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| 17:54 Uhr

zum 200. Geburtstag von Karl Marx
Alles dreht sich um Karl Marx

FOTO: dpa-tmn / ttm Trier
Trier. Der Philosoph würde am 5. Mai 200 Jahre alt. Seine Geburtsstadt Trier würdigt das mit gleich vier großen Ausstellungen. Die RUNDSCHAU hat sich angeschaut, was die Besucher erwartet. Von Katharina de Mos

Wo die Marx-Maschine rattert

Das Rheinische Landesmuseum widmet sich im Rahmen der großen Landesausstellung „Karl Marx 1818-1883. Leben. Werk. Zeit.“ auf 1000 Quadratmetern den wichtigsten Schriften des Philosophen, seinen einflussreichsten Ideen und seiner Zeit: dem 19. Jahrhundert. Eine Zeit der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Umbrüche, geprägt von der Industrialisierung und dem Aufbruch des Bürgertums einerseits und dem Elend großer Bevölkerungsteile andererseits.

300 Kunstwerke und Zeitdokumente sind in den 13 emotional und interaktiv gestalteten Sälen zu sehen. Sie beschäftigen sich mit der sozialen Not und den politischen Umwälzungen der Epoche, den Revolutionen des Jahres 1848, dem Manifest der kommunistischen Partei, Marx‘ Zeit als „Kämpfer mit der spitzen Feder“ – erst als Redakteur der Rheinischen Zeitung, dann als Korrespondent der New York Daily Tribune und mit dem berühmten Werk „Das Kapital“.

Zu sehen sind herausragende Zeitdokumente wie die erste Manuskriptseite des Manifests und Marx’ persönliches, mit Anmerkungen versehenes Exemplar der Erstausgabe des Kapitals (beide sind Unesco-Welterbe), eine Fahne, die auf dem Hambacher Fest geschwenkt wurde, Webschiffchen, Miniatureisenbahnen, Druckerpressen oder Dampfmaschinen.

Herzstück der Ausstellung ist die raumfüllende Marx-Maschine, deren Laufbänder nicht Waren, sondern Einsichten transportieren. Einsichten in den kapitalistischen Produktionsprozess, den Marx so minutiös beschrieb.

Ein Leben in Trier, Berlin,
Paris, London

Karl Marx konnte vor 200 Jahren aus dem Fenster seines Elternhauses in Trier die Mauern des Simeonstifts sehen, jenes Ortes, an dem nun ein meterhohes Konterfei von ihm prangt. Hier zeigt das Städtische Museum Simeonstift den biografischen Teil der Landesausstellung zum Jubiläum: „Karl Marx 1818-1883. Stationen eines Lebens“. Die Schau will vor allem einen Kontrapunkt setzen zu all den ideologischen Darstellungen des Philosophen und Revolutionärs, der entweder verherrlicht oder verteufelt, kaum aber einmal unvoreingenommen in seiner Zeit gesehen wurde.

Aufklärung sei nötig, findet Dr. Elisabeth Dühr, Leiterin des Städtischen Museums Simeonstift. „Wir haben vor drei Jahren die Ausstellung gemacht ,Ikone Karl Marx‘ und festgestellt, dass die Leute überhaupt nichts über Karl Marx wissen. Gar nichts.“ Deshalb gelte es, erst mal Kenntnisse über das 19. Jahrhundert zu vermitteln, auf das der Denker sich als Journalist und Gesellschaftstheoretiker bezog, über Verarmung, Industrialisierung, Religionskritik, Emigration. Was lag da näher, als den Weg des Philosophen anhand der Lebensorte zu zeigen? – Trier, Bonn, Berlin, Köln, Paris, Brüssel, Manchester, London. Jeder Stadt ist ein eigener Raum gewidmet, jeder Ort war zu Marx’ Zeit gewaltigen sozialen und politischen Umwälzungen ausgesetzt. „Das Schicksal von Marx ist ja das Schicksal von Tausenden Linksintellektuellen in dieser Zeit“, so Dühr.

An den Wänden hängen Bilder aus der Zeit – aus bildender Kunst und Literatur. Die Begleittexte in Deutsch und Englisch sind kurz und plakativ gehalten – wer mehr erfahren möchte, kann in jedem Raum an einer Medienstation einzelne Aspekte vertiefen, Portraits abfragen, alte Briefe anschauen, sich Hintergründe erklären lassen, sogar Dokumentarfilme ansehen. Dazu zeigt eine Tafel die Netzwerke auf, die für diesen Lebensabschnitt von Karl Marx wichtig waren, familiär wie intellektuell. Große Übersichten runden die Ausstellung ab, darunter ein Marx-Stammbaum.

Arbeit ist mehr als bloß Broterwerb

Großformatige Fotokunst, Roboter, die sich selbst porträtieren und Videoinstallationen, die zum Nachdenken anregen: Das Bistum Trier hat sein Museum am Dom mit „LebensWert Arbeit“ in ein Museum für moderne Kunst verwandelt. „Wir machen keine Ausstellung über Karl Marx“, sagt Museumsdirektor Markus Groß-Morgen, aber über ein Thema, das Marx sehr beschäftigte: die Arbeit. Eine Ausstellung, die zeigen will, dass Arbeit mehr ist als Broterwerb. Und Menschen mehr als Humankapital. Zumal sich immer mehr Arbeitnehmer wünschen, Sinn in ihrer Tätigkeit zu finden, mitzugestalten und auch für ihre Familie da zu sein.

Zu sehen sind Werke von international bekannten Künstlern wie Harun Farocki, Andreas Gursky, Vincent Fournier oder William Kentridge, die sich mit Problemen, Chancen und der Zukunft der Arbeit befassen oder auch mit der Frage: Was macht meine Seele, wenn ich arbeite? Sie widmen sich der rasanten Entwicklung der Arbeitswelt, den neuen technischen Möglichkeiten, der Globalisierung und Digitalisierung. Und einem anderen bekannten Trierer: Die Künstler Laas Köhler und Paul Schumacher haben das Arbeitszimmer von Pater Oswald von Nell-Breu-
ning nachgestaltet. Der Besucher betritt es durch den Kleiderschrank und wird im Inneren überrascht von Glockengeläut, dem Klappern einer Schreibmaschine und Bildern, die über die Wände huschen. Wie Marx wurde der katholische Sozialwissenschaftler in Trier geboren. Auch ein Labor gibt es, in dem Studierende und Künstler miteinander diskutieren, einen Raum der Stille sowie Medienstationen mit Hörspielen und Videos.

Das Geburtshaus selbst ist
das wichtigste Exponat

Wer die Türe zum Geburtshaus von Karl Marx durchschreitet, wandelt nicht länger durch fensterlose Räume voller Info-Tafeln. Die neu konzipierte Dauerausstellung „Von Trier in die Welt: Karl Marx, seine Ideen und ihre Wirkung bis heute“ schenkt dem Karl-Marx-Haus ein wenig von seiner ursprünglichen Atmosphäre zurück. Das helle Haus selbst ist ihr Herzstück. Der Besucher soll sich fühlen, als wäre er bei Marx zu Gast. Wie Bilder hängen Informationen in Rahmen an der Wand. Auch einige Möbel gibt es, darunter den Lesestuhl, in dem der Denker las und starb. Ihm gegenüber können Besucher Platz nehmen und sich zu einer Audioeinspielung auf Marx einlassen.

Inhaltlich legt die Friedrich-Ebert-Stiftung, der das Haus gehört, einen Schwerpunkt auf die Wirkungsgeschichte der Ideen des Philosophen. Natürlich spielen auch sein Leben, seine Familie, seine Freunde, die Stationen seines Lebens eine Rolle in der 630 000 Euro teuren Ausstellung. Doch werden Werk und Wirkung viel stärker in den Mittelpunkt gerückt als dies früher geschah. Die neue Schau analysiert, welche Rolle Marx für die Arbeiterbewegung oder die Sozialdemokratie spielte, aber auch bei zentralen Geschehnissen im 20. Jahrhundert: der Oktoberrevolution, dem Zweiten Weltkrieg, dem Kalten Krieg, dem Kommunismus oder der Finanz- und Bankenkrise 2007/2008.

Wer sich mit alledem befassen will, muss natürlich lesen. Doch man hat die Wahl: Texte, die in Schönschrift auf die Wand geschrieben wurden, bieten einen Überblick, Texte zu den einzelnen Exponaten eine Vertiefung. Mal ermöglicht eine transparente Büste den Blick in den Kopf des Philosophen, mal stehen vier Schreibtische für vier zentrale Arbeitsbereiche des Ökonomen, Philosophen, Journalisten und Gesellschaftswissenschaftlers. Mal machen unterschiedlich hoch gefüllte Sanduhren deutlich, wie lange Marx an den Stationen seines Lebens verweilte. So wird die Londoner Uhr (33 Jahre) fast doppelt so gut gefüllt sein wie die Trierer Sanduhr (17 Jahre). Die Gestaltung des gesamten Hauses wirkt hell, frisch und jung. Auch dank der an Graffitikunst erinnernden Wandgemälde.