Krane der Mechanik Taucha Fördertechnik GmbH sind in Russland gefragt. Bis zu 150 Tonnen können sie heben, in nahezu allen Bereichen der Wirtschaft sind sie einsetzbar. Noch im vergangenen Jahr machte das Geschäft mit Russland etwa 30 Prozent des Umsatzes in dem Unternehmen bei Leipzig aus. 2015 ist es gleich null. Wie zahlreiche Firmen in Sachsen treffen die Sanktionen der EU gegen Russland auch diesen Betrieb, wenngleich nur indirekt. Denn Russland hatte sich in den vergangenen Jahren zu einem der wichtigsten Wachstumsmärkte für die sächsische Wirtschaft entwickelt, wie die Vereinigung der Sächsischen Wirtschaft (VSW) mitteilt.

"Die Freigabe des Rubels zum Wechselkurs des Euro hat dazu beigetragen, dass unsere russischen Partner die Krane nicht mehr bezahlen können", sagt Geschäftsführer Olaf Brauer. Habe beispielsweise einer vor einem Jahr noch 80 000 Euro gekostet, liege der Preis 2015 umgerechnet beim Doppelten. Die Firma mit 70 Beschäftigten hatte das Geschäft mit Russland in den zurückliegenden Jahren kontinuierlich ausgebaut. "Wir waren auf Messen und Präsentationen, haben Händler gefunden und gemeinsam den Vertrieb forciert, um Aufträge zu bekommen", sagt Brauer. So stieg der Verkauf an russische Partner von 200 000 Euro im Jahr 2010 auf drei Millionen Euro im Jahr 2014 an.

"Sächsische Exporteure sind von der Rezession in Russland, die maßgeblich durch den rapiden Ölpreisverfall und die EU-Sanktionen ausgelöst wurde, besonders betroffen", sagt Bodo Finger, Präsident des VSW. 2013 hätten Unternehmen noch Waren im Wert von mehr als 1,3 Milliarden Euro nach Russland ausgeführt. Im Jahr 2014 seien die Exporte nach Russland um 13 Prozent eingebrochen. Besonders stark sei der Rückgang in der Elektrotechnik (-36 Prozent) und bei den Maschinenbauerzeugnissen (-16 Prozent) gewesen.

Auch im Agrarbereich haben die Sanktionen gegen Russland Folgen. "Einbrüche gab es besonders beim Export von Äpfeln", sagt Udo Jentzsch, Geschäftsführer des Landesverbandes Sächsisches Obst. Die Lieferungen nach Russland hätten fünf bis acht Prozent der Produktion von insgesamt 90 000 Tonnen ausgemacht. Als Folge des Ausfalls seien manche Sorten im vergangenen Jahr gar nicht erst geerntet oder direkt in die Mostereien geliefert worden.

Klagen kommen auch aus der ostdeutschen Textilbranche. 2014 sei der Gesamtumsatz der rund 350 Betriebe im Vergleich zum Vorjahr um 0,2 Prozent auf 1,7 Milliarden Euro zurückgegangen, sagt Bertram Höfer, Hauptgeschäftsführer des Verbandes der Nord-Ostdeutschen Textil- und Bekleidungsindustrie. Er machte dafür auch ein Abflauen des Russlandgeschäfts verantwortlich. Dieses sei wegen des schwachen Rubels um mehr als 40 Prozent eingebrochen.

Für die insolvente traditionsreiche Brandenburger Alexander Schuke Orgelbau GmbH hätte die Russland-Krise um ein Haar das Ende bedeutet. Im Vorjahr war das Geld für bereits gelieferte Orgeln ausgeblieben - 600 000 Euro. Ende 2014 wurde dann das Insolvenzverfahren der Firma mit Sitz in Werder eröffnet, die vor 120 Jahren gegründet wurde. "Auftragseingänge sind wieder da, aber aus anderen Ecken der Welt", sagt nun Ulf Rittinghaus, der vom Insolvenzverwalter beauftragte Berater für das Unternehmen.

Die politische Krise infolge des Ukraine-Konflikts wirkt sich auch auf die Brandenburger Wirtschaft aus. "Für die Firmen sind das schwierige Zeiten", sagt der Außenexperte der Industrie- und Handelskammer Potsdam, Jens Ullmann. Die stagnierende russische Konjunktur, sich durch die Rubel-Schwäche verteuernde Lieferungen aus dem Euro-Raum oder die EU-Sanktionen gegen Russland ließen derzeit kaum normale Geschäfte zu.

Allein in Westbrandenburg haben nach IHK-Angaben 200 Firmen Beziehungen mit Russland oder sind in dem Land aktiv. Hauptexportbranchen sind Gummi- und Kunststoffwaren, Nahrungs- und Futtermittel, aber auch Maschinen, Pharmazeutika oder Kfz-Teile.

Russland ist nach Angaben des Wirtschaftsministeriums der größte Außenhandelspartner Brandenburgs. Für 6 Milliarden Euro (minus 3,8 Prozent) werden Waren importiert - hauptsächlich Öl. Exporte nach Russland gingen 2014 um 13 Prozent auf 266 Millionen Euro zurück. Brandenburg stand damit aber besser da als der Bundesdurchschnitt: Insgesamt wurden ein Fünftel weniger Exporte verbucht.

Firmen, die nicht nur auf den Russland-Markt angewiesen sind, können nach Erfahrungen der IHK mit der Lage besser fertig werden. Für den Speditionsunternehmer Valerie Retler trifft das nicht zu. "90 Prozent unserer Aufträge betrafen Russlandkunden", beschreibt er das Dilemma. "Das steckt man nicht so einfach weg." 13 seiner Fahrer waren in dem Land unterwegs, vor allem Richtung Moskau und St. Petersburg. Transportiert wurden Waren jeglicher Art: von Schuhen bis zu Maschinen.

Die Aufträge seien völlig weggefallen, sagt Retler. "Wir sind aber nicht die Einzigen, die nun neue Kunden suchen. Ein Ende der Durststrecke ist noch nicht in Sicht", betont Retler. Glücklicherweise habe bislang kein Fahrer entlassen werden müssen.

Keinen Grund zum Klagen sieht im Gegensatz derzeit Heiner Vollstädt, Chef einer Acht-Mann-Firma, die auf Prüfgeräte und Sortieranlagen für Industriediamanten spezialisiert ist. "Mit unseren Kunden in Russland arbeiten wir langfristig zusammen", sagt er. Wie vor der Krise liege der Jahresumsatz mit dem Land stabil bei 100 000 Euro. "Mit unserem Spezialwissen kommen wir gut klar", sagt der Firmenchef, der wie fast alle seiner Mitarbeiter Russisch spricht. "Dadurch öffnen sich viele Türen."

Der IHK-Experte Ullmann sieht schon eine vorsichtig optimistische Stimmung. "Russland bleibt ein Zukunftsmarkt, auch wenn es jetzt die Rückschläge gibt", sagt er.

Der Orgelbauer hat sich an mehreren Ausschreibungen für Projekte beteiligt. "Wir rechnen mit Großaufträgen aus Lateinamerika", sagt Rittinghaus zur Neuaufstellung der Firma. Auch ein russischer Kunde habe wieder Interesse an einem Musikinstrument aus Brandenburg signalisiert.

Den Rückgang der Exporte nach Russland versuchen der VSW und der Obstverband, durch Lieferungen in andere Länder auszugleichen. "Doch es ist schwer, denn die Konkurrenz ist groß", sagt Jentzsch. Gleichzeitig werde versucht, die Kontakte mit den russischen Partnern mit Hinblick auf ein Ende der Sanktionen nicht abreißen zulassen. "Doch es wird nie wieder so sein, wie es war, neue Warenströme haben sich herausgebildet, andere Länder sind eingesprungen. Serbien und die Türkei zum Beispiel liefern kräftig nach Russland", sagt Jentzsch.