Nach RTE-Angaben stand Europa kurz vor einem "Blackout". Auslöser war eine Panne im nordwestdeutschen Stromnetz. Wie der Energiekonzern Eon gestern erklärte, könnte der Stromausfall damit zusammenhängen, dass eine Höchstspannungsleitung über der Ems ausgeschaltet wurde, damit das Luxuskreuzfahrtschiff „Norwegian Pearl“ von der Meyer Werft in Papenburg gefahrlos überführt werden konnte. Eine halbe Stunde nach Abschaltung kam es zu den europaweiten Stromausfällen.

Privathaushalte nicht betroffen
In Brandenburg und Sachsen waren Privathaushalte nicht betroffen. „Bis auf einige kleine Wackler haben die Kunden nichts bemerkt“ , erklärte Stefan Buscher, Sprecher des Stromversorgers envia Mitteldeutsche Energie AG (enviaM) gestern. Infolge der Havarie war die Stromfrequenz im envia-Netz jedoch erhöht. „Von 22.10 bis 22.40 Uhr lag zu viel Strom an“ , sagte Buscher. Anlagen kamen dabei nicht zu Schaden. Der Chemnitzer Konzern hat in Südbrandenburg, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Nordthüringen etwa 1,6 Millionen Kunden. Der Stromausfall hatte jedoch Auswirkungen auf das Netz der Deutschen Bahn im Großraum Berlin und in Teilen Brandenburgs. Das bestätigte ein Sprecher gestern gegenüber der RUNDSCHAU. Demnach standen Samstagnacht zwischen 23 und ein Uhr einige Züge still. „Dazu gehörte auch Cottbus“ , erklärte der Sprecher. Wie viele Fahrgäste festsaßen, konnte er nicht sagen. Bundesweit waren rund 100 Züge betroffen.
Auch das Stromnetz von Vattenfall Europe Transmission war von dem Vorfall betroffen. „Das führte dazu, dass einige dezentrale Blockheizkraftwerke abgeschaltet und die Pumpspeicherkraftwerke in Thüringen und Sachsen hochgefahren wurden, um regulierend einzugreifen“ , erklärte Vattenfall-Sprecher Markus Füller. „Unsere Großanlagen sind dagegen ganz normal weitergelaufen.“
Während die Lausitz glimpflich davongekommen ist, waren die Auswirkungen in Westdeutschland dramatischer. So mussten die Passagiere der Kölner Rheinseilbahn den Stromausfall in luftiger Höhe aussitzen. Die Gondeln seien wegen der Langen Nacht der Museen noch in Betrieb gewesen. Neben Teilen Kölns waren unter anderem Neuss, Essen, Oberhausen und Mülhausen ohne Strom. Auch in Paderborn und in der Region Bielefeld ging das Licht aus genauso wie in Oberfranken, dem nördlichen Saarland und Teilen Baden-Württembergs. Zu schweren Zwischenfällen kam es nach bisherigen Erkenntnissen nicht. Einige Menschen mussten nach Feuerwehrangaben aus stecken gebliebenen Fahr stühlen befreit werden.
Größere Probleme gab es dagegen in den westeuropäischen Nachbarländern. In Frankreich waren fünf Millionen Menschen in Teilen von Paris, der Region um Lyon, dem Elsass sowie in der Bretagne und Normandie ohne Strom. Auch in Italien, Spanien, Portugal und Belgien kam es zu regionalen Abschaltungen. "Wir sind um eine Handbreit an einem europäischen Blackout vorbeigeschrammt", beschrieb Vorstandsmitglied Pierre Bornard vom französischen Stromzulieferer RTE die gigantische Panne wegen eines riesigen Energiedefizits. "Wie ein Kartenhaus" habe sich der Stromausfall in Westeuropa ausgebreitet - weil automatische Sicherheitssysteme "brutal die Zufuhr sperrten", um einen Kollaps zu verhindern und um für ein Gleichgewicht in der Versorgung zu sorgen.
"Das ist der einzige Hebel, den wir haben, um einen völligen Zusammenbruch abzuwenden", erläuterte Bornard. "Alles hat sich in wenigen Sekunden abgespielt." Das Stromnetz in Europa sei inzwischen engstens verzahnt: "Alles ist eine einzige Maschine und alle sind solidarisch." Die Hochspannungsleitungen kennen schon lange keine Grenzen mehr, also sind vor allem Nachbarn als allererste betroffen.

Luxusliner wieder in der Werft
Das Kreuzfahrtschiff „Norwegian Pearl“ hat im Übrigen nach nur einer halben Stunde die Leinen wieder in seiner Werft festmachen müssen, weil die Hochspannungsleitung über der Ems wegen der extremen Stromschwankungen nur für eine halbe Stunde abgeschaltet werden konnte. „Das wäre zu riskant gewesen“ , erklärte ein Sprecher. Nun soll das Luxusschiff frühestens heute die Ems passieren, um so in die Nordsee zum niederländischen Eemshaven zu gelangen.