohnung umgebaut. „Es gab im Vorfeld viele Nachfragen von Mietern“, erklärt Kevin Lüdemann die Entscheidung zur ungewöhnlichen Nutzung der Wohnung. Der geschäftsführende Mitarbeiter des MWG-Nachbarschaftsvereins weiß: „Auch viele junge Menschen möchten wissen, wie es sich früher gelebt hat.“

Das Publikum sei ganzjährig unterschiedlich: Kitas, Frauenabende, Touristen auf Deutschlandbesuch. Die ehrenamtlichen Mitglieder des Magdeburger Nachbarschaftsvereins, zu dem auch Eva Rocher gehört, führen die Besucher durch eine für sie manchmal bekannte, manchmal fremde Welt. Da hängt die FDJ-Bluse am Kleiderschrank, der Bogenhanf steht im Badfenster, das Scheuermittel „Ata“ auf dem Küchenregal. „Schnatterinchen“ und „Herr Fuchs“ schmücken das Kinderzimmer, das Kaffeeservice aus Kahla ziert die Glasvitrinen der Anbauwand, der Rondo Kaffee duftet.

Bei den Rundgängen, besonders an Weihnachten, schwelgt auch Eva Rocher in Erinnerungen und erzählt die eine oder andere Anekdote aus dem Alltag ihres Heimatlandes. An Weihnachten gab es bei Familie Rocher traditionell Stollen. Natürlich nur, wenn man sich schon frühzeitig nach Zutaten umsah, denn Mandeln und Rosinen waren knapp. „Deshalb verstehe ich heutzutage die Aufregung nicht, wenn schon im September Weihnachtswaren im Supermarkt stehen. Wir mussten auch immer so früh anfangen, fürs Weihnachtsfest einzukaufen.“

Anfang Dezember seien die Südfrüchte geliefert worden. „Dann begann der Ansturm auf Apfelsinen“, sagt Eva Rocher. Auch um einen Nussknacker zu bekommen, sei die Familie mehrfach zur 250 Kilometer entfernten Spielzeugfabrik ins sächsische Seiffen gefahren. „Irgendwann kannte man uns dort schon“, sagt die Seniorin. Den Schwibbogen habe ihr Mann selbst geschnitzt. Die Rochers hätten keine „Westverwandtschaft“ gehabt und so auch nicht die Gelegenheit, regelmäßig mit einem der begehrten Westpakete mit benötigten Helferlein versorgt zu werden.

Wo sich das Besinnen auf die „guten alten Zeiten“ mit DDR-Shops von Honecker-Bild bis Monchhichi-Stofftier erstreckt, mahnt Birgit Neumann-Becker, nicht die negativen Seiten des Systems zu vergessen. Die Bezeichnung «DDR» verweise nach Meinung der Landesbeauftragten für die Aufarbeitung der SED-Diktatur in Sachsen-Anhalt immer auch auf das politische System.

„So hätte es genau so gut im Dänemark der 1960er oder 1970er Jahre aussehen können“, sagt sie zur Idee einer DDR-Museumswohnung. Allerdings müsse man ihrer Meinung nach auch klar unterscheiden. Für die, die im kommunistischen System gut leben konnten, sei so eine Rückbesinnung der „verständliche Wunsch einer positiven biografischen Erinnerung“. So sieht es auch Kevin Lüdemann: „Die Ausstellung hat nichts mit dem politischen System der DDR zu tun. Wir möchten einfach die Gelegenheit bieten, zusammenzukommen und sich über die damalige Zeit auszutauschen.“

Die alte „Narva“-Lichterkette, die Eva Rocher im Schlafzimmerschrank der Wohnung entdeckt hat, soll noch den Weihnachtsbaum auf dem Balkon der DDR-Wohnung schmücken. Die Seniorin freut sich über die Spendenbereitschaft der Leute. So sei die gesamte Einrichtung zustande gekommen. Nun hofft sie noch auf mehr Schätze, die auch sie schon viele Jahrzehnte nicht mehr in den Händen gehalten hat.

(Diana Serbe, dpa)