Dieses Foto wollte Gerold Schellstede unbedingt für sein Gästebuch haben. Vor seinem Seehotel - dem ehemaligen Ledigenwohnheim der Ilse Bergbau AG - lässt er sich mit Sigmar Gabriel ablichten. Politprominenz hat der Hotelier am Ufer des künftigen Großräschener Sees zwar schon öfter begrüßen können. "Doch ein Bundesvorsitzender kommt nicht alle Tage hier vorbei", sagt der 72-Jährige.

Für SPD-Chef Gabriel hat der Ort der Klausurtagung der Brandenburger SPD-Landtagsfraktion durchaus etwas Überraschendes parat. Vor seinem kurzen Statement zur Industriepolitik und zur Energiewende in Deutschland gönnt er sich einen Blick in Schellstedes "Fälschermuseum". Er staunt und nickt anerkennend. Aber die Zeit drängt. Von den Kopien berühmter Gemälde an den Museumswänden muss Gabriel schnell aufs Original umschalten. Mit den Brandenburger SPD-Landtagsabgeordneten und deren Gästen hat er sich um die Industriepolitik Gedanken gemacht.

Selbst für Fachkräfte sorgen

Seine Botschaft: Deutschland sei so gut durch die Krise gekommen, weil Industrie und verarbeitendes Gewerbe stark ausgeprägt seien. Diese Bereiche sind seiner Auffassung nach die Grundlage für den Wohlstand hierzulande und sie würden es auch in Zukunft sein. "Dafür müssen aber auch weiter die Voraussetzungen geschaffen werden", leitet Gabriel auf den Komplex Fachkräfte-nachwuchs über, der auch die Brandenburger in ihren dreitägigen Beratungen beschäftigt hat.

Mehr Bildung heißt das Schlagwort. Doch dabei bleibt es bei Gabriel nicht, der nicht nur bei diesem Thema ein Stückchen auf Bundestagswahlkampf-Modus umschaltet. Denn an die Bundesregierung gewandt sagt er, "dass ausreichend Fachkräfte für die Industrie zur Verfügung gestellt werden müssten". Trotz oder gerade wegen der demografischen Entwicklung, auch in der Lausitz. Gabriel wird konkret: Dass jährlich 50 000 junge Leute in Deutschland die Schule ohne Abschluss verlassen würden, dem müsse entgegengewirkt werden. Auch bricht der SPD-Chef eine Lanze für die Beschäftigung älterer Arbeitnehmer. Und er erinnert daran, dass viele Frauen vor allem in den alten Bundesländern ihrem Job nachgehen würden, wenn es eine auskömmliche Kinderbetreuung geben würde.

Dass er in der Lausitz nicht um das Thema Energie herumkommt, weiß Gabriel. Das will er auch gar nicht. Denn der politische Kontrahent in Berlin hat aus Sicht der SPD "die Energiewende praktisch vor die Wand gefahren". Nach dem Atomausstieg habe es von der Bundesregierung eine "Operation am offenen Herzen gegeben". Und an die Adresse von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) fügt Gabriel hinzu: "Dass der Patient Energiewende noch lebt, ist nicht der Kunst der Chefärztin zu verdanken."

Mit den Brandenburgern ist sich der Bundesvorsitzende einig, dass Kohle und Gas zur Energiewende dazugehören. Wenn am 11. November 2011 nicht zufällig ein deutsches Kohlekraftwerk in Probebetrieb gegangen wäre, führt Gabriel aus, dann hätte es einen flächendeckenden Stromausfall gegeben. "Wir brauchen die konventionellen Kraftwerke, wenn kein Wind und keine Sonne vorhanden sind", sagt er und plädiert dafür, alle im Bau befindlichen Kohlekraftwerke zu vollenden.

Hier gehen die Brandenburger in ihren Klausurpapieren zur Industriepolitik und zu den "Perspektiven der Lausitz" einen Schritt weiter. Der stellvertretende Vorsitzende der IG Bergbau, Chemie, Energie, Ulrich Freese, der als Arbeitnehmervertreter an den Beratungen im Seehotel teilnahm, spricht zunächst von "längst überfälligen industrie-politischen Entscheidungen in der Lausitz". Auf Nachfrage verweist der SPD-Bundestags-Direktkandidat für Cottbus/Spree-Neiße auf die Energiestrategie 2030 der rot-roten Koalition und sagt: "Es geht um ein neues Braunkohlekraftwerk."

Kraftwerk - Signal an die Region

Nach Freeses Einschätzung gebe es für das jetzige Kraftwerk mit zwölf bis 18 Jahren eine begrenzte Laufzeit. Für ihn sei es ein Signal an die Region und ein klares politisches Bekenntnis, für ein modernes CO-armes Kohlekraftwerk einzutreten. Auf künftige Kohlendioxidbelastungen angesprochen, hält der seit 21 Jahren in der Lausitz lebende Freese entgegen, dass Brandenburg und Sachsen bereits "in eine gigantische Vorleistung bei der Reduzierung von CO im Vergleich zu anderen Industriebereichen gegangen sind". Mit der Modernisierung und Stilllegung von Kapazitäten seien nach der Wende 220 Millionen Tonnen Kohlendioxid pro Jahr weniger produziert worden.

Für Ralf Holzschuher besteht 2013 kein Anlass für Entscheidungen zu diesem Thema. "Aber wir wollen die Option offenhalten." Für den Landtags-Fraktionschef ist die Energiepolitik zudem nur ein Bereich, der künftig enger mit dem Nachbarn Sachsen abgestimmt werden soll. In den Lausitz-Perspektiven findet sich die Wirtschaftsförderung entlang der Landesgrenze ebenso wieder wie die Infrastruktur, die Bergbausanierung mit der Verockerung der Spree oder das koordinierte Vorgehen gegen Grenzkriminalität. Und Holzschuher sagt ausdrücklich, dass die Opposition im Landtag zum gemeinsamen Handeln für die Lausitz aufgerufen ist.