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70 Jahre beim selben Arbeitgeber

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Zur Person. Ihr erster Lohn beträgt 2520 Reichsmark. Als "Chortänzerin Anwärterin" tritt Georgette Tsinguirides im Kriegsende-Jahr 1945 ihren Dienst bei den Württembergischen Staatstheatern an. dpa/sm

Heute, sage und schreibe 70 Jahre später, steht die Tochter eines griechischen Einwanderers immer noch auf der Gehaltsliste des Stuttgarter Balletts - inzwischen als Choreologin und Ballettmeisterin.

"Es geht immer weiter", sagt das 87 Jahre alte Phänomen selbst. Am 30. April ist Premiere des Ballettabends "Alles Cranko!". Vier Stücke von John Cranko (1927 bis 1973), dem legendären Begründer des Stuttgarter Ballettwunders, an einem Abend. Und Georgette Tsinguirides ist einmal mehr federführend für die Einstudierung verantwortlich. Für die alte Dame bedeutet es genau das, was sie so liebt: jeden Tag Ballettsaal, jeden Tag voller Elan. Und immer mit der ihr eigenen Genauigkeit.

Das Erbe John Crankos am Stuttgarter Ballett ist auf ewig mit Tsinguirides' Namen verbunden. Die Deutsch-Griechin garantiert die werkgetreue Aufführung der Ballette des Meisters. Mit Generationen von Tänzern studierte sie Crankos Werke ein. Es sei wohl "eine Art Berufung, eine Verpflichtung", sagte die gebürtige Stuttgarterin mal. Stuttgarts Ballett-Intendant Reid Anderson (65) arbeitet seit mehr als 45 Jahren mit Tsinguirides. "Sie war damals schon ein Phänomen und ist es heute noch!", sagt der Kanadier. "Mit ihrer Leidenschaft, Disziplin und Hingabe ist sie ein Vorbild für mich und meine Tänzer!"

Nachdem Georgette Tsinguirides früh ihre Mutter verliert, wächst sie unter der strengen Obhut ihrer Großmutter Maria Weickh auf, einer Hofdame bei Charlotte von Württemberg. Mit sieben beginnt sie eine Ausbildung an der Ballettschule des Stuttgarter Theaters. Im November 1945 erhält sie ihr erstes Engagement, später wird sie Solistin. John Cranko selbst beauftragt sie, seine Choreografien in einer internationalen Tanzschrift aufzuzeichnen und somit für die Nachwelt zu erhalten. Ohne Cranko wäre sie sicher nicht so lange in Stuttgart geblieben, sagt sie selbst. "Ich kann mich entsinnen", sagt Anderson, "dass sie bei jeder Probe neben John Cranko saß - das Bild von John bei der Arbeit war nicht komplett ohne sie."