Und über die Opposition gibt es nichts zu witzeln. Den Genossen Peter Struck nennt Ramsauer dann schon mal grinsend "my honorable and gallant friend", auf Deutsch "mein ehrenwerter und edler Freund". Die beiden reden auf Augenhöhe. Anders verhält es sich mit SPD-General Hubertus Heil, der als "Möchtegern" stets verbal abgekanzelt wird. Man merkt, Union und SPD sind nicht verheiratet, die Lebensabschnittsgefährten beharken sich gerne.
Der öffentliche Schein angesichts der zahlreichen Koalitionskräche des ersten Jahres trügt jedoch ein wenig: Persönlich läuft es gut zwischen den zentralen Figuren, zwischen SPD-Fraktionschef Struck, dem Unionspendant Volker Kauder und dem einflussstarken CSU-Mann Ramsauer. Man trinkt Bier, besucht sich gegenseitig auf den jeweiligen Berliner Parteifesten, man telefoniert regelmäßig. Doch strategisch, wie Koalitionäre zugeben, gibt es kaum eine gemeinsame Linie. Das Zusammenspiel gerade zwischen Struck und Kauder funktioniert nicht wirklich. Antreiber der Koalition sind beide nicht. Zu sehr ist in ihrem Bewusstsein, dass das Bündnis möglichst 2009 enden soll. Der robuste, handfeste Struck wundert sich zudem manchmal über den peniblen, etwas eitlen Kauder - und umgekehrt.
Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und Vizekanzler Franz Müntefering (SPD) gelten demgegenüber fast schon "als Mütter der Kompanie". Beide trinken zusammen Tee, vor jeder Kabinettssitzung stimmen sie sich im Kanzleramt ab. Müntefering hat sogar seine Abneigung gegen Handys abgelegt, um mit der SMS-freudigen Merkel kommunizieren zu können. Es heißt, der SPD-Mann schätze an der Ostdeutschen vor allem ihre Ausdauer, ihre Fähigkeit zum Zuhören. Angela Merkel wiederum soll überrascht sein von Münteferings Loyalität. Ohnehin ist die Laune auf Kabinettsebene deutlich besser als auf der des Parlamentes: "Wir diskutieren viel und offen, die Stimmung ist gut", verrät eine Ministerin.
Das mag auch an den beiden Verkäufern der Regierungspolitik liegen: Der CSU-Mann Ulrich Wilhelm und sein Stellvertreter, der SPD-Mann Thomas Steg, harmonieren fast perfekt. Beide Regierungssprecher agieren mit viel Feingefühl für die andere Seite und einem besonderen Sinn für die notwendige Balance. Vermutlich sind sie das Traumpaar der Großen Koalition.
Es knirscht hingegen gewaltig zwischen den Fraktionen. "Man ist sich noch fremd", beschreibt ein CDU-Mann die Lage. Das ist milde formuliert. Richtig ist: Auf beiden Seiten herrscht noch (Kultur-)Schockstarre, gepflegte Abneigung. Inhaltliche Zugeständnisse werden deshalb meist als Zumutungen empfunden. Das Paar Norbert Röttgen (CDU) und Olaf Scholz (SPD) hat deshalb als Parlamentsgeschäftsführer und Fraktionsmanager keine leichte Aufgabe. Ihre Büros sind nur eine Treppe voneinander entfernt, "wir sind schnell, wenn wir etwas erreichen wollen", beschreibt Röttgen das "sehr gute Verhältnis". Beim letzten Spurt war das Ergebnis, dass die jeweiligen Minister nun verstärkt an den Sitzungen der Fraktionsspitze der Gegenseite teilnehmen. Klimapflege nennt sich das. Absolut kein Pärchen sind übrigens die beiden Parteigeneräle Ronald Pofalla (CDU) und Hubertus Heil (SPD). Sie müssen für die Abgrenzung sorgen, und den nächsten Bundestagswahlkampf vorbereiten. Dann geht es erst Recht wieder gegeneinander.