Waldemar Günther lässt diesmal eine Gießkannenfüllung mehr aus seiner Regenwassertonne laufen. „Werner hatte doch die Leisten-OP und liegt noch im Krankenhaus“ , sagt der 77-Jährige zu seinem Vereinschef und gießt einen Schwall kühles Nass auf Nachbars Tomaten. Hans Marmetschke nickt vom Weg zufrieden herüber - und geht weiter.
In der Anlage „Am Landgraben“ ende der Blick der Kleingärtner nicht am eigenen Gartenzaun, sagt Marmetschke und beschreibt ein Stück sozialer Idylle: Gemeinschaft, Akzeptanz eines jeden, egal, ob Firmenchef oder Arbeitslosengeld II-Empfänger - darauf komme es an auf der gut zehn Hektar großen Grünfläche mit ihren 214 Parzellen und den zwei Parks.

Sanft ausgeübter Druck
Am Landgraben, der sich durch die Anlage schlängelt, bleibt der Cottbuser stehen. Breite Grünstreifen flankieren den Schilf bestandenen Wasserlauf, Bänke laden ein, Platz zu nehmen. Jemand schaut über eine Hecke und grüßt Marmetschke aus seinem Kleingarten. „Tag Rainer!“ Rainer, erzählt der Vereinschef, gehöre zu den Mitgliedern, die im Jahr nur fünf statt zehn Arbeitsstunden ableisten müssen. Er pflegt eine Blumen-Rabatte im Park. „Das rechnen wir ihm an.“
Marmetschke selbst investiert allein in einem Monat mindestens zehn Stunden Arbeit in den Verein. Zeit, die er sich abknapsen muss. Denn mit seinen 68 Jahren steht er noch mitten im Berufsleben. Der gelernte Sicherheitsingenieur ist seit einigen Jahren als Immobilienverwalter in Cottbus und Forst tätig. Was er dort erlebt, hat mit sozialer Idylle wenig zu tun.
Ständig Hunderte Wohnungen mit Mietern zu füllen, sei schwer in diesen Zeiten. Einige Kunden, erzählt er, würden ihm immer wieder Ärger machen; statt ihre Miete zu überweisen in den Urlaub fahren oder sich ein großes Auto kaufen. Mit Mietnomaden habe er es auch zu tun. Menschen, die von einer Wohnung in die nächste ziehen, ohne ihre Miete zu zahlen. „Zack, sind die plötzlich weg, spurlos.“
Am Landgraben zahlen Kleingärtner für ihre 300 Quadratmeter zehn Euro Pacht im Monat. Dem Bundeskleingartengesetz sei Dank. In ihm ist eine Pachtzinsbegrenzung festgeschrieben. Daneben allerdings auch einige Pflichten. Marmetschke bleibt vor einer Parzelle stehen. Zwei ältere Damen haben sie gepachtet. „Sehr ansehnlich, was die beiden hier machen, die bewegen sich wirklich.“ Die Terrasse allerdings sei ziemlich groß, überhaupt ist eigentlich zu viel Fläche zugepflastert auf dieser Parzelle. Marmetschke erinnert an die Drittel-Regelung: ein Drittel für Obst und Gemüse, ein Drittel für Blumen und Ziergehölze, ein Drittel für Wege, Laube und Terrasse.
Dann dürfen auch die Bäume nicht zu groß werden. Maximal 2,50 Meter. „Wir haben ein paar sechs, acht Meter hohe Bäume“ , gibt der Vereinschef zu. Die müssten weg. „Aber machen Sie das mal den Betroffenen klar.“ Das ginge nur mit sanftem Druck. Über unangenehme Dinge müsse man eben auch miteinander reden. „Sonst würden einige nie aufhören, auf den Wegen mit dem Auto bis zum Garten zu fahren.“ Bei manch einem reiche nicht einmal das. Marmetschkes Gesicht ist leicht verzerrt, als er sagt: „Erstmals in meiner Zeit als Vorsitzender muss ich einen Gartenfreund abmahnen.“ Die Autofahrerei, der liegen gelassene Müll - das gehe nicht so weiter.
Reibungslose Abläufe herstellen, eine funktionierende Ordnung aufrechterhalten - für Hans Marmetschke sind das Herausforderungen, die er schon als Sicherheitsingenieur gesucht hat. Bei der VVB Kraftwerke, aus der später die Veag wurde, habe er gezeigt, wie gut er das kann. „Die haben mich von einer Baustelle zur nächsten geschickt. Die wussten, der Marmetschke, der macht das schon“ , erinnert sich der Spaziergänger auf dem Weg zum Vereinshaus. Verhandlungsgeschick habe er sich dabei angeeignet und Kommunikationsfähigkeit.

Keinen Unfall zugelassen
Das nütze ihm auch bei den Vorstandssitzungen der Kleingärtner alle sechs Wochen, wenn er gestandenen Männern Aufgaben aufdrücken muss. Hans Marmetschke ist im Vereinshaus angekommen. Er steht am Sitzungstisch und legt seine Hand auf eine Stuhllehne: „Hier sitzt der Chef einer Polizeiwache, hier ein Geschäftsführer. Die lassen sich nicht so einfach was sagen.“ Aber es helfe ja nichts. Es müssten Termine für die nächsten Arbeitseinsätze gemacht, Urkunden für verdiente Kleingärtner gefertigt, Dankeschön-Ausflüge zum Beispiel in den Spreewald oder Weihnachtsfeiern vorbereitet werden. „Das erledigt sich nicht von selbst.“
Vereinschef Marmetschke klappt seinen Aktenkoffer auf und holt eine Jubiläumsbroschüre hervor: „25 Jahre Kleingartenanlage Am Landgraben Cottbus“ , erschienen vor zwei Jahren. „Ich war von Anfang an im Vorstand.“
Irgendwann wurde er Vorsitzender. Unter Marmetschkes Regie gab es bei Arbeitseinsätzen, beim Wegebau und Heckenschnitt nie einen Unfall. „Da hat sich keiner auch nur einen Nagel eingerissen.“ Die stets vorbildhaft eingehaltene Gartenordnung, der Parkcharakter großer Teile des Areals, den demnächst ein öffentlicher Radwanderweg durchziehen wird, brachte den Ströbitzern bundesweite Anerkennung ein. Vergangenes Jahr bekam der Verein eine Silbermedaille im Bundeswettbewerb „Gärten im Städtebau“ .
Noch wichtiger ist die gute Auslastung. Alle Gärten sind vergeben. Eine Seltenheit in Zeiten des Bevölkerungsschwunds. Selbst junge Leute zieht es an den Landgraben. Marmetschke schmunzelt: „Ja, unser Kleingarten hat auch genug junges Gemüse.“

Hintergrund Erster Ost-Präsident
  156 Delegierte der eine Million Kleingartenvereine in Deutschland wählen heute einen neuen Präsidenten. Erstmals in der Geschichte des Deutschen Kleingartenverbandes (BDG) wird es voraussichtlich ein Ostdeutscher sein. Achim Friedrich aus Potsdam ist einziger Kandidat.
Daneben diskutieren die Delegierten Strategien gegen den Nachwuchsmangel gerade in den neuen Ländern, so BDG-Geschäftsführerin Theresia Theobald. Außerdem wichtig sei das Bekenntnis zum Bundeskleingartengesetz mit seiner Pachtzinsbegrenzung. Denn es gebe immer wieder Versuche verschiedener politischer Lager, das Gesetz zu kippen, so Theobald.