Eine weiche Decke auf dem Boden, Stofftiere allerorten - im Haushalt von Kai Schmidt-Eisenlohr ist alles auf den kleinen Joa ausgerichtet. Der Vater hockt entspannt auf dem Boden und zeigt dem Wonneproppen ein Stoffbuch. Das Lieblingsbuch des Sohnemanns hatte der Grünen-Parlamentarier auch eineinhalb Wochen zuvor mit im Landtag, als er vom Rednerpult unter dem Motto „Pampers statt Parlament“ seinen Elternurlaub ankündigte.

Der 36-Jährige aus Wiesloch bei Heidelberg ist der erste Abgeordnete in Deutschland, der sich eine genehmigte Auszeit nimmt, um sich eine Weile seinem Nachwuchs zu widmen. Was für andere Arbeitnehmer gang und gäbe ist, war für Parlamentarier bislang unmöglich. Baden-Württemberg betritt bundesweites Neuland.

Sohn Joa ist vier Monate alt. Der hochschulpolitische Sprecher seiner Fraktion hat also noch zwei Monate, in denen er guten Gewissens kürzertreten darf. Denn nach der von allen Fraktionen befürworteten Änderung der Landtags-Geschäftsordnung können sich in Baden-Württemberg frischgebackene Eltern bis zu sechs Monate nach der Geburt ihres Kindes beurlauben lassen, ohne ihr Mandat zu verlieren. Für die Frauen kommt der Mutterschutz als Beurlaubungsgrund hinzu.

Statt von einem Termin zum anderen im Wahlkreis und in der Landeshauptstadt zu hetzen, schaltet der Abgeordnete einen Gang runter. „In der Zeit mit Joa ist man ganz stark entschleunigt“, sagt der Wirtschaftsingenieur. Der stolze Vater lässt auch mal das Telefon klingeln, um dem plappernden Sohn zu lauschen. Mutter Nadja Böhler findet es toll, dass ihr Mann sich dem Nachwuchs widmet. „Ich freue mich, dass er das auch erleben darf“, sagt die Flugbegleiterin, die ein Jahr Elternzeit genommen hat.

Die neue Möglichkeit sei ein Signal für politisch interessierte junge Menschen. „Der Altersdurchschnitt im Landtag ist mit 54 Jahren relativ hoch.“ Dagegen sei der Frauenanteil mit gut 20 Prozent gering. Wegen des Stillens sei es für Frauen besonders wichtig, die ersten sechs Lebensmonate ihres Babys Zuhause bleiben zu können. Die neue Regelung stärke nicht nur die Rolle der Väter in der Kinderbetreuung, sondern mache das Abgeordnetenmandat attraktiver.

Doch was ist, wenn Schmidt-Eisenlohr betreuungsbedingt seiner Partei bei Abstimmungen fehlt? Für dieses Problem haben die Fraktionen gemeinsam eine Lösung gefunden. Damit das Kräfteverhältnis nicht verzerrt wird, hat man sich auf das sogenannte Pairing verständigt, das schon bei Erkrankungen gilt. So wird bei den Abstimmungen im Plenum, bei denen der Grüne fehlt, ein Christdemokrat auf sein Stimmrecht verzichten. Die Bewährungsprobe steht noch aus.

Kritik aus der FDP, die Parlamentarier verdienten doch mit 7000 Euro genug, bei Terminen eine Betreuung zu engagieren, ficht den Grünen nicht an: „Gerade das will ich ja nicht, ich will ja für meinen Sohn dasein.“ Auch werde er seine Wahlkreisarbeit nicht vernachlässigen. „Ich kümmere mich schon darum, dass nichts liegen bleibt.“ Die Diäten erhält Schmidt-Eisenlohr weiterhin. Er muss lediglich auf die Vergütung verpasster Sitzungen in Höhe von je 40 Euro verzichten.

Rückenwind erhält er vom Landtagspräsidenten Guido Wolf. Der CDU-Politiker hat den Antrag des Kollegen genehmigt und ihm eine „erfüllte Elternzeit“ gewünscht.