ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 02:45 Uhr

Ostdeutschland fehlen große Unternehmen für mehr Innovationsfähigkeit

Wirtschaftswissenschaftler Mirko Titze
Wirtschaftswissenschaftler Mirko Titze FOTO: Wendler
Über die gemeinsame Wirtschaftsgeschichte der brandenburgischen und sächsischen Lausitz und die Herausforderungen der Gegenwart diskutierten Fachleute zwei Tage lang in Cottbus. Die RUNDSCHAU sprach am Rande des Treffens mit dem Wirtschaftswissenschaftler Mirko Titz vom Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH).

Herr Titze, seit über zehn Jahren liegt die Produktivität im Osten um 20 Prozent niedriger als in den alten Bundesländern. Warum schließt sich diese Lücke nicht?
Regionale Unterschiede in der Wirtschaftskraft sind nicht ein Ost-West-Problem. Die gibt es auch zwischen Regionen in den alten Ländern.

Dem Osten fehlen aber gewisse Strukturmerkmale. Insbesondere die Fähigkeit, Innovationen hervorzubringen, ist in den neuen Ländern schwächer ausgeprägt, obwohl es auch da regionale Unterschiede gibt. Eine Ursache für diese Schwäche ist, dass es hier zu wenig große Unternehmen gibt.

Warum sind die so wichtig?
Es braucht eine "kritische Masse", um bestimmte Innovationen hervorzubringen und dazu braucht es große Unternehmen, die auch ihre Führungszentralen vor Ort haben, und die sind in den neuen Ländern so gut wie gar nicht vorhanden.

Aber in der Lausitz gibt es mit der BTU Cottbus-Senftenberg eine Hochschule. Kann die nicht Innovationsmotor werden?
Die Cottbuser Universität hat ein Problem, es gibt hier kein außeruniversitäres Forschungsinstitut. Solche Institute sind aber wichtig, um die regionale Wirtschaft voranzubringen. Sie stellen ein Bindeglied zwischen den Hochschulen und der Wirtschaft dar. Hier werden Chancen vertan.

Welche Möglichkeiten gibt es denn heute, um die Region wirtschaftlich voranzubringen?
Es geht vor allem darum, die Qualität des Bestandes zu verbessern und die vorhandenen Unternehmen zu vernetzen. Dabei dürfen die noch vorhandenen Fördermöglichkeiten nicht überfrachtet werden. Das bedeutet zum Beispiel, nicht zu viele verschiedene Kriterien zur Fördervoraussetzung machen, sondern zielgerichteter mit diesen Hilfen zu agieren.

Welche Rolle kann Wirtschaftsförderung denn ein Vierteljahrhundert nach dem Mauerfall überhaupt noch spielen?
Fördermittel sind immer nur einer von vielen Standortfaktoren. Es gibt Regionen in der Bundesrepublik, nicht nur in den neuen Ländern, da können sie noch so viel Fördermittel bereitstellen, da wird man keine Ansiedlung hinbekommen, weil andere Standortfaktoren, welche auch immer, dagegen stehen. Es ist immer ein ganzer Strauß von Standorteigenschaften, die für einen Unternehmer eine Rolle spielen.

Welche Chancen hat denn dann die industrielle Entwicklung der Lausitz noch?
Für Neuansiedlungen sind die Aussichten schlecht, weil dazu in der Regel ein bestehendes Unternehmen gehört, das einen neuen Standort eröffnet. Das erfolgt fast immer in räumlicher Nähe, in Pendlerdistanz. Bleibt nur die Pflege und Weiterentwicklung des Bestandes und der Versuch, über eine kritische Masse an Wissenschaftlern Firmengründungen und dadurch Wachstum hinzubekommen.

Die Diskussion über ein mehr oder weniger nahes Ende der Braunkohlewirtschaft in der Lausitz ist gerade durch die Wahl in Schweden und die Folgen für den Staatskonzern Vattenfall neu aufgeflammt. Damit verbunden ist immer wieder die Forderung an die Politik nach einem "Plan B" für die Region. Kann die Politik so einen Plan überhaupt liefern?
Die Politik kann immer nur Rahmenbedingungen setzen, sie hat keinen direkten Einfluss auf unternehmerische Entscheidungen. Zu den Rahmenbedingungen zählt auch ein glaubwürdiges Bekenntnis des Landes zu einem Universitätsstandort. Am Ende lebt das aber immer von den Menschen. Sie brauchen Pionierunternehmer vor Ort. Und da kommen weiche Standortfaktoren ins Spiel wie kulturelle Ausstattung und Verkehrsinfrastruktur. Dabei geht es nicht darum, sechsspurige Autobahnen zu bauen, aber um schnelle und komfortable Bahnverbindungen. Auch im Zeitalter des Internets gibt es einen Wissensaustausch, der nur im persönlichen Gespräch stattfindet.

Mit Mirko Titze

sprach Simone Wendler