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| 19:29 Uhr

Cottbuser auf Polarreise
Auf der Jagd nach Eisbären

Ein Eisbär wälzt sich auf einer Eisscholle.
Ein Eisbär wälzt sich auf einer Eisscholle. FOTO: Klaus Lange
Longyearbyen, im Juni 2018.. Der Lausitzer Klaus Lange ist zusammen mit seiner Frau auf Polarreise gegangen. Mitgebracht hat der leidenschaftliche Fotograf einzigartige Bilder, die erstmals in der RUNDSCHAU und auf LR Online veröffentlicht werden. Für die RUNDSCHAU hat Lange sein Abenteuer aufgeschrieben. Von Klaus Lange

Einer der nördlichsten Orte der Erde, er liegt auf der Inselgruppe Spitzbergen. Exakt 2867 Kilometer vom Berliner Hauptbahnhof entfernt. Unser Schiff ist für die Fahrt im Eismeer extra präpariert worden und zugelassen. Es ist nach dem Astronomen Petrus Plancius (lebte von 1552 bis 1622) benannt. Unsere Anlandungen erfolgen mit Schlauchbooten, den Zodiacs.

Während dieser zehn- bis zwanzigminütigen Fahrten kann man durchaus mal einen nassen Hosenboden bekommen. Mitten in der Nacht erleben wir den herrlichsten Sonnenschein, um dann am Morgen dichten Nebel um uns zu haben.

Polarexpedition FOTO:

150 Jahre nach der ersten deutschen Nordpolarexpedition sind meine Frau und ich über Oslo nach Longyearbyen geflogen. Dort haben wir das Expeditionsschiff bestiegen. Unsere Reise sah vor, bei Phippsoya zu ankern. Das wäre etwa der 81. Breitengrad und immer noch 540 Seemeilen vom Nordpol entfernt. Trotz offener See erreicht die Plancius lediglich 80 Grad, zwölf Minuten und 30 Sekunden nördlicher Breite. Aber das, was wir hier noch sehen werden, ist auch nicht schlecht.

Warum dieses Reise-Abenteuer? Zu meinen Lieblings-Kinderbüchern gehörten „Das Eismeer ruft“ von Alex Wedding, in dem die Rettung der Nordpolexpedition durch den sowjetischen Eisbrecher „Krasnin“ dargestellt wurde und später „ . . . und das Eis bleibt stumm“ von Martin Selber, in dem es um die Franklin-Expedition ging.

Nachdem die Franklin-Expedition auf der Suche nach der Nordwestpassage mit den beiden Schiffen Erebus und Terror verschollen war, gab es in England, aber auch in anderen Ländern Europas zahlreiche Hilfs- und Suchunternehmen. Vor allem die Royal Geographical Society in London förderte zahlreiche Projekte. Heute wissen wir, dass die im Eis steckengebliebenen Schiffe sich meist recht lange halten konnten. Die meisten Besatzungsmitglieder erfroren nicht, sondern starben an Bleivergiftung infolge des Verzehrs von Dosennahrung.

Der Deutsche August Petermann wurde durch die Londoner Diskussionen angeregt. Er nahm an, dass rund um den Nordpol eine Eisbarriere läge, der Nordpol aber in einem arktischen Meer eisfrei wäre. Petermann war in den 1850er-Jahren überwiegend als Kartograf für den Verlag Justus Perthes tätig. Petermann sammelte Geld und gewann den an der Bremer Seefahrtschule ausgebildeten Carl Koldewey als Kapitän.

Koldewey stellte eine Mannschaft zusammen, reiste nach Bergen, kaufte ein Schiff und ließ es umbauen. Die Besatzung reiste an und brachte nautisches und wissenschaftliches Gerät mit. Ende Mai 1868 gingen 13 Seeleute, Deutsche und Norweger, an Bord. Das Schiff trug den Namen Grönland, wurde jedoch von Petermann stets als Deutschland betitelt. Ab 9. Juni 1868 saß das Segelschiff im Packeis fest und trieb ab.

Nachdem es Kapitän Koldewey nicht gelungen war, wie geplant an der Ostküste Grönlands weiter nach Norden vorzudringen, entschied er sich um. Dazu schrieb er im Expeditionsbericht: „Weit mehr schien es daher zu versprechen, nördlich um Spitzbergen und durch die Hinlopen-Straße zu steuern. Der südliche Theil dieser Straße war noch von keiner wissenschaftlichen Expedition besucht worden, und es gelang uns daher nicht, von dort aus Gillis-Land zu erreichen, so konnten wir wenigstens einen Theil der Küste dort aufnehmen, manche andere werthvolle Beobachtung anstellen und vielleicht später ostwärts von Stans Foreland wieder herumkommen.“

Am 13. Juli 1868 erreichte das Schiff den Südwesten der Insel. Es gelang, in die eisfreie Hinlopen-Straße einzufahren. Hier kartografierte Koldewey und vergab geografische Namen. Die Grönland schaffte 81 Grad nördlicher Breite, vier Minuten und 30 Sekunden. Das ist die bis heute gültige nördlichste Position eines Segelschiffs ohne Hilfsantrieb.

Danach kehrte die Expedition nach Bergen zurück. Die Besatzung traf am 10. Oktober 1868 in Bremen ein. Der wissenschaftliche Wert bestand im Erfassen von meteorologischen, ozeanografischen und erdmagnetischen Angaben. Dazu zählten auch Meeresströmungen, Tiefenlotungen, Gesteinssammlungen und Treibholzanalysen.

Die Jubiläumsreise 150 Jahre später an Bord der Plancius verläuft exakt genauso. Jede Aktivität ist durchorganisiert. Die Mittagssuppe wird serviert, damit sie keiner verschüttet. Es gibt ein Drei-Gänge-Menü, was für ein Expeditionsschiff völlig überzogen scheint. Kaffee, Tee und Trinkwasser kann man jederzeit kostenlos nehmen.

Selbst ein angeblicher Eisbärenalarm, bei dem alle Expeditionsteilnehmer vom Abendessen weggeholt werden, erweist sich als gekonnte Attraktion. Wer eine solche Reise gebucht hat, muss auch damit rechnen, dass er, so wie wir, mal einen Tag im Nebel verbringt. Dass ist bei den Reisepreisen bedauerlich, lässt sich aber nicht ändern.

47 Leute gehören zum Schiffspersonal, darunter ein Arzt. Das Schiff ist 90 Meter lang und 14 Meter breit. Der Tiefgang beträgt 4,70 Meter. Bordsprache: Englisch, wegen der internationalen Gäste. Obwohl ich vor der Reise mein Englisch aufgefrischt habe, bekomme ich die Vorträge in der Lounge nicht völlig mit.

Zu Tierbegegnungen ist uns viel versprochen worden. Allerdings immer mit dem Unterton, dass Wetter und Tiere unberechenbar seien. Um Spitzbergen betragen die Abstände zu Eisbären, Rentieren und Polarfüchsen mehr als 200 Meter. Wenn man nicht mit einer Spezialkamera aufnimmt, kann ein Eisbär auf dem Foto so leicht für eine weiße Maus gehalten werden.

Vom Schiff oder dem Schlauchboot aus sind Stative unnütz und bei Wanderungen in Gummistiefeln und Regenbekleidung nur ein Hindernis. Ich drücke einfach tausendmal auf den Auslöser, in der Hoffnung, dass ein blindes Huhn auch mal ein Korn findet. So bekomme ich sieben Eisbären vor die Kamera und acht Rentiere. Von Walen sehe ich einmal einen Luftausstoß. Robben habe ich zweimal fotografiert, dazu Polarfüchse, Walrosse und Vögel in Hülle und Fülle.

Einzigartige Natureindrücke auf den Inseln zwischen Nordatlantik und Arktischem Ozean: Es ist anzunehmen, dass Spitzbergen als Tourismusziel weiterhin an Bedeutung gewinnt. Auch der Tourismus der gehobenen Kategorie beginnt sich zielstrebig zu entwickeln. Long­yearbyen, das Zermatt Spitzbergens, wirkt während des Hochsommers, in dem es nachts nicht dunkel wird, extrem bevölkert. Einen ständigen Wohnsitz hat in dieser Siedlung mit seinen gut 2000 Bewohnern trotzdem fast niemand.

Aktuell boomen Fahrten von Long­yearbyen zur russischen Siedlung Barentsburg, wo man sich gern vor dem Lenin-Denkmal fotografieren lässt. Exkursionen mit Hunden oder trainierten Rentieren zu den wenigen Ansiedlungen haben für manche der Polar-Urlauber auch ihren Reiz. Es muss ja nicht immer eine Schiffsumrundung sein.

Spitzbergen
Spitzbergen FOTO: LR