Eine Vereidigung als Oberbürgermeisterin gibt es noch nicht, weil gegen die Wahl zwei Klagen beim Dresdner Verwaltungsgericht vorliegen. Über diese wird erst am 29. August verhandelt. Als Amtsverweserin könnte Orosz zwar den Titel Oberbürgermeisterin tragen und auch die Geschäfte führen, hätte aber kein Stimmrecht im Stadtrat.
Erneut ist es ein Sprung ins kalte Wasser. Denn die 55-Jährige übernimmt damit eine der beliebtesten, aber auch streitbarsten Großstädte im Osten, wenn nicht deutschlandweit. Im Juni hatte sich Orosz gegen sieben Konkurrenten durchgesetzt und im zweiten Wahlgang mit 64 Prozent gesiegt. Nun steht die Christdemokratin, die einen guten Kontakt zu ihrem Vorbild Kanzlerin Angela Merkel pflegt, gleich vor mehreren Herkulesaufgaben.

Neuer Schwung notwendig
Zum einen muss Orosz die vom Streit um die Waldschlösschenbrücke gespaltene Bürgerschaft wieder einen und voraussichtlich nächstes Jahr einer kopfschüttelnden Weltöffentlichkeit den Verlust des Unesco-Welterbetitels für das Elbtal erklären. Zum anderen gilt es, der Stadt neuen Schwung zu geben nach dem unrühmlichen Abgang ihres wegen Beihilfe zum Bankrott verurteilten FDP-Vorgängers Ingolf Roßberg. Die Sache mit der Brücke hält Orosz indes noch nicht für ausgemacht: "Die Hoffnung stirbt zuletzt", sagt die Görlitzerin. Sobald sie im Amt sei, wolle sie den Kontakt zur Unesco suchen. Ihr Ziel: "Das Welterbekomitee sollte uns erst bauen lassen und dann entscheiden." Nicht umsonst hätten Stadt und Land Kompromissvarianten für eine gefälligere Brücke erarbeitet. Zum Bauprojekt aber steht sie so oder so: "Wir wollen nicht in einem Museum leben."
Vorgenommen hat sich Orosz aber auch, Dresden zu einer der kinder- und familienfreundlichsten Städte Deutschlands zu machen. Bildung und Schulen, Kitas und Spielplätze seien der "Schlüssel für eine gute Zukunft", sagt die gelernte Krippenerzieherin. Was nach gut gemeinten Absichten klingt, ist auch wirtschaftliches Kalkül: Wenn die barocke Kulturstadt auch hochrangiger Wissenschafts- und Technologiestandort bleiben wolle, müsse sie den Kampf um die jungen, klugen Köpfe gewinnen.
Helfen wird Orosz dabei die beispiellos gute Finanzsituation. Seit dem Verkauf der städtischen Wohnungsgesellschaft Woba an den US-Investor Fortress 2006 ist Dresden schuldenfrei. Orosz will diesen Schatz bewahren und neue Kredite vermeiden. Die Befreiung von der gewaltigen Zinslast ermöglicht so dreistellige Millionen-Investitionen.
Die Erwartungen an die Neue sind daher immens, doch Orosz wird auch einiges zugetraut. Den Job als Ministerin für Soziales und Gesundheit unter Ex-Regierungschef Georg Milbradt hat sie trotz BSE und Vogelgrippe nicht nur ohne Blessuren überstanden, sondern bei Reizthemen wie Ärztemangel und Kita-Betreuung eigene Ideen verwirklicht. Diese solide Amtszeit mag an der handfesten wie bemerkenswerten ostdeutschen Karriere liegen, die Orosz in den letzten 18 Jahren hingelegt hat: Als Leiterin einer Kindereinrichtung ging sie erst nach der Wende in die Politik, wurde 1990 Sozialdezernentin des Kreises Weißwasser. 1998 trat sie der CDU bei und wurde 2001 zur Oberbürgermeisterin gewählt. 2003 holte Milbradt sie ins Kabinett.
Das aber waren nur die Mühen der Ebene, gemessen an der Aufmerksamkeit, die sie mittlerweile erfährt. Seit ihrer Kandidatur berichtet die Boulevardpresse über ihre Freundschaft mit Altrocker Peter Maffay, über die angebliche Wandlung ihres Outfits samt Starfrisör und Visagist, über ihre Begeisterung für Sport, Wellness und ihre Enkel. "Bunte" und "Super Illu" interessieren sich gar für das Liebesleben der allein lebenden Mutter einer Tochter, die nach wie vor den Namen ihres ungarischen Ex-Mannes trägt. "Ich staune selbst über das große Interesse", sagt Orosz.

Präsidialer Stil für Dresden
Aber Dresden sei halt etwas besonders, und sie will die Kommune eher im präsidialem Stil als mit polarisierendem Krach führen. Respekt, Achtung und Offenheit lauten ihre Vokabeln und sie scheint sich dabei ernsthaft auf das neue Amt zu freuen. Das war anfangs nicht so. Georg Milbradt hatte Orosz erst drängen müssen, ins Rennen um Dresden zu gehen. Doch mit ihrer charmanten wie zupackenden Art gelang es der CDU, neben den SPD-geführten Rathäusern in Leipzig und Chemnitz wenigstens eine der drei sächsischen Großstädte wieder zu erobern. Und damit auch eine wichtige Bastion für die Landtagswahl 2009.