Nun erwartete keiner der Zuhörer von dem Chef der Linken auch nur einen klugen Satz zu solchen Problemen wie Abwassergebühren. Das Publikum, im Altersdurchschnitt einige Jahre im Ruhestand, bekam die nahe liegende aktuelle Lektion in Sachen Finanzkapitalismus. Der Mann aus dem Saarland eilte dafür ohne einzuhalten direkt von der Dienstlimousine ans Rednerpult, hielt sich dort nicht eine Sekunde mit Vorbemerkungen auf und sprang mitten in seine Sicht der Dinge. Der überfüllte Saal war beeindruckt, lange Zeit regungslos. Nach zehn Minuten gab es den ersten zaghaften Beifall. Dabei sprach der Mann den allermeisten aus der Seele in der Wusterhausener Karl-Marx-Straße. Nur sprang da nichts so recht rüber - seine Analysen waren "etwas akademisch", wie eine der wenigen jüngeren Besucherinnen hinterher sagte. Und die kleinen Bosheiten gegen den politischen Gegner zündeten auch nicht. Angela Merkels Bemühungen kommentierte Lafontaine mit dem Spruch, die Dame müsse aufpassen, dass sie demnächst nicht noch von einer großen Boulevardzeitung zur "Miss-Bildung" gekürt werde. Es lachte keiner. Auch bei den Bemerkungen zum "Staatsmann Müntefering" blieb es mucksmäuschenstill. Dann sprach der Redner wieder und wieder von der CSU und den Herren Beckstein und Huber. In Bayern ist auch Wahlkampf und der dortige Urnengang offensichtlich von erheblicher Bedeutung für die Linke. Dann kam ein kryptischer Satz darüber, dass die Linke natürlich aus Fehlern zentralistischer Systeme gelernt habe - immerhin mit dem örtlich bedingten Zusatz, dass da einige der Älteren auch Erfahrungen gemacht hätten. Ob sich einer angesprochen fühlte, war nicht zu erkennen. Zu den Ursprüngen linker Politik bemühte Lafontaine dann am Ende des einstündigen Vortrags das Christentum. Da ging zum ersten Mal ein erstauntes Raunen durch die Reihen. Und weil er es fast vergessen hatte, sprang der Vorsitzende dann nach dem ersten Abgang noch mal als Pult und sagte, alle sollten nächsten Sonntag die Genossen in den Rathäusern stärken. Es war wahrlich keine schlechte Rede mit scharfsinnigen Schlussfolgerungen, und es war ein dankbares Publikum, das sich in seinen grundsätzlichen Zweifeln am System bestärkt sehen konnte - aber so recht zueinander fanden sie an diesem Abend nicht. Und nach knapp einer Stunde war er wieder weg aus Königs Wusterhausen, der Oskar aus der Weltpolitik.Mehr zu Oskar Lafontainelesen Sie unter: www.lr-online.de/nazi-vergleich